Von Claus Reissig
25. Oktober 2008 Angelika Schennen mag keinen Superlativ, auch wenn dieser sich sehen lassen kann: Die Hanseboot 2008 wird die größte Bootsausstellung werden, die in der Hafenstadt je ausgerichtet wurde. Zumindest was die Fläche angeht, die Messe mitten in der City hat um 5000 auf 88.000 Quadratmeter in elf überwiegend neuen Hallen zugelegt. Die Zahl der Aussteller bleibt mit rund 800 auf dem Niveau von 2007, damit hält die hanseatische Schau ihren zweiten Platz in Deutschland. Zum Vergleich: Die Boot in Düsseldorf (17. bis 25. Januar 2009) als Nummer eins ist bei Ausstellern und Grundfläche etwa doppelt so groß.
Das große Plus von Hamburg ist nach den Worten von Schennen, Abteilungsleiterin für die Pressearbeit, der Termin: Ende Oktober ist ein guter Orderzeitpunkt für die Werften, um bestellte Yachten pünktlich zur nächsten Saison auszuliefern. Zahlungskräftiges Publikum gibt es rundherum ebenfalls. Ob sich diese Vorteile angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Misere auch in dieser Saison auszahlen, wird sich zeigen müssen. Auf die ausstellenden Werften hat die Krise derzeit scheinbar nur begrenzten Einfluss, lediglich die zu einer Gruppe gehörenden Werften Dehler und Etap sagten ihren Besuch kurzfristig ab, obwohl gerade die spektakuläre Dehler 60 eine Attraktion hätte sein können. Dehler zeigte sie aber in Genua.
Ein Boot für alle Bond-Girls
Trotzdem ist Hamburg großes Kino, und das nicht nur im übertragenen Sinne, denn einer der Stars dürfte die Sunseeker Quantum of Solace sein, mit der Daniel Craig alias 007 von November an im gleichnamigen Bond-Film mit Olga Kurylenko über die Leinwand rast. Auf der Hanseboot ist die Superhawk 43 in einer limitierten Bond-Sonderausstattung zu sehen. Ihr fehlt im Vergleich zu den Serienschwestern zum Beispiel der Bügel über dem Cockpit. Die Kino-Rakete soll mit deutlich mehr als 700 PS für über 50 Knoten gut sein und wechselt für knapp 474.000 Euro zu einem zivilen Besitzer. Wem das rasende Appartement für zwei zu klein ist, kann alternativ zur ebenfalls neuen Sunseeker Predator 52 greifen. Bei maximal 32 Knoten hat man dann von der absenkbaren Badeplattform bis zur Waschküche alles an Bord, um auch mehrere Bond-Girls zufriedenzustellen.
Nicht minder spektakulär fallen die Neuigkeiten der deutschen Hanse AG mit ihren Marken Fjord (Motoryachten) und Moody (Segelyachten) aus. Die Fjord 40 Open bekommt die überdachte 40 Cruiser zur Seite gestellt. Fjord paarte ein kantiges, polarisierendes Äußeres mit modernen, durchaus wohnlichen Elementen und machte das Junggesellenstück 40 Open zur familientauglichen Wochenendyacht. Unverändert bleiben der Rumpf und die beiden dieselunterstützten IPS-Antriebe von Volvo Penta.
Retro-Stil ist in
Eine gewisse Ähnlichkeit kann man der aus der traditionellen Moody-Werft hervorgegangenen, ebenso kantigen Decksalonyacht Moody 45 DS nachsagen. Auch die 2008 vorgestellte Segelyacht kommt aus dem Hanse-Konzern und wird sich erstmals der breiten Öffentlichkeit zeigen. Das Layout - ein wenig Motoryacht, ein wenig Segelyacht mit einem Spritzer Katamaran - dürfte zumindest unter traditionell gesinnten Seglern gemischte Gefühle hervorrufen, galt Moody doch bis zur Hanse-Übernahme als grundkonservatives Unternehmen.
Für diese Kunden dürfte die zweite Neuvorstellung, Moodys 41 Classic, Balsam für die Seele sein und zeigen, dass es für die Zukunft bei den Yachten keinesfalls eine einzige klare Linie gibt; Retro-Stil ist momentan genauso in wie kantig. Das von Grund auf neu konstruierte Achtercockpitschiff soll einen komplett anderen Seglerkreis als die DS-Reihe ansprechen, daher wird auch unter Deck traditionell anmutender Bootsbau mit vielen Stauräumen im Stil klassischer Langstreckenschiffe zu finden sein. Den Preis setzt die Werft mit rund 180.000 Euro relativ niedrig an.
