Von Sebastian Schmidt
27. März 2008 Auch beim Segeln ist alles nur eine Frage der Relationen. Durch verschiedene Maßnahmen haben wir unsere Boote fast 200 Gramm leichter gemacht“, sagt Oliver Schott. Fast 200 Gramm, Donnerwetter! Das Gewicht von zwei Tafeln Schokolade entscheidet auf einer normalen Yacht kaum über Sieg und Niederlage. Auf einer AC-60“ vielleicht schon.
Der America’s Cupper in Miniaturausgabe, auf 61,2 Zentimeter geschrumpft, wiegt segelfertig nur zwei Kilo. Da macht es etwas aus, wenn der Akku bei mir nur 64 statt 125 Gramm oder meine Servos nur je 10 statt 36 Gramm auf die Waage bringen“, meint Schott. Der ehemalige Wettkampfsurfer fährt auch bei Modellsegelregatten am liebsten ganz vorn mit. 2006 ist der Achtunddreißigjährige aus Kiel in der Klasse AC-60 auf Anhieb deutscher Meister geworden, mit offensichtlich gutem Material. Das Boot schnell zu machen geht nur an Land.“ Denn anders als bei den Regatten der Großen“ gibt es auf Modellyachten keine Crew, die durch spektakuläre Leistungen auf dem Wasser Mängel der Konstruktion ausgleichen könnte.
Die Hardcore-Modellisten
So machte Schott sein Boot nicht nur leicht, sondern übertrug auch seine als Surfer gewonnenen Kenntnisse über Segelprofile aufs Modellrigg. In der Nacht vor der Wettfahrt 2006 schneiderte und klebte er sich komplett neue Segel. Die hatten Profil und waren aus einer extrem leichten Kunststofffolie, wie sie im Modellflugbau verwendet wird. Mein Boot war damit so überlegen, dass ich quasi Kringel um die Konkurrenz fahren konnte.“ Die anderen fuhren damals meist die flach geschnittenen Originalsegel des japanischen Herstellers Kyosho – und hatten keine Chance. Heute gewinnst du mit neuen Segeln allein keinen Blumentopf mehr, denn die haben inzwischen fast alle“, weiß Schott, mit einem Meistertitel und zwei zweiten Plätzen derzeit einer der besten AC-60-Segler.
Hersteller Kyosho hat ebenfalls nachgebessert, mit neuen, leichten Segeln für das 2007er-Modell der Fortune II“, wie Sven Hamann von Kyosho Deutschland berichtet. Die Fangemeinde wächst und ist ambitioniert, keine andere Modellyacht hat in den vergangenen Jahren eine ähnliche Nachfrage hervorgerufen. Seit dem Start 2003 sind fast 6000 Fortune“- Boote (von den Aktiven AC-60-Class getauft) verkauft worden. Der Basispreis beträgt 239 Euro, aber mit einer Yacht im Originalzustand ist auf dem Regattakurs nichts zu holen.
Es muss getüftelt und gebastelt werden, stellt Jens Eickhoff klar. Den hat Schott erst vor zwei Jahren mit dem Modellyacht-Virus infiziert. Je nach Wind und Revier justiert Eickhoff sein Bötchen millimetergenau. Er spricht die gleiche Sprache wie die Jollen- oder Dickschiffsegler, wenn der IT-Manager erklärt: Den Twist des Großsegels stelle ich per Baumniederholer ein, die Spannung des Unterlieks per Rändelschraube.“ Jens Eickhoff gehört zu einer zehn Mann starken Gruppe von Hardcore-Modellisten“, die in der AC-60-Regattaszene momentan den Ton angibt. Bei der diesjährigen deutschen Meisterschaft Ende Februar belegten die Kieler die ersten vier Plätze, Eickhoff gewann.
Braucht man Segelkenntnisse, um klarzukommen?
