Von Claus Reissig
26. September 2008 Wäre die Länge von Deutschlands Küstenlinie der Maßstab, würde wahrscheinlich eine einzige Wassersportmesse im Land genügen. Immerhin findet im Autoland Nummer eins nur alle zwei Jahre eine IAA statt. Deutschland leistet sich jedoch zwei große Messen (Boot in Düsseldorf und Hanseboot in Hamburg) sowie mehrere kleinere wie die Magdeboot und die Boot und Fun in Berlin. Die Interboot in Friedrichshafen, seit vergangenem Wochenende geöffnet, rangiert irgendwo dazwischen. Für viele Aussteller ist sie mittlerweile eine Regionalmesse. Fragt man die Messemacher, gehört sie noch zu den drei großen Internationalen.
Schon beim Wort Regionalmesse gehen in dem kleinen Messehochhaus die Warnlampen an, wie am Bodensee, wenn ein Sturm aufzieht. Der Vergleich mit Berlin und Magdeburg (die wirklich regional sind) wäre eigentlich auch nicht fair, rekrutiert die Interboot im Dreiländereck doch viel Publikum auch aus Österreich und der Schweiz. Allerdings weniger, als das noch vor einigen Jahren der Fall war, als die Messe noch nicht ihren jetzigen Standort fern der City auf dem ehemaligen Flughafengelände bezogen hatte. Den Besucherschwund hat sie mit den beiden Großen von der Elbe und dem Rhein gemeinsam.
Zu den Neuheiten
Sichtbar vollzieht sich der Wandel bei den Großserienherstellern wie Bavaria, Bénéteau, Hanse, Jeanneau, die mit deutlich verkleinerten Ständen in den Süden reisten, Najad fehlt ganz. Das hat jedoch auch Gründe, die in deren Produktangebot zu suchen sind: Die Schiffe wachsen, aber die Liegeplätze an den Seen im Süden wachsen nicht mit. Kaum eine Werft, die mit ihrer Produktpalette nicht bei 45 oder 55 Fuß Länge angekommen ist, und dafür gibt es auf dem Bodensee, dem Starnberger oder dem Forggensee naturgemäß keinen Bedarf. Für die Besucher der Interboot bedeutet das andererseits: Das Angebot passt so perfekt in die Gegend der Voralpen wie ein Paar gut eingetragene Wanderschuhe, es ist selbstredend nicht deckungsgleich mit dem einer Messe an der Küste.
Zu den Neuheiten: Eine spektakuläre ist die Enigma 34, die in Dänemark entwickelt, in der Türkei gebaut und von einem Unternehmen aus der Schweiz vermarktet wird. Mit gut 10 Meter Länge und 2,30 Meter Breite ist sie nicht nur problemlos zu trailern, sondern passt exakt in einen 40-Fuß-Container. So lässt sich das Boot zum Regattasegeln in alle Welt versenden. Überdies spiegelt es den Geschmack der jungen Segelgeneration wider, nach dem ein Boot schick, schnell und vor allem einfach zu segeln sein soll. Mit vier bis fünf Personen lässt sich die Enigma im Kampf auf der Piste bewegen, wer will, kann allein damit raus, lässt sie mit Teakdeck, Stereoanlage, Hubkiel oder Kühlschrank ausrüsten. In der leichten Rennversion kostet sie komplett 106.000 Euro.
Eine brav aussehende Yacht
Nur wenig größer ist die ebenfalls im auffälligen Daycruiser-Design gestylte Esse 990 aus der Schweiz. Die mit ausfahrbarem Gennakerbaum und Teakdeck erhältliche Yacht ist die größere Schwester der Esse 850, die vor einigen Jahren für Aufsehen sorgte (F.A.Z. vom 30. August 2005). Die rasante Esse 990 beeindruckt durch ihre klaren, fast spartanischen Linien, kann mit einer 15-PS-Maschine bestückt werden und kostet 163.000 Euro aufwärts.
Um schnelles, einfaches Segeln geht es auch bei der knapp 60.000 Euro kostenden Biel 8.8. Ein modernes Unterwasserschiff mit einer ansonsten traditionellen Erscheinung ergibt ein Boot, das ein wenig an eine J-100, ein wenig an eine klassische Holzyacht erinnern soll. Großes Cockpit und karger Innenraum - im Schein einer Petroleumleuchte lässt sich jedoch auch einmal ein Wochenende an Bord verbringen. Beeindrucken soll die brav aussehende Yacht durch ihre Segeleigenschaften, die Eckdaten jedenfall sind vielversprechend: Von den 1,7 Tonnen Gesamtgewicht entfallen 600 Kilogramm auf den Kiel, 500 davon befinden sich tief unten in einer Ballastbombe. Damit setzt die Biel 8.8 den Druck von 35 Quadratmeter Segelfläche zügig in Geschwindigkeit um, bei raumem Wind hilft ein Gennaker mit 45 Extra-Quadratmetern.
