Von Ulrich Friese, London
07. April 2008 Um die Gegend, in der Andrew Ritchie tagsüber residiert, machen Kunden der Brompton Bicycle Ltd. lieber einen großen Bogen. Graue Industriefassaden aus den 70er Jahren und lange Reihen an Sozialwohnungen, die berüchtigten Council Flats, säumen die engen Straßen im Londoner Stadtteil Brentford. Die Tristesse im Westen bildet den wahren Kontrast zu den noblen Bauten in der Fleet Street, Farringdon oder Liverpool Street - jenen Büromeilen im Stadtzentrum, in denen Investmentbanker, Rechtsanwälte oder Wirtschaftsprüfer zu arbeiten pflegen.
Doch genau hier wird man bei der Suche nach den Brompton-Kunden fündig. Vor allem Freiberufler oder Manager aus dem Londoner Finanzviertel sind es, die Fahrradbauer Ritchie seit Jahren zur loyalen Anhängerschaft zählt. Bei den zahlungskräftigen Berufspendlern steht der Gründer und Geschäftsführer von Brompton hoch im Kurs, seit er sich auf die Produktion von hochwertigen Falträdern spezialisierte, die in Fachzirkeln eine Art Kultstatus genießen. Bei diesen Käufern muss es sich um passionierte Überzeugungstäter handeln, sagt Ritchie mit sanfter Ironie und britischem Understatement.
Im Jahr 1975 gestartet
Die Leidenschaft für das Produkt war auch bei dem 61 Jahre alten Unternehmer früh erkennbar. Mit der Konstruktion von Prototypen für ein Faltrad, das in seiner Urform in den 40er Jahren auf den Markt kam, startete Ritchie 1975. Bis dahin verwirklichte er nach dem Ingenieur-Studium in Cambridge seinen Traum von der beruflichen Selbständigkeit, indem er als Landschaftsgärtner arbeitete und nebenbei einen eigenen Pflanzenhandel hochzog. Relativ unbeeindruckt vom wechselhaften Wetter in London, legte der überzeugte Frischluft-Fanatiker (Ritchie) seine Wege zur Arbeitsstätte oder zu den Kunden mit dem Rad zurück.
Eine Routine, die er heute auch als Chef von 75 Mitarbeitern pflegt. Um in der Rush-Hour die überlasteten Straßen in London zu umfahren, tritt Ritchie auf der 10 Kilometer langen Strecke zwischen seinem Wohnsitz im noblen South-Kensington und der nüchternen Zentrale in Brentford selbst in die Pedalen. Bei diesen Touren kann ich unsere gängigen Modelle bequem testen, sagt der schüchtern wirkende Tüftler, dem Fachleute einen ausgeprägten Sinn für Qualität attestieren. Die Brompton-Räder haben in der Branche einen Maßstab gesetzt, der selbst von geschickten Nachahmern nicht erreicht wurde, sagt Mike Hessey vom Fachverband Folding Society.
Prompt die Finger verbrannt
Um das Niveau zu halten, bindet der britische Hersteller nur eine Schar von ausgewählten Lieferanten ein, die strenge Vorgaben bei Materialauswahl oder Verarbeitung erfüllen müssen. Bei Ritchies Geschäftsphilosophie, die mit der Denke erfolgreicher Autohersteller vergleichbar ist, schließt sich die Kooperation mit Billig-Zulieferern aus Taiwan oder China aus: Wir haben das mal testweise versucht, gesteht Ritchie, aber uns dabei prompt die Finger verbrannt.
Der exzellente Ruf der optisch etwas bieder bis ungelenk wirkenden Gefährte basiert auf dem Einsatz hochwertiger Komponenten, strenger Qualitätskontrolle bei der Verarbeitung, etwa bei den technisch hochsensiblen Faltgelenken, sowie an der strikten Kundenorientierung, heißt es in der Branche. Bromptons Devise, maßgeschneiderte Produkte zu liefern, hat an der Verkaufsfront ihren Preis: Je nach Kundenwunsch und Ausstattung kosten die Falträder aus englischer Produktion zwischen 700 Euro (C-Modell) und 2200 Euro (X-Modell).
Ausgleich für stressreiche U-Bahn-Fahrten schaffen
Berufspendler in London sind fasziniert von den robusten Falträdern, weil sie in der chronisch überfüllten Metropole mit ihren 7,5 Millionen Einwohnern das Auto auf der Kurzstrecke ersetzen oder schlicht sportlichen Ausgleich für stressreiche U-Bahn-Fahrten schaffen. Ein klassisches Brompton, das trotz Rahmenfederung und Leichtstahl-Rahmen bis zu 13 Kilogramm wiegt, lässt sich mit wenigen Handgriffen binnen Sekunden auf das handliche Format von 60 × 60 × 30 Zentimeter verkleinern. So für den Transport zerlegt, kann das mobile Gepäck im prall gefüllten Abteil der Tube ebenso wie unter dem Schreibtisch in einem dichtbesetzten Großraumbüro verstaut werden.