Am Material allein kann das nicht liegen. Jens bringt vom Regattasegeln gute Voraussetzungen mit“, meint Mentor Schott. Mindestens genauso wichtig wie ein bestens getuntes Boot sei die Fähigkeit zum konzentrierten Steuern. Die Skipper sorgen mit ihrer Zweikanal-Funkfernsteuerung vom Ufer aus dafür, dass es auf dem Wasser flott vorangeht. Unablässig bewegen sie kleine Steuerknüppel hin und her, jeder der Hebel steuert über ein Signal einen kleinen Servo genannten Elektromotor im Bootsrumpf an. Über Riemen, Gestänge und Schnüre verstellen diese dann Pinne oder Segel. Alle Manöver eines großen Schiffs wie etwa (zum Wind) anluven, (vom Wind) abfallen, wenden oder halsen beherrscht auch eine Modellyacht.
Braucht man also Segelkenntnisse, um mit den Modellen klarzukommen? Nicht unbedingt, meinen die Experten. Zwar seien Kenntnisse über Regeln und Manöver Voraussetzung, und ein Gefühl für Windrichtung und -stärke helfe, den optimalen Kurs zum Wind zu steuern. Aber die Modelle reagieren oft ganz anders als echte Rennyachten“, sagt Schott. Schon eine etwas zu starke Windböe könne den Steuermechanismus der Leichtgewichte aushebeln.
Am gefährlichsten ist Wassereinbruch
Selbst die Könner haben nicht immer alles im Griff. Beispiele für außerplanmäßiges Segelverhalten gibt es auch bei der AC-60-Meisterschaft im Wedeler Yachthafen. Einige Miniyachten reagieren plötzlich nicht wie gewünscht und treiben an Dalben oder in Schwimmstege (Akku leer und nicht rechtzeitig bemerkt“, analysiert Schott trocken). Andere verkeilen sich an der Wendemarke mit ihren Riggs wie Hirsche beim Brunftkampf und segeln dann unfreiwillig im Päckchen weiter. Dann muss das Shore-Team“ zum Einsatz. Bei den Kielern ist das Siegfried Ettling, pensionierter Schlosser mit einem Eigenbau-Katamaran. Per Funk dirigiert Ettling sein Serviceboot zu den Havaristen und bugsiert sie Richtung Ufer.
In manchen Situationen kann allerdings auch Ettlings Minischlepper nichts mehr ausrichten. Oliver Schott: Am gefährlichsten ist Wassereinbruch. Der kann zum Sinken und Verlust des Boots führen.“ Ein unangenehmer Anblick für einen Modellsegler, wenn er seine bis zu 450 Euro teure Rennziege titanicartig in den Fluten verschwinden sieht. Wir haben da in der Gruppe einen Spezialisten, der mitten im Winter schon zweimal seinen Neoprenanzug holen musste, um sein Boot aus der Tiefe zu bergen“, erzählt Schott mit einem Spritzer Schadenfreude. Ein anderes Problem der Modellathleten: Nässe an Bord, darauf reagieren die Servos allergisch. Ein von Servo-Zittern“ befallenes Boot lässt sich nicht mehr richtig steuern. Das ist, als würde man ständig die Segel dichtholen und aufmachen und an der Pinne rühren, ohne dass es nötig wäre“, beschreibt der Kieler Ulrich Hase das Phänomen. Der Kurzschlussdefekt führt dazu, dass die kleinen Elektromotoren eigenmächtig Ruder und Segel verstellen.
Dem Problem zu Leibe, mit Kitt aus dem Karosseriebau
Hans Genthe von Stockmaritime aus Hamburg, dem größten deutschen Kyosho-Händler, weiß um diese Schwierigkeiten. Die Boote sind im Originalzustand nicht ausreichend gegen Wassereinbruch gesichert. Die Segelführungen verhaken sich manchmal in den Luken und öffnen sie unbeabsichtigt.“ Die Hamburger rücken dem Problem mit Kitt aus dem Karosseriebau zu Leibe. Zusätzlich schützen wir noch alle Kontakte durch ein Spezialspray.“
Ärger wegen Nässe hat eine andere Fraktion der Modellbootszene kaum: die Selbstbauer. Bei mir reicht der Deckel einer Kaffeedose, und mein IOM-Boot (International One Meter) ist völlig dicht“, sagt Michael Scharmer. Er ist vom Fach, und er ist Purist, seine Konstruktionen sollen auf dem Wasser so schnell wie möglich, dabei in der Herstellung billig und einfach sein. Vor allem ist der fünffache Deutsche IOM-Meister aber ein Meister des Entwerfens. Einfach nur einen Bausatz zusammenzukleben, kann sich der Schiffbauingenieur überhaupt nicht vorstellen. Die Meterklasse hat nur wenige Klassenvorschriften, als Konstrukteur lässt sie einem viel Freiheit.“ Seine kleinen Boote entstehen in der Mittagspause“ seiner Arbeit, bei der er richtig große entwirft – im Yacht-Konstruktionsbüro von Georg Nissen in Laboe.
