Ducati Monster 696

Italiens Idee von der idealen Nase

Von Walter Wille

18. April 2008 Es läuft nicht schlecht für die Roten. Mit dem unwiderstehlichen Sportbike 1098 und der experimentell-exzentrischen Hypermotard hat Ducati wieder zu sich selbst und in die Seele der Fans gefunden. Die waren zwischenzeitlich nicht immer glücklich über das, was ihnen aus Bologna angeboten wurde. Gerade läuft der Verkauf der 848 vielversprechend an, und die Erfolge in der Motorrad-WM stellen alles, was das Unternehmen hervorbringt, in ein hilfreiches Licht. Auch die Monster bekommt Strahlen ab, die ihr guttun.

(Siehe auch: Harley Davidson XR 1200: Amerikas Antwort auf die Santa Maria)

Seit langem ist dieses Modell eine feste Größe im Programm, ein Umsatzbringer, der die Marke durch die dürren Jahre getragen hat, Mutter aller Roadster, urban, puristisch, italienisch, nackt. Mit ihrem Erscheinen 1993 begann die Ära sportlicher Naked Bikes, die Monster wurde zu einer Art Ikone, vervielfältigte sich zu einer ganzen Modellfamilie, bis der Punkt erreicht war, an dem eine gründliche Erneuerung fällig wurde. Das haben sie sich nicht leichtgemacht bei Ducati, drei Jahre waren die Entwickler zugange. Die Vorgabe klingt auch nicht ganz unkompliziert: Alles anders, aber bitte genau so wie bisher.

Eine Skulptur aus Kanten und Schwüngen

Der Generationswechsel beginnt mit dem kleinsten Modell, der 696 als Nachfolgerin der 695. Verblüffend ist, dass das Motorrad jetzt exakt so vor einem steht, wie es schon auf ersten zeichnerischen Entwürfen zu sehen ist - nicht verwässert durch Kostenrechnungen oder Bedenken aus der Produktionsabteilung. Die kleine Monster sollte stärker, agiler, komforta-bler, einfacher zu fahren sein, ein frisches Design erhalten, aber unbedingt und ohne jeden Zweifel als Monster zu identifizieren sein. Auch das ist gelungen.

Allerdings steht die 696 stämmiger, bulliger im Leben als die älteren Ungeheuer. Dazu trägt der konstruktiv pfiffige, extrem flache Scheinwerfer bei: Plattnase vor Stiernacken und Boxerschultern, das wirkt. Die Tank- und Luftfilterabdeckung (einfach abzunehmen und gegen eine andersfarbige auszutauschen) schrumpfte in der Länge und wuchs in der Breite. Es ist eine Skulptur aus Kanten und Schwüngen, in die die Designer vergitterte Vertiefungen eingeformt haben, durch die der Motor Luft holt und in die die Lenkerenden eintauchen können für einen vergrößerten Lenkeinschlag von 32 Grad.

Thema „kurz, dick und dominant“

Als tiefen Eingriff in die Tradition werden Monsteristi vermerken, dass der Stahlgitterrahmen weit weniger filigran wirkt als bisher, wegen eines größeren Rohrdurchmessers bei geringerer Wandstärke und weil er früh endet und in eine Hecksektion aus Aluminium übergeht. Auffällig ferner: wuchtige Alu-Schwinge, Auspuffführung über statt unter dem Motor, die hochdroben in Gestalt zweier kurzer Töpfe neben der kurzen Bank ein dickes Ende nimmt.

Das Thema „kurz, dick und dominant“ scheint sich durch die ganze Maschine zu ziehen. Die wirkt massiger, was sie gar nicht ist, im Gegenteil: Mit laut Hersteller nur 161 Kilogramm Trockengewicht (ins Spritfass passen 15 Liter) ist die 696 höchst konkurrenzfähig. Man hat sie - abgesehen von einer befremdlich banal aussehenden Lenkstange - sorgfältig durchgestylt, das reicht bis zu den designstarken Rückspiegeln mit leichter Sehschwäche, dem gekonnten Zusammenspiel von Scheinwerfer und Rücklicht mit den Blinkern sowie dem Zündschlüssel, der die Formen des Tanks aufgreift. Trotzdem scheint sich Ducati nicht ganz sicher zu sein, wie das alles ankommt, lässt neben der 696 die alte 695 erst einmal im Programm. Das wirkt ängstlich und ist womöglich unnötig.

Herrlich leicht und locker

Denn die Monster fährt sich herrlich leicht und locker, so wie es einer Maschine ansteht, die sich nicht nur an erfahrene Leute, sondern auch an Einsteiger und weibliches Publikum richtet. Gerade diesen Zielgruppen kommen geringes Gewicht, der schmale, niedrige Sitz (770 Millimeter), entspannte Haltung, Wendigkeit entgegen. Schade, dass ihnen Ducati ein ABS vorenthält, schön, dass man es sich verkniffen hat, einen protzigen 180er-Hinterreifen aufzuziehen und es bei einem 160er belässt.

Der V-Zweizylinder ist stärker geworden, bringt die Kleine auf das Niveau ihrer Rivalinnen. 59 kW (80 PS) bei 9000/min und 69 Nm bei 7750/min verkündet der Prospekt, versicherungsgünstigere 76 PS stehen nach der Homologation in den Fahrzeugpapieren. Der luftgekühlte Zweiventiler, desmodromisch gesteuert, wurde stramm überarbeitet, auch hinsichtlich eines möglichst ruckelarmen Laufs im Stadtverkehr. Das Triebwerk beherrscht die hohe Schule des Monster-Grummelns, es drückt, dreht und drängt im Stil des perfekten Landstraßenaggregats und funktioniert auch innerorts. Wenn man der Maschine etwas vorwerfen will, dann vielleicht eine recht knackige Gasannahme bei Lastwechseln und Vibrationen bei höheren Drehzahlen, zu spüren in den Lenkerenden. Nichts Schlimmes.

Die neue Monster kostet 7695, mit der Zugabe einer kleinen Windschutzscheibe sowie einer sportlichen Soziussitzabdeckung 8045 Euro. Auch das macht sie zu einer echten Alternative in der alltagstauglichen Mittelklasse.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller

 
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