Gegen den Trend zur Familientauglichkeit
Günstigen Segelspaß verspricht die neue Skippi 750 Performance. Eine schmale Wasserlinie, viel Segelfläche (maximal 82 Quadratmeter) und ein auf schnelles Reisen ausgelegtes Cockpit sind die Zutaten einer Regattayacht. Damit steht sie dem Trend zur Familientauglichkeit ein wenig entgegen, entschädigt jedoch durch einen konkurrenzlosen Grundpreis von 29.600 Euro.
Mit Spannung war erwartet worden, wie sich die von ihrem Gründer für mehr als eine Milliarde Euro an eine Investmentgruppe verkaufte fränkische Bavaria-Werft ihre Zukunft vorstellt. Das Ambiente unter Deck erschien manchem zuletzt etwas bieder, nicht mehr zeitgemäß, jetzt kümmert sich eine Industriedesignerin darum. Das Unternehmen verabschiedet sich vom streng funktionellen Ausbau und wendet sich einem kantigen, modernen Inneren zu, das wie bei den großen Mitbewerbern an ein Loft erinnert. Als Erste kommen die neuen Bavaria 43 und 47 Cruiser sowie die Motoryacht 37 High Line mit der neuen, variableren Ausstattung. Damit wirken die Bavarias hochwertiger, in Zukunft darf zudem zwischen drei verschiedenen Furnierarten gewählt werden - früher undenkbar beim Weltmeister der rationellen Fertigung. Die Preise werden mit vier bis fünf Prozent nur moderat angehoben, wie es heißt. Mit Ausstattungspaketen sollen sich bis zu 38 Prozent der Kosten einsparen lassen. Na dann.
Spektakulär in Gold und Silber
Mit der neuen 365 Coupé von Nimbus gibt es eine Motoryacht, die speziell auf die Ansprüche jener Kundschaft zugeschnitten ist, der man das beste Alter nachsagt, die aber ohne Bequemlichkeiten nicht sein mag: Der Anbieter legte das Augenmerk auf Details, die Leichtigkeit und Komfort gewährleisten. Auffälligstes Merkmal ist der asymmetrisch nach Backbord versetzte Aufbau. Dieser Trick ermöglicht ein breites Gangbord auf der Steuerbordseite, also einen sicheren Weg aufs Vorschiff, ohne dass der Salon deswegen schmaler zu sein hat. Den Steuerstand kann man durch eine aufwendige Schiebetür in der Seitenwand verlassen. Weitere Merkmale der Nimbus: doppelt gekapselter Motor, großes Schiebedach und Frontscheibe mit bei Tatenlosigkeit unsichtbaren Scheibenwischern. Mit einem 370 PS starken Volvo-Sechszylinder soll die Nimbus 25 Knoten laufen. Die Preise beginnen bei 318.000 Euro.
Spektakulär in Gold und Silber präsentieren sich die 290 Sport (offen) und Weekend (Coupédach) der neu zum Leben erweckten dänischen Traditionsmarke Coronet. Damit möchte man an den Erfolg des legendären Daycruisers aus den Siebzigern anknüpfen. Tatsächlich stammt der Rumpf aus der seit 1992 ruhenden Werft, während Deck und Interieur von dem durch Megayachten bekannten neuen Eigner Tuco auf ein luxuriöses Niveau gehoben werden. Für den Basispreis von 270.000 Euro wird die Sport mit einem 280-PS-Benzinmotor geliefert, mehr als 800 PS aus zwei Motoren sind gegen Aufpreis möglich. Wer sich für die Metallic-Lackierung interessiert, muss etwa 27.000 Euro extra einplanen.
Weitere Neuheiten in Friedrichshafen
Jeanneau präsentiert seine komplett neu konstruierte Sun Odyssey 44i für Fahrtensegler, Konzernschwester Bénéteau die Oceanis 34 für gut 90 000 Euro. Die kroatische Salona-Werft stellt mit der Salona 34 die kleinere Schwester der erfolgreichen Salona 37 vor. Hanse Yachts zeigt seine 400 mit überarbeitetem Deckslayout.
Die Motoryacht Storebro 435 Commander entspricht weitestgehend der 410 Commander, wurde jedoch um eine große Badeplattform erweitert. Mariah zeigt die neuen G270 Cruiser und Bow Rider R20. Während die G270 für längere Fahrten optimiert wurde, ist die Bow Rider in einer limitierten Sonderedition zu sehen. Auch Regal ist mit zwei neuen Booten auf der Interboot vertreten: Die 2750 Cuddy und die 2220 Fasdeck werden jeweils mit Außenbordmotoren bestückt. Von Seastar kommt ein praktisches Allwetterboot mit Platz für sechs Personen in der Kabine; als Maschine stehen ein 130-PS-Otto oder ein 120-PS-Diesel zur Verfügung. Neuheit von Pischel: Der Schlauchboothersteller liefert sein Ribline 5.5 XL mit einem 250-Liter-Zusatztank im Heck, um eine höhere Welle zum Wakeboarden zu erzeugen.
Die Interboot ist noch bis Sonntag, 28. September, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet (Vorführhafen bis 19 Uhr). Im Internet: www.interboot.de
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reissig