Harley-Davidson V-Rod Muscle

Gerade zurück von der Route 66

Von Michael Kirchberger

Harley-Davidson schmückt die Neue mit einigen Spezialitäten: V-Rod Muscle

Harley-Davidson schmückt die Neue mit einigen Spezialitäten: V-Rod Muscle

26. Juni 2009 307 Kilogramm Lebendgewicht und eine Gestalt zum Anhimmeln: Das ist die jüngste Variante „Muscle“ der 2002 erschienenen Baureihe V-Rod von Harley-Davidson. Und die wölbt sich in der Tat wie ein praller Bizeps auf der Straße. Ihren Reiter zwingt sie aufgrund weit vorn liegender Fußrasten und eines ebenso hinterm Horizont plazierten Lenkers in eine ähnliche Form wie die ihres V-Twin. 89 kW (121 PS) leistet das 1,3-Liter-Triebwerk, dessen Zylinder im Winkel von 60 Grad zueinander stehen. Der V-Rod-Fahrer faltet sich zum V. Die Motor Company verlangt vom Kunden also Flexibilität und 18.895 Euro, dafür gibt es viel Prestige, ABS serienmäßig und einen wahrhaft atemraubenden Auftritt.

Harley-Davidson schmückt die Neue mit einigen Spezialitäten, die es in der V-Rod-Serie sonst nicht gibt. Statt eines einseitig verlegten Doppelauspuffs hat das schmucke Stück seine Endrohre auf beide Seiten verteilt. Rechts windet sich der Krümmer schlangenartig um den Zylinder, dann nach vorn und schließlich in einem kühnen Radius Richtung Hinterrad. Satinierter Chrom ziert beide mächtige Röhren, blitzend präsentieren sich die Zylinder, und auch an Gabel und Cockpit glitzert es. Damit erinnert das Muscle-Modell nicht an den Trainingsschweiß einer Muckibude, sondern an einen Swarovski-Laden. Für den akustischen Auftritt gilt das ebenfalls: Er ist überraschend sanft.

In weniger als vier Sekunden von 0 auf 100 km/h

Die Sitzbank ist arg kantig, aber breit, insgesamt nicht unbequem. Das Sitzkissen für den Beifahrer dagegen wirkt wie ein mutiger Scherz, dient mit seiner Vorderkante wohl eher dazu, den Fahrer abzustützen, wenn der zu kräftig am Gasgriff dreht. Denn die V-Rod Muscle stürmt – auch dank einer sehr kurzen Getriebeübersetzung – ordentlich los; in weniger als vier Sekunden katapultiert sich der Stahlklotz von 0 auf 100 km/h. 230 km/h als Höchstgeschwindigkeit sind ein rein theoretischer Wert, denn die Sitzposition mit den weit nach vorn geschobenen Stiefeln bereitet schon bei 160 km/h Schwierigkeiten, wenn der Fahrtwind unter die Sohlen drückt und den Füßen Auftrieb beschert.

Entspanntes Gleiten passt besser. 66 Grad Lenkkopfwinkel und 1,7 Meter Radstand, da muss man noch keinen Meter gefahren sein, um zu ahnen: Die V-Rod zieht lange Radien allzu engen Kehren vor. Dazu dieser extrem breite 240er-Hinterreifen: Er macht schwer was her, sträubt sich allerdings gegen flotte Schräglagenwechsel, braucht straffe Führung und ein Schutzblech in Übergröße. Auch hier haben die Designer Besonderes geschaffen: Der Heckfender nimmt LED-Rücklicht und -Blinker in einer schlanken Leuchteneinheit auf. Sehr originell, sehr schick.

Das gilt auch für die vorderen Blinker, die in die Spiegelhalterungen integriert sind – eine ebenso funktionale wie formschöne Lösung. Die beiden Rundinstrumente im Cockpit sind zwar hübsch anzuschauen, aber leider nicht gut abzulesen. Schon bei geringer Sonneneinstrahlung verblassen die futuristisch gestalteten Skalen. Die Bedienung stellt darüber hinaus keine besonderen Anforderungen, die niedrige Sitzposition von knapp 70 Zentimeter über der Fahrbahn erlaubt ein feines Ausbalancieren der V-Rod im Stand und beim Rangieren, was erfreulich ist angesichts ihrer gut sechs Zentner.

Ein Bike für die Genießer besonderen Designs

Mehr als in Kurvenkombinationen fühlt sich die Maschine auf den langen Geraden von A 66 und Route 66 heimisch. Die Bremsen lassen sich vorzüglich dosieren, das ABS verhindert das Blockieren der Räder zuverlässig, und das flinke Vorbeiziehen am schweren Truck gelingt dank erheblicher Durchzugskraft und einem maximalen Drehmoment von 115 Newtonmeter bei 6500 Umdrehungen in der Minute stets bestens. Vibrationen halten sich in Grenzen, der Motor läuft mustergültig seidig. Der Verbrauch kann ebenfalls erfreuen. Nur wenig mehr als fünf Liter Super genügen dem Twin für 100 Kilometer, bei fast 19 Liter Tankinhalt ist die Reichweite kein Problem. Pausen erzwingen viel eher die Härte der Sitzbank und die nicht ganz komfortable Federung, vor allem aber die wenig entspannte Sitzhaltung des Fahrers.

Die V-Rod Muscle ist ein Bike für die Genießer besonderen Designs, die obendrein einen ordentlichen Anschub schätzen. Wen die typischen Begleiterscheinungen der Marke (krachendes Schalten der fünf Gänge und das matte Lächeln der Fahrer von Sportmotorrädern) nicht weiter stören, wird sich auf dem Muskel-Krad gut aufgehoben fühlen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller

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