Von Christian Geinitz
17. Juni 2008 Das Kleine Wunder“ war nicht aufzuhalten. 1920 entwickelt, fuhr dieses erste Zweirad mit Hilfsmotor von einem Erfolg zum nächsten. Schon ein Jahr später hatten die Zschopauer Motorenwerke 10.000 der kleinen Flitzer verkauft. Der Werbespruch lautete: Fährt bergauf wie andere runter!“ Heute, gut 100 Jahre nach der Gründung eines der erfolgreichsten sächsischen Fahrzeugunternehmen, geht es mit dem Betrieb nur noch bergab. Wenn sich nicht noch ein Käufer findet, schließen die MZ Motorrad- und Zweiradwerke in Zschopau zum Jahresende die Werkstore.
Man sei mit drei möglichen Investoren im Gespräch, sagt Geschäftsführer Steve Yap. Aber solange es keine schriftlichen Vereinbarungen gibt, können wir für MZ keine Entwarnung geben. Seit 1996 haben wir 70 Millionen Euro Verlust angehäuft und nie einen Cent verdient. Unsere Aktionäre sagen: Genug ist genug!“ Weniger schwarz sieht der sächsische Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) nach einem Gespräch mit der malaysischen Muttergesellschaft. Ich erhoffe mir einen neuen Investor, der aus Liebe zu dieser Traditionsmarke das Geld in die Hand nehmen will, um den Betrieb langfristig zu führen“, sagt Jurk. Es gebe fünf Kaufinteressenten, die diese Bedingungen erfüllten, heißt es in Dresden. Doch Yap wiegelt ab: Davon weiß ich leider nichts.“
Das Siechtum begann gleich nach der Wende
Verhalten zuversichtlich gibt sich der Betriebsratsvorsitzende Steffen Dögnitz. Wichtig sei, dass ein neuer Investor die vor anderthalb Jahren voreilig geschlossene Entwicklungsabteilung wieder aufbaue. Nur so ließen sich in dem umkämpften Markt Nischenprodukte entwickeln und dringend benötigte neue Produktfelder erschließen, zum Beispiel für Geländemaschinen wie in den erfolgreichen sechziger Jahren. Darauf setzt auch das Ministerium, das mit neuen Fördermitteln lockt. Wenn in Forschung und Entwicklung investiert wird, kann der Freistaat auch finanziell dem neuen Investor unter die Arme greifen“, verspricht Jurk. Dögnitz kritisiert, dass das alte, vor einigen Jahren ausgetauschte Management in Märkte gedrängt habe, die eine Nummer zu groß sind für uns“. So seien die 1000-Kubik-Maschinen zwar technisch hervorragend, ließen sich angesichts der harten Konkurrenz aus Asien aber nur mit Verlust verkaufen – nach Preissenkungen von 12.000 auf rund 9100 Euro. Yap ergänzt, auch die kleinen 125er Motorräder seien aufgrund der hohen deutschen Fertigungskosten viel zu teuer für den internationalen Markt. Wir müssten eigentlich nach Asien exportieren, aber unsere Preise sind viermal so hoch wie dort.“ Yap versichert, dass selbst nach einer möglichen Schließung die Ersatzteillieferungen und die laufenden Garantieverpflichtungen weitergingen. Und Dögnitz sagt, man sei sich einig, dass die Mitarbeiter dann Abfindungen erhalten sollten, aber einen Sozialplan gibt es noch nicht“.
Das Siechtum des Traditionsbetriebs MZ begann gleich nach der Wende und der Privatisierung 1990, als der Markt in Osteuropa wegbrach und auch in den neuen Bundesländern westliche oder japanische Modelle gefragter waren als die Maschinen aus dem Erzgebirge. 1991 meldete der Betrieb Konkurs an, fertigte und entwickelte aber weiter. 1996 übernahm der Konzern Hong Leong Industries aus Kuala Lumpur das Traditionshaus. Trotz neuer Modelle schafften aber auch die Malaysier den Neuanfang nicht. 2005 mussten mehr als 80 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, Ende 2006 gab man die Entwicklungsabteilung mit 40 Mitarbeitern auf. Etwa genauso viele sind heute noch im gesamten Werk beschäftigt.
Weltruhm von damals
Wenn die wirklich zumachen, ist das ein herber Schlag für unsere Region und unsere Tradition“, sagt Joachim Junge vom Zschopauer Motorradmuseum auf Schloss Wildeck. Wir schieben dann die letzte MZ in unsere Auslage.“ Zweimal sei das sächsische Unternehmen das größte Motorradwerk der Welt gewesen, in den zwanziger Jahren und zur Mitte der DDR-Zeit, bevor die Japaner auf den Markt kamen. Es wäre irre traurig, wenn sich der Weltruhm von damals einfach in Luft auflöste.“ Tatsächlich wurden von 1922 an keine anderen Krafträder so häufig verkauft wie das Reichsfahrtmodell“ und die Nachfolger. 1928 stellten fast 2400 Arbeiter in Zschopau jedes Jahr mehr als 43.000 Motorräder her. In den sechziger und siebziger Jahren knüpften die ES-, ETS- und TS-Serien mit Jahresmengen von mehr als 90.000 Krädern an diese Erfolge an.
Rückschläge hatte es freilich schon immer gegeben, seit der Däne Jörgen Skafte Rasmussen sein Maschinenunternehmen 1902 zunächst in Chemnitz und 1907 auch in Zschopau ins Handelsregister eintragen ließ. Im Ersten Weltkrieg kam die Produktion fast zum Erliegen. Doch als man sich auf die Herstellung von Zündkapseln und Granatzündern verlegte, schnellte die Mitarbeiterzahl von 40 auf 450 in die Höhe. 1916 erfanden die Sachsen einen Dampf-Kraft-Wagen, dessen Entwicklung man später aber einstellte. Was blieb, war die berühmte Abkürzung DKW. Sie bezeichnete nicht nur diverse Motorrad- und Automodelle bis zur Fusion mit Audi und Horch zur Auto Union 1932. Die drei Buchstaben tauchten auch in anderen Produkten immer wieder auf: im Zweitakt-Spielzeugmotor Des Knaben Wunsch“ von 1919, im genannten Kleinen Wunder“ oder 1927 in der Eisschrankserie Das Kühl Wunder“.
Mit technisch führenden Modellen, wichtigen Siegen in Motorradrennen und großen Verkaufserfolgen markiert 1929 ein Spitzenjahr für DKW-Zschopau und seine 6000 Arbeiter. Doch die Turbulenzen in der Weltwirtschaft stürzten das Unternehmen schon bald in eine tiefe Krise. Der Motorrad-Ausstoß ging bis 1932 von 60.000 auf 11.000 zurück, nur noch 850 Menschen blieben in Lohn und Brot.
In der DDR wurden in den IFA Motorradwerken Zschopau“ bald wieder Krafträder gefertigt. Bis 1962 verließen 311.000 Modelle der Serie RT das Band. Seit 1956 trugen sie den Markennamen MZ“, bis heute liebevoll zu Emme“ oder Emmie“ abgekürzt. In den sechziger Jahren holten Fahrer auf MZ-Maschinen sechs Trophy-Siege – der Mannschaftsweltmeisterschaft im Motorrad-Geländesport. Ein letzter Erfolg gelang 1987, zwei Jahre vor der Wende und vier Jahre, nachdem das zweimillionste Krad das Werk verlassen hatte. Möglicherweise war das das letzte große Stückzahljubiläum des stolzen Betriebs.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Barbara Klemm, picture-alliance / dpa, ZB