Von Oliver Hollenstein
12. April 2008 Wir reparieren keine Fahrräder von Kauf-Versandhäusern, Baumärkten und Kaffeebohnenröstern! Das Schild am Eingang von Alexander Bürgers Werkstatt springt sofort ins Auge. Seit Jahren begrüßt es die Kunden des Frankfurter Fahrradhändlers. Und das kleine, leicht verblasste Stück Pappe drückt die Wut einer ganzen Branche aus. Dumping-Angebote von Discountern wie Aldi, Real oder Obi und billige Importe machen heimischen Fahrradhändlern und -herstellern seit Jahren das Leben schwer. Viele von ihnen sind unter dem Druck der Billig-Konkurrenz vom Markt verschwunden.
Das Verhalten der Kunden hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, sagt Markus Lehrmann vom Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ), der die rund 5700 Fahrradhändler in Deutschland vertritt: Der Kunde ist heute entweder qualitäts- und sportlich orientiert oder auf der Suche nach dem Schnäppchen. Mengenrabatte und der Verzicht auf Beratung helfen den Discountern, unschlagbare Preise anbieten zu können.
Das hinterlässt Spuren: Sowohl die qualitative als auch die preisliche Mitte stirbt aus. Der normale Fahrradhändler, wie wir ihn kennen, wird verdrängt, sagt Lehrmann. Die Überlebensregel für die Händler lautet wachsen oder spezialisieren. Die Großen bieten immer weiträumigere Ladenflächen mit riesigen Sortimenten an. Viele kleine Läden flüchten in die Nischen - im Verkauf von hochwertigen Spezial-Fahrrädern.
Einzelkämpfer haben es extrem schwer
Um überhaupt im Preiskampf mithalten zu können, rät der Branchenverband seinen Mitgliedern, sich mit anderen Läden zu Einkaufs-Verbünden zusammenzuschließen: Einzelkämpfer haben es extrem schwer, sagt Lehrmann. Einer der bekanntesten Verbünde ist die Zweirad-Einkaufsgenossengeschaft ZEG mit mehr als 960 unabhängigen Händlern in Europa. Auch Händler Bürger hat sich der ZEG angeschlossen. Noch wichtiger für ihn: Die strategisch günstige Lage nahe der Frankfurter Innenstadt beschert mir viele Laufkunden, sagt Bürger. Das sichert mein Überleben.
4,6 Millionen neue Fahrräder wurden 2007 in Deutschland verkauft. Durchschnittlich haben die Kunden 368 Euro für ein Rad bezahlt. Sieben von zehn Fahrrädern wurden 2007 von Fachhändlern verkauft, die damit 77 Prozent des Gesamtumsatzes für sich verbuchen konnten. Ein Qualitätsrad beim Fachhändler kostete im Durchschnitt 700 Euro. Alle Kennzahlen haben sich damit im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Doch entgegen den anscheinend guten Zahlen bewerten die Händler das vergangene Jahr nicht positiv: Nach einem starken Jahresbeginn sei das vergangene Jahr eher verhalten gewesen, sagt Lehrmann. Trotz einer größeren Zahl an verkauften Rädern blieb der Umsatz nur auf Vorjahresniveau. Eine Folge des harten Konkurrenzdrucks.
Service ist nur ein Mittel der Kundenbindung
Die schwindenden Margen können die Händler auch nicht in den Werkstätten wieder gutmachen: Der Service - in der Autoindustrie inzwischen lukrativer als der Verkauf - ist im Fahrradgeschäft nur ein Mittel der Kundenbindung, sagt Lehrmann. Der Reparatur-Service arbeitet meistens nicht kostendeckend. In fast allen Betrieben muss die Werkstatt mit den Erlösen aus dem Verkauf querfinanziert werden. Immer wichtiger werde für die Händler der Verkauf von Zubehör: Während sie 2007 mit dem Verkauf von Fahrrädern etwa 1,5 Milliarden Euro umsetzten, erwirtschaftete der Zubehör-Handel von Satteltasche bis Radlerhose rund 1,7 Milliarden Euro. Immer mehr Händler verdienen inzwischen außerdem an der Organisation von Fahrradreisen.
