12. Juni 2005 Noch immer gibt es Menschen, die eine Vespa in erster Linie für ein Transportmittel halten. Falsch. Eine Vespa verkörpert Gefühl und Werte: Tradition, Geschmack, die Freude an einem Cappuccino unter dem Sonnenschirm und an den frechen Formen der Fortbewegung. Piaggio, der Hersteller aus dem Land, in dem die Zweirädrigen einen atemraubenden Stiefel fahren, verkauft einen Lebensstil - den Roller gibt es gratis dazu. Im Falle der neuen Edel-Vespa GTS 250 i.e. für 4299 Euro. Für weitere 500 Euro gibt es - Novum bei Vespa - sogar ein Antiblockiersystem fürs Vorderrad.
Im Piaggio-Konzern ist das große Sortieren und Positionieren im Gange. Mit der Übernahme Aprilias ist das Marken-Sammelsurium des italienischen Rollerriesen zusätzlich gewachsen, in den Weiten des Modellprogramms sind Anzeichen von Kannibalismus zu erkennen. Vespa soll noch mehr in Richtung Premium gerückt werden, nicht nur durch die Fahrzeuge selbst, sondern auch mit Hilfe von Zubehör, Kleidung und Accessoires. So will man sich von der Konkurrenz absetzen und der Schwemme von Billigrollern chinesischer Herkunft erwehren.
Nostalgisches Design
Die GTS 250 i.e. ist ein Gegenpol zur Beliebigkeit der Masse. Mit der stärksten und schnellsten Vespa aller Zeiten hat Piaggio technisch den nächsten Schritt gemacht, ohne sich vom klassisch-schönen Design zu verabschieden. Die Ähnlichkeit zur Vorgängerin, der GT 200, die nach nur zwei Jahren abgelöst wird, ist groß, hübsche Details allerdings werten die GTS spürbar auf: eine kleine Chrom-Flosse auf dem vorderen Schutzblech, ein nostalgisches Standlicht mitten auf der Front der Verkleidung, ein kürzerer Kotflügel am Heck, ein neues Rücklicht, ein praktischer Chrom-Klapp-Gepäckträger, eine ausgezeichnete Sitzbank mit genarbtem Bezug.
Zuviel und zuwenig
Bei so viel Retro schaut man indes irritiert auf das Gewimmel von Ziffern und Balken der überfrachteten Digitalanzeige neben dem Analog-Tacho im Cockpit: Uhr, Tankuhr, Kühlwasser, Außentemperatur, Kilometerzähler, Drehzahlmesser - alles auf einmal und wegen zu kleiner Darstellung nur schwer abzulesen. Da hat man wohl zuviel gewollt. Zuwenig dagegen bietet das Helmfach der GTS 250, welches - wie schon das ihrer 3999 Euro kostenden Vorgängerin - kaum einen handelsüblichen Jet- und erst recht keinen Integralhelm aufnehmen kann. Gerade mal einen Piaggio-Hut ohne Visier bekommt man mit Ach und Krach hinein. Das ist der Schwachpunkt dieser Vespa.
Pure Fahrfreude
Die starken Momente waren auf ersten Probefahrten aber klar in der Überzahl: Der auf 12-Zoll-Rädern rollende Scooter punktet mit spritzigem Fahrverhalten, tollem Handling und überragender Wendigkeit. Er läßt sich sportlich bewegen, abgesehen davon, daß der Hauptständer bei engagierter Fahrweise in Linkskurven arg früh am Asphalt kratzt. Gegenüber dem bisherischen Flaggschiff GT 200 hat die GTS 250 an Leistung (16 kW/22 PS bei 8250/min) und Drehmoment (20,2 Nm bei 6500/min) beträchtlich zugelegt. Der 244-Kubikzentimeter-Einzylinder-Viertakter ist mit Vierventiltechnik, elektronischer Einspritzung, Wasserkühlung und Dreiwegekatalysator auf der Höhe der Zeit, schnurrt leise und vibrationsarm. Als eins der ersten motorisierten Zweiräder überhaupt läßt diese Vespa schon jetzt die kommende Euro-3-Abgashürde hinter sich. Die Variante ohne Antiblockiersystem erreicht den Handel in diesen Tagen, auf die ABS-Version muß man bis Ende Juni warten.
Text: F.A.Z., 07.06.2005, Nr. 129 / Seite T5
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