Serigi-Werft

So macht man aus der Not ein Boot

Von Claus Reissig

12. Mai 2008 Sie wurde unter einem guten Stern geboren. Die Solaris One 48 darf es sich erlauben, den Massenmarkt zu ignorieren. Denn normalerweise werden in der Serigi-Werft Sonderanfertigungen auf Kiel gelegt, speziell nach den Wünschen der Kunden, die mit ihren 60, 70 oder mehr Fuß großen Yachten individuelle Lösungen suchen. Nun kann es aber vorkommen, dass ein Folgeauftrag auf sich warten lässt, die Produktion stillsteht und Werftchef Rinaldo Puntins Mitarbeiter unbeschäftigt sind. Also musste eine Art Volumenmodell her, eines, dass zumindest in der Grundversion immer gleich bleibt.

Die Yacht ist also eine betriebsinterne Arbeitsbeschaffungsmaßnahme; zehn verkaufte Schiffe im Jahr wären gut, meint der Chef, 14 großartig. Zum Vergleich: In der gleichen Zeit muss Hanse in Greifswald den Geschmack von fast 1000, Bavaria den von mehr als 1500 Kunden treffen. Klar, dass solche Designs anders aussehen.

Fast wie auf einer flachen Rennyacht

Die Solaris One 48 - benannt nach einem Erfolgsmodell aus der Geschichte der Werft - ist an Deck auffällig flach, das Kabinendach ist fast komplett eben und wie das Seitendeck in weiße Ränder gefasst. Aus der richtigen Perspektive entsteht der Eindruck eines Flushdecks, von hinten betrachtet, ist der Absatz Seitendeck/Kabine erst auf den zweiten Blick auszumachen. Zudem sind Aufbau und Kajüte weit nach vorn geschoben, zwischen dem durchgesteckten Mast und dem Niedergang liegen gerade einmal drei Meter. Dafür gönnt sich die 14,90 Meter lange Yacht am Heck eine weite Sonnenliege für das entspannte Kreuzen in mediterranen Gefilden; darunter nimmt ein gewaltiger Stauraum ein kleines Beiboot auf, selbst wenn es zusammengebaut ist.

Im Cockpit setzt sich die Linie der Solaris perfekt fort, alles ist weit und offen, fast wie auf einer flachen Rennyacht. Wer auch schon einmal eine Hallberg-Rassy in die engere Wahl gezogen hat, für den ist die One 48 nichts. Selbst mit einem Spritzverdeck wird dieses Cockpit nur marginalen Schutz bieten. Dafür huldigt es dem Prinzip des weiten, luftigen Raums, wie es zunächst durch Wally bekannt und in den vergangenen Jahren auch von den Großserienherstellern durchgesetzt wurde. Das ist heute nicht so problematisch wie noch vor einigen Jahrzehnten: Die wenigsten Schiffe werden häufig über Nacht gesegelt und sollen stattdessen ein angenehmer Aufenthaltsort bei gutem Wetter sein. Die Solaris macht obendrein schwer was her.

Große Segelfläche für gute Leichtwindeigenschaften

Entgegen seinem sehr modernen Äußeren ist der 48-Füßer unter Segeln eher bodenständig. Mit knapp 13 Tonnen Gewicht bewegt er sich im gehobenen Mittelfeld der schnellen Fahrtenyachten, allerdings sorgen 144 Quadratmeter Segelfläche für gute Leichtwindeigenschaften. Kein Wunder, schließlich liegt die Werft an der nördlichen Adria, und das ist keine für starken Wind bekannte Region. Zur einfachen Handhabung trägt die nur knapp überlappende Genua (110 Prozent) bei, mehr ist nicht drin, weil an der Kreuz die weit außen angebrachten Wanten im Weg sind. Hauptantriebsquelle ist also das riesige Großsegel (76 Quadratmeter). Ein Nachteil: Das weit ausgestellte Achterliek des Großsegels passt beim Wenden nur mit Ach und Krach am Achterstag vorbei.

Bei unserem Probeschlag geht es bei gerade einmal vier Beaufort mit 7,5 Knoten am Wind flott voran. Die Performance beim Kreuzen ist beachtlich: Der Tiefgang von 2,60 Meter ist zwar nicht gerade flachwasserfreundlich, hat jedoch mit gerade einmal 70 Grad einen erfreulich geringen Wendewinkel zur Folge. Jetzt sollte man sich schon einen guten Platz auf dem Süll gesucht haben, denn viel Halt bei Lage bietet das Cockpit naturgemäß nicht, man sitzt eher oben drauf, fast wie auf einer riesigen Jolle. Das ist bei schönem Wetter nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Trotzdem wirkt das Schiff fast klein für seine nahezu 15 Meter, vor allem, wenn man steht.

