Von Boris Schmidt
30. Juli 2005 Motorräder sind doch irgendwie langweilig. Geht es doch immer nur um noch mehr PS, noch mehr Geschwindigkeit und noch mehr Design. Eine kleine Motorrad-Werkstatt im Taunusdorf Eppstein-Vockenhausen hält dagegen. Seit mehr als zehn Jahren importiert Jochen Sommer Royal-Enfield-Motorräder aus Indien. Es sind zwar nagelneue Motorräder, aber sie werden immer noch so gebaut, wie sie einst in den fünfziger Jahren in England entworfen worden sind: klassische Linie mit Speichenrädern, Einzylinder-Motor, Trommelbremsen, Höchstgeschwindigkeit um die 130 km/h. Wer eine Enfield fährt, bewegt einen nagelneuen Oldtimer.
Das ist schon außergewöhnlich genug, und eine kleine Fangemeinde schwört auf die Enfields. Nun wollte Jochen Sommer mehr als nur anerkannter und gefragter Spezialist für Enfield sein. Er wollte sein eigenes Motorrad, und er hatte sich in den Kopf gesetzt, daß es einen Dieselmotor haben sollte. Gedacht, getan: Mehr als 100 "Sommer-Diesel" hat die "Motorradmanufaktur Eppstein/Ts." in den vergangenen drei Jahren verkauft, Tendenz steigend. Immer mehr Fans entdecken den Reiz des Dieseln auf zwei Rädern, dem wir allerdings nicht ganz erlegen sind. 6800 Euro kostet eine Sommer-Diesel, die seit kurzem als einziges Selbstzünder-Motorrad überhaupt eine EU-Zulassung hat. Basis ist die Royal Enfield, die Maschinenbauingenieur Sommer für diesen Zweck ohne Motor, aber mit Getriebe in Indien bestellt. In Eppstein bauen er und sein kleines Team einen Hatz-Dieselmotor ein, zudem sind weitere Modifikationen nötig, die Maschine bekommt einen neuen Kabelbaum und eine andere Aufhängung. Der Hatz ist ein bewährter Stationär-Motor, der sonst in Stromerzeugern oder Ankerwinden eingesetzt wird. Aus einem gebläsegekühlten Zylinder mit 462 Kubikzentimeter Hubraum entwickelt der Direkteinspritzer 8 kW (11 PS) und ein Drehmoment von 26 Newtonmeter bei 2000 Umdrehungen in der Minute.
Zum gemächlichen Wandern
Das klingt nach wenig, und das ist es auch. PS-Fanatiker lassen besser die Finger vom klassisch kurzen Lenker, Spaß wird ihnen allenfalls das Böllern des Diesels machen, der vor allem nach einem Kaltstart nagelt wie ein Traktor. Ein E-Starter ist vorhanden, Probleme mit dem Starten hatten wir nie. In der Stadt ist das Diesel-Bike ausreichend flink und wendig, wer auf größere Fahrt gehen will, muß sich an die mangelnde Leistung des Motors gewöhnen. Mehr als 100 km/h sind nun wirklich nicht drin, und an Steigungen verliert die Sommer-Enfield schnell an Geschwindigkeit. Man kann sich jedoch an die gemächliche Gangart gewöhnen: Das Wandern durch die Natur steht im Mittelpunkt, man rast nicht, und für die Kurvenhatz sind die anderen Biker zuständig. Man ist mit einem Motorrad aus einer anderen Zeit unterwegs, und man fühlt sich wohl dabei. Auf der Autobahn wird man nicht zum Spielball der Lastwagen, man kann überholen und wird nicht gejagt.
Hoher Fahrkomfort
Ein großes Problem stellt für den Sommer-Novizen die spiegelverkehrte Anordnung von Gangschaltung und Fußbremse dar. Die Bremse ist links, der Schalthebel (vier Gänge) rechts. Das erfordert zunächst höchste Vorsicht, weil man vor allem in Gefahrensituationen schnell in jahrelang eingeübte Verhaltensmuster zurückfällt. Wenigstens ist die Handbremse dort, wo sie hingehört. Trotz der Trommelbremsen sind ordentliche Verzögerungswerte machbar. Was am meisten überrascht, ist der gute Federungskomfort des Motorrads. Es kann durchaus mit neuen Maschinen mithalten. Der vermeintlich "schwere" Dieselmotor hat keinerlei negativen Einfluß auf das Handling. Mit einem Leergewicht von 180 Kilogramm ist das Motorrad nur unwesentlich schwerer als eine herkömmliche Royal Enfield mit 500er-Einzylinder-Ottomotor (20 kW/27 PS).
Niedriger Verbrauch
Und ein Knüller ist erwartungsgemäß der sparsame Umgang mit Kraftstoff. Mit nur 2 bis 2,5 Liter Diesel auf 100 Kilometer muß man rechnen, mehr nicht. Das ergibt Reichweiten von bis zu 500 Kilometer. Gekauft wird die Sommer-Diesel deshalb gern von Kilometerfressern, die 2000 Kilometer auf einer Tour abspulen und dafür nicht mehr als 50 Euro Spritkosten investieren wollen. Allerdings - eine Royal Enfield kostet 4000 Euro und verbraucht vier Liter Normalbenzin auf 100 Kilometer: Jeder rechne selbst nach.
Drei Jahre Garantie
Für den Hatz-Diesel spricht aber noch seine Unverwüstlichkeit. Er ist schließlich ein Industriemotor, und der muß laufen, laufen, laufen. 3000 Betriebsstunden Garantie gibt es für einen Hatz-Stationärmotor - umgerechnet wären das ungefähr 150000 Kilometer. Bei Sommer gibt es zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung.
Individuelle Sitzgestaltung
Ein Genuß ist auch der Anblick des Dieselrosses. Das der Redaktion zur Verfügung gestellte Exemplar hatte einen sehr bequemen einzelnen Schwingsitz, der Kunde kann statt dessen eine Zweier-Sitzbank ordern, Sommer geht gern auf individuelle Wünsche ein. Aber ob in Gelb, Rot, Schwarz oder Silber, die Sommer-Enfield ist einfach ein schönes Stück nostalgische Technik. Es macht Spaß, sie vor dem Haus stehen zu haben. Jeder zweite Passant bleibt stehen, um sie zu betrachten.
Sommer vertreibt sein Motorrad (er steht als Hersteller im Fahrzeugschein) inzwischen in ganz Europa. In Deutschland gibt es außer ihm selbst Händler in Berlin und Hannover sowie einige im süddeutschen Raum, auch in der Schweiz und in Großbritannien ist er vertreten.
Weitere Informationen zum Dieselmotorrad und zu Royal Enfield sowie Händleradressen finden sich im Internet auf der Homepage von Sommer: www.royal-enfield.de
Text: F.A.Z., 26.07.2005, Nr. 171 / Seite T4