Der rege Zuspruch aus dem In- und Ausland bescherte Brompton in jüngster Vergangenheit zweistellige Zuwachsraten bei Umsatz und Ergebnis. Während die Erlöse zuletzt um ein Drittel auf 4,9 Millionen Pfund wuchsen, legte der Gewinn vor Steuern um 36 Prozent auf 567 000 Pfund zu, geht aus dem Zahlenwerk für das Geschäftsjahr 2006/07 (31. März) hervor. Gleichzeitig gelang es dem Nischenanbieter, seine Kundenbasis zügig auszubauen - wobei er auf den Vertrieb über Fachhändler setzt. Während das Geschäft im Inland jetzt nur noch 45 Prozent zum Jahresumsatz beisteuert, entfällt der restliche Anteile auf ausländische Kunden.
Früchte britischer Ingenieurskunst
Manchmal reifen auch die Früchte britischer Ingenieurskunst zu Exportschlagern, sagt Ritchie. Seine fast trotzige Aussage wirkt vor dem Hintergrund verständlich, dass der Maschinenbau einst das Herzstück der britischen Wirtschaft war und im vergangenen Jahrzehnt einen fast beispiellosen Niedergang erlebte, weil Investitionen in Forschung und Entwicklung ausblieben oder es an der Ausbildung für die nötigen Fachkräfte fehlte. Vom tristen Umfeld der ehemaligen Schlüsselindustrie heben sich findige Unternehmer wie Ritchie, der Staubsauger-Erfinder James Dyson oder der international erfolgreiche Baugeräte-Hersteller JC Bamford wohltuend ab. Verdienste, die in der Heimat Anerkennung an höchster Stelle fanden. Denn das aktuelle Vorzeige-Trio der Old Economy in Großbritannien wurde von der Queen wegen seiner Geschäftserfolge mit dem begehrten Export-Orden ausgezeichnet.
Wegen der starken Nachfrage aus dem Ausland drohen wir das Opfer unseres eigenen Erfolgs zu werden, sagt Ritchie. Binnen zwei Jahren zog bei Brompton die Produktion so stark an, dass die Kapazitäten voll ausgelastet sind. Lag die Zahl der in Brentford hergestellten Falträder 2006 noch bei 14 400, dürfte im vergangenen Jahr mit rund 20 000 Einheiten der bisherige Spitzenwert erreicht worden sein. Tendenz steigend. Wir könnten locker das Doppelte verkaufen, sagt der Firmengründer, der angesichts der internen Engpässe auf den Einsatz von Werbung oder öffentliche Auftritte in den Medien verzichtet.
Stattdessen sorgen Mund-Propaganda oder die Testberichte in Fachmagazinen dafür, dass die Wartezeit für inländische Kunden fast vier Monate beträgt. Bis zu acht Wochen länger müssen Fans in Deutschland, den Niederlanden oder Skandinavien auf manche Modelle warten. Wir könnten diesen Ansturm bremsen, indem wir in kurzen Abständen unsere Preise erhöhen, sagt Ritchie. Um diese Option jedoch zu verwerfen, weil er sich den kaufmännischen Tugenden eines bodenständigen Unternehmers verpflichtet fühlt: Wir sind schließlich weder ein Exot noch eine Luxus-Manufaktur in unserer Branche.
Das Unternehmen
Londoner Investoren waren für die Idee, sich an einem Hersteller von Falträdern zu beteiligen, nicht zu begeistern. Der Markt sei schon dicht besetzt und verspreche keine auskömmlichen Renditen, hieß es damals. Starthilfe bekam Firmengründer Andrew Ritchie seinerzeit vom britischen Geschäftsmann Julian Vereker, der sich an Brompton Bicycle beteiligte. Der Hersteller aus Brentford setzt heute mit 75 Mitarbeitern 4,9 Millionen Pfund im Jahr um und erwirtschaftet dabei einen Gewinn vor Steuern von 567 000 Pfund.
Der Unternehmer
Trotz Ingenieur-Studiums an der Kaderschmiede Cambridge verschwendete Andrew Ritchie an eine Industrie-Karriere keinen Gedanken. Stattdessen machte der eigenwillige Brite seine Hobbies zum Beruf, indem er als Landschaftsgärtner arbeitete und gleichzeitig an Prototypen für ein alltagstaugliches Faltrad werkelte. Nach zähem Start setzte er sich mit seinen pfiffigen Konstruktionen weltweit durch. Wenn sich ein Nachfolger bei Brompton findet, will der 61 Jahre alte Ritchie die langfristige Zukunft seiner Firma sichern und mehr reisen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Ulrich Friese