Detailverliebtes Brot- und-Butter-Modell

Fällt man vom Am-Wind-Kurs etwas ab und fiert die Segel, nimmt die Geschwindigkeit rasch ab. Für diese Riggkonfiguration und diesen Kurs wäre der asymmetrische Spinnaker das richtige Segel - auf dem werftneuen Schiff stand aber keiner zur Verfügung. An Deck sind sechs ordentliche Winschen montiert, mit denen die Segel perfekt genutzt werden können; ein großer Traveller führt die Großschot zum feinen Trimmen über den Cockpitboden. Das alles funktioniert bestens, Segeln mit der One 48 macht schlicht Spaß. Der von Bill Tripp entworfene Rumpf ist ein sympathischer Kompromiss aus guten Segeleigenschaften und vernünftigen Platzverhältnissen unter Deck. Der Rumpf ist schlank genug für standesgemäßes Leistungsvermögen und zugleich ausreichend voluminös. Eine gewisse Breite braucht die Solaris auch, schließlich verliert sie durch die Heckgarage einige Zentimeter für den Innenausbau.

Und der ist klar eine der Stärken der Werft. Kamen einem beim Begriff „Kleinserie“ zunächst Standardausbauten in den Sinn, bietet die Kajüte einen überaus erfreulichen Anblick. Schöner und detailverliebter werden Möbel nur auf wenigen Yachten zusammengeschraubt. Da will Rinaldo Puntin offensichtlich nicht von der alten Bootsbautradition abweichen. Wenngleich die One 48 das Brot-und-Butter-Modell sein soll, leistet sich die Werft weit Überdurchschnittliches. Das Interieur ist funktionell, modern, aber frei von modischen Spitzen. Viel Holz mit ausgesuchter Maserung und ebenmäßigen Oberflächen wechselt sich ab mit weißen Paneelen. Die Aufteilung ist klassisch: Pantry und Kartentisch neben dem Niedergang, was Vorteile hat, wenn man die Yacht doch einmal für längere Strecken nutzen möchte. Dafür verzichtet die Werft auf den Einbau einer dritten Nasszelle für die Backbord-Achterkabine. Niro-Schlingerleisten, die im Seegang die Bücher an Ort und Stelle halten, ein massiver Handlauf unter der Salondecke sind Anzeichen dafür, dass der Versuchung einer übertriebenen Modernität widerstanden wurde und den praktischen Belangen genügend Beachtung zuteil wurde.

Etwas laut wird es, als wir in den Hafen zurückmotoren. Zwar schiebt der Maxprop auf beeindruckendeWeise vorwärts - 9,1 Knoten mit der 75-PS-Maschine -, doch er nervt in verschiedenen Drehzahlbereichen mit Kavitationsgeräuschen unter dem Rumpf. Alles in allem ist die Solaris One 48 ein sehr italienisches Schiff in bester Tradition. Sehr hübsch und gefällig, aber nicht ohne Kanten, die ihren besonderen Charakter ausmachen. Ein hübscher Lückenfüller.

Technische Daten

Länge über alles 14,90 m, Länge in der Wasserlinie 13,38 m, Breite 4,40 m, Tiefgang 2,80 m (2,60/2,40 m optional), Verdrängung 12.500 kg, Ballast 4500 kg (Ballastanteil 36 Prozent). Segelfläche am Wind 144 m2 (Genua 110 % 68 m2, Groß 76 m2)

Frischwassertanks 500 l, Dieseltank 300 l, Maschine Volvo-Penta-Diesel 40 kW/55 PS (55 kW/75 PS als Option), Saildrive. Messwerte unter Maschine: 700/min - 1,9 Knoten Fahrt, 1200/min - 4,2 kn, 1500/min - 5,2 kn, 2000 - 6,7 kn, 2200/min- 7,3 kn, 2500/min - 8,7 kn, 3000/min - 9,1 kn.

Konstruktion: Bill Tripp; Werft: Cantiere Se.Ri.Gi. SpA, Via Curiel 49, I-33051 Aquileia UD, Telefon 00 39-4 31-9 13 04, info@solarisyachts.com, Solaris Yacht. Preis ab 583.100 Euro.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Claus Reissig

 
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