Im Gegensatz zu den Händlern hoffen die Hersteller, die Krise überstanden zu haben. Nach einem schweren Jahr 2006 und dem Konkurs mehrerer Hersteller setzte die Fahrradindustrie 2007 rund 1,7 Milliarden Euro um. Damit erwirtschafteten die 9000 Mitarbeiter von Fahrrad- und Zubehörherstellern ein Umsatzplus von 9 Prozent. Rolf Lemberg, Geschäftsführer des Zentralverbands der Zweirad-Industrie (ZIV) rechnet mit einem neuen Boom: Das Fahrrad ist populär, und es hat keine natürlichen Feinde.
Doch ungetrübt ist auch die Freude der Hersteller nicht: Während die Produktion in Deutschland 2007 um 3,6 Prozent zurückging, stieg die Zahl der importierten Fahrräder um 13 Prozent auf 2,8 Millionen Räder. Harte Konkurrenz kommt vor allem aus Taiwan, dem stärksten Fahrradimporteur in Deutschland. Die 35 deutschen Hersteller versuchen mit einer teilweisen Verlagerung der Produktion ins Ausland konkurrenzfähig zu bleiben. Die Komponenten werden oft in osteuropäischen Ländern wie Polen, Litauen oder Ungarn produziert, die Fahrräder in Deutschland nur noch zusammengeschraubt.
Fahrräder sollen 2008 teurer werden
Doch nicht nur die Kosten sind ein Argument für die Produktion im Ausland, sagt Markus Riese, Geschäftsführer des Premium-Herstellers Riese und Müller. An Taiwan kommt man nicht vorbei: 80 Prozent der hochwertigen Fahrradindustrie ist dort angesiedelt. Die Billigräder bei den Discountern stammen laut Verbandschef Lemberg dagegen oft aus der Produktion in Deutschland.
Der ZIV rechnet für die Fahrradindustrie in diesem Jahr mit einer Umsatzsteigerung von fünf Prozent. Auch der Handel ist zuversichtlich: Nach ersten Umfragen bei den Mitgliedern habe das Jahr gut begonnen, sagt VDZ-Chef Lehrmann. Wenn die Inflation nicht dazwischenfunkt, erwarten wir steigende Umsätze. Teurer wird es nach Schätzungen der Verbände aber für die Kunden: Wegen gestiegener Energie- und Materialkosten, aber auch wegen höheren Löhnen in den wichtigen Import-Ländern in Fernost sollen Fahrräder 2008 im Durchschnitt bis zu 10 Prozent teurer werden.
Wie viel ein Fahrrad kosten sollte, hängt vor allem davon ab, wofür der Kunde es nutzen möchte, sagen Fachleute. Dennoch kann der Hobby-Radler beim Kauf einiges beachten. Als Faustregel für ein normales Trekking-Rad gilt: Unter 500 Euro wäre ich skeptisch. Das muss kein schlechtes Rad sein - aber es wurde auf jeden Fall irgendwo gespart, sagt Markus Lehrmann vom Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ).
Er empfiehlt als ersten Test das Anheben des Fahrrads: Je leichter der Rahmen, desto höher die Qualität. Beim Vergleich von Angeboten sei es wichtig, bis ins Detail zu schauen: Ritzel, Lager, Reifen und Sattel sind genauso wichtig wie der Rahmen, die Bremsen und die Schaltung.
Bei Sonderangeboten verstecke sich die Tücke oft in den nicht offensichtlichen Bauteilen. Viele Fachleute und Radfans raten grundsätzlich von Discount-Rädern ab: Hoher Rollwiderstand, schlechte Bremsen und hohes Gewicht würden die Freude am Fahren verderben. Wie teuer ein Rad sein sollte und welches Fahrrad am besten zum Fahrer passt, könne ein Fachhändler am besten beurteilen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z. Roger Hagmann