Spagat zwischen Komfort und Segelqualitäten
Auch die Rennyachtschmiede X-Yachts baut die traditionelle Linie aus und stellt mit der Xc 42 die kleinere Schwester der Xc 45 vor, die mit ihren Designelementen der Moody nicht ganz unähnlich ist. Mit fester Windschutzscheibe, steilem Spiegel und tiefem Cockpit zielt sie auf Eigner, die nach langen Jahren auf See zur standesgemäßen Fortbewegung durchaus ein wenig Komfort gebrauchen können. Dass das ein Spagat ist, wissen die Dänen und zielen mit X-Qualität und -Segeleigenschaften auf die geschwindigkeitsverwöhnte Kundschaft. Zwar wird die Xc 42 rund vier Tonnen schwerer als die Performance-Schwester X-43, aber mit 99 Quadratmetern am Wind nur unwesentlich weniger Segelfläche tragen.
Die Hamburger Lütje-Werft setzt mit der Lütje 47 auf traditionelle Linien, geht mit positivem Deckssprung und großen Überhängen des Rumpfs noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück. Wundern werden sich Hobbyregattasegler, die im Sommer meinen, mit der Lütje einen behäbigen Langkieler vor sich zu haben, den sie locker im Kielwasser zurücklassen können, denn unter Wasser sorgen ein Kurzkiel und ein freistehendes Ruder für zeitgemäße Segeleigenschaften. Designer der 14,35 Meter langen Yacht ist niemand Geringeres als Alinghi-Konstrukteur Rolf Vrolijk. Der Preis beträgt je nach Ausstattung rund 850.000 Euro.
Kohlefasern punkten bei Regatten
Ebenfalls neu ist die deutsche und ganz aus Kohlefasern hergestellte Carbomare 35, die vor allem auf Regattabahnen punkten soll. Mit 64 Quadratmeter Segelfläche bei nur knapp drei Tonnen Leergewicht ist sie eine der interessantesten Neuerscheinungen. Die neue Arcona 430 spielt eher die Karte konservativerer Werte, wie die ebenfalls debütierende Sun Odyssey 30i aus dem französischen Jeanneau-Konzern - vor allem preisbewusste Käufer sind angesprochen.
Einen vielleicht zukunftsweisenden Weg geht die Arion 29 E (ohne E schon eine alte Bekannte), die künftig mit zwei Windgeneratoren, Solarpaneelen sowie Elektromotoren als Antrieb den Weg zur Tankstelle überflüssig machen soll. Bei Flaute und Wolken können die Batterien zudem mit einem Ladegerät befüllt werden. Selbst dann, errechneten ihre Entwickler, sollen die unter Motor zurückgelegten Meilen nur rund ein Fünftel im Vergleich zum Fahren unter Diesel kosten. Der Preis für die segelfertige E-Yacht: knapp 70.000 Euro.
Nicht verpassen sollte man die Weltpremiere der schwedischen Hallberg-Rassy 372. Sehenswert sicher auch: die polnischen Skippi 750 PC und Delphia 46, die Dufour 45 aus Frankreich, die finnische Finngulf 43. Bénéteau präsentiert unter anderem Oceanis 31, 34 und 43 sowie die neue First 21.7 S, Bavaria die Cruiser 34, 38, 43 und 47.
Geschützte Kurzreise für die ganze Familie
Bei den Motoryachten könnte man die norddeutsche Witterung als Vater zweier Neuigkeiten sehen, die eine Saisonverlängerung ermöglichen. Die Merry Fisher 815 der Jeanneau-Werft soll bis zu vier Personen eine geschützte Kurzreise ermöglichen und damit an die Tugenden der kleineren Merry-Fisher-Modelle anknüpfen, die vor allem bei schlechtem Wetter als Fischer- und Angelboote Dienst tun. Den Vortrieb übernimmt eine 200-PS-Einbaumaschine. Die Nordstar 40 Patrol sieht ebenfalls aus, als hätte sie ihre Wurzeln in der Berufsschifffahrt, wo zurückfallende Frontscheiben und breite Gangbords Einsatzfähigkeit bei jedem Wetter gewährleisten. Untenherum martialisch, nicht zuletzt wegen der schwarzen Rumpffarbe, obenherum ein Sportboot mit Flybridge: Diese Kombination dürfte gerade in die Häfen der Nord- und Ostsee gut passen. Der Rumpf wurde werftseitig für den Einsatz der drehbaren IPS-Antriebe optimiert.
Einen interessanten Weg - Kreuzung aus Segelyachtrumpf und -aufbau mit einem Motoryachtcockpit - geht die französische Kirie-Werft mit der Feeling 55. Das Schiff zeigt mit einer großen überdachten Sitzgruppe im Cockpit, einer Sonnenliege auf dem Achterdeck sowie einem Integralschwert mit im Rumpf integriertem Ballast, wie eine Freizeityacht in Zukunft aussehen könnte. Wie viele andere große Schiffe wird sie im ausgebuchten Hanseboot-Hafen zu sehen sein, wo auch die größte Yacht der Messe liegt: die Elegance Vision 68, die mit gut 22 Meter Länge und 2000 PS das obere Ende der Luxusyachten in Hamburg darstellt.
Hanseboot Hamburg, 25. Oktober bis 2. November, Öffnungszeiten täglich 10 bis 18 Uhr (Mittwoch bis 19 Uhr), Eintritt 13 Euro, Familien 26 Euro. Informationen auch unter www.hanseboot.de
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Hersteller