Quer durch Europa, auf der Suche nach Konkurrenz
Dem rasch skizzierten Entwurf folgen dann lange Stunden im heimischen Keller, wo aus gängigen Boots- und Modellbaumaterialien wie Balsa, hauchdünnem Birkensperrholz und Epoxidharz eine Positivform des Rumpfs entsteht. Die Fummelei fängt eigentlich erst beim Rigg an“, sagt Scharmer. Auch das sägt, bohrt, feilt der Kieler selbst und nimmt dazu Holz, Aluminium oder Messing. Optimiert wird danach durch Segelversuche auf dem Wasser.“ Viele IOM-Segler seien noch Bastler vom alten Schlag, meint Schlepper-Kapitän Siegfried Ettling, der neben seiner AC-60 mehrere Selbstbau-Meterklassenboote besitzt.
Weil es Scharmer in Deutschland an Konkurrenz mangelt, reist er quer durch Europa, um sich auf den besten Revieren mit starken Gegnern zu messen. England hat es ihm besonders angetan: Dort gibt es speziell für das Modellsegeln in Ost-West-Richtung angelegte Becken“, lässt er wissen und kritisiert die Beschaffenheit seines heimischen Reviers: Irgendwann vor langer Zeit hat mal jemand die Kieler Förde falsch konstruiert, denn sie verläuft in Nord-Süd-Richtung, gegen die Hauptwindrichtung.“
Modellyachten sind keine rekonstruierten Schiffsmodelle, sondern eigenständige Sportgeräte. RC-Segeln (RC steht für Radio-Controlled) ist in Deutschland für mehrere tausend Fans Hobby oder Wettkampfsport. Die Vorläufer der RC-Modelle kommen aus England. Dort soll erstmals um 1880 mit Modellyachten gesegelt worden sein. Die Boote wurden in speziell dafür angelegten Becken vom Rand aus mit langen Rechen manövriert und am Ende der Bahn gewendet.
Offizielle und inoffizielle Klassen: Die bekannteste ist die IOM-(International One Meter-)Klasse mit einer Rumpflänge von genau einem Meter und einer Segelfläche von 0,5 m². Außerdem gibt es die schon seit 1932 existierende M-Klasse (benannt nach der amerikanischen Stadt Marble head) mit 127 Zentimeter Rumpflänge. Beide werden vom Deutschen Segler-Verband anerkannt. Beliebte inoffizielle Klassen sind die von Graupner hergestellten Micro-Magic-Boote sowie die AC-60. Gefunkt wird auf Frequenzen des 27- und 40-Mhz-Bands. Verschiedene Paare sogenannter Quarze sorgen für unterschiedliche Frequenzen je Boot. Zum Transport werden Mast und Beseglung abgenommen. In speziellen Taschen verstaut, passen oft mehrere Micro-Magic- und AC-60-Modelle auf die Rückbank eines Kleinwagens.
Regatten und Treffpunkte: Außer Freundschaftswettfahrten finden regelmäßig Ranglistenregatten, außerdem nationale und internationale Meisterschaften statt. Gesegelt wird entweder ein sogenanntes Olympisches Dreieck oder ein Upside-down-Kurs zwischen zwei Bojen.
Weitere Information unter www.dsv-modellsegeln.de;
Beschreibung von Michael Scharmer, wie ein Modellboot im Eigenbau entsteht, unter: www.dsv-modellsegeln.de;
Termine: www.rc-network.de;
AC-60-Modelle: www.kyosho.de; www.stockmaritime.com.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Gilles Martin-Raget, Jochen Pakuss
