15. Mai 2008 Die hier versammelten vier sportlichen Citybikes sind gemacht für Menschen, die sich auf mehr als zwei Rädern durchaus etwas zu gönnen verstehen. Die schlau genug sind, am Stau vorbei ihrem Büro zustreben zu wollen - wenn es geht, bereits in angemessener Kleidung. Die jedoch nicht in 27 Gängen herumrühren wollen, wohl aber im Fall des Falles, ob in der Stadt oder wochenends im Stadtwald, der Mitwelt das Hinterrad zeigen möchten.
Technisch bemerkenswert: Alle vier Räder vereinen eine gemäßigt bis dezidiert sportliche Rahmengeometrie mit einer Nabenschaltung. Bei den modernen Acht-Gang-Naben redet niemand mehr vom Wirkungsgrad, genauso wenig wie von der Sicherung dieser Pretiosen. Vor allem anderen geht es um Stil - in vier charakteristischen Varianten.
MTB Cycletech Pura Vida
Ein Naked Bike mit Pedalantrieb: Bete, dass der Blick deines Chefs nicht an der Innenseite deines rechten Hosenbeins hängenbleibt: so schwarz ist kein Börsenzwirn. Schlicht und schön, ein rundherum stimmiges Sportrad, dem von Anfang an Schutzbleche und ein Gepäckträger angedacht worden sind, ein Wohlfühlrad für den Bewegungsmenschen. Das Behältnis für die Lunchbox muss man sich noch dazu erfinden - ein kleines, dunkel eloxiertes VeloCase wäre das Angemessene.
Die schönste Beleuchtungsanlage, die man für 300 CHF Aufpreis kaufen kann, Supernova mit Namen, fast so hell und so schön, dass kein deutscher Polizist nach der nicht vorhandenen Prüfnummer suchen wird. Und, es kommen einem beim Tippen wahrhaft die Tränen, die hässlichste Kabeleinführung, die wir je gesehen haben: wie der Kehlkopf von Alien I, von einem völlig bekifften H. R. Giger gezeichnet. Die Preise für die schwarze Nacktheit des Pura Vida beginnen bei rund 1500 CHF.
Additive FreeUrban
Die Idee an sich ist nicht so jung wie die Materialtechnik der Umsetzung und der, der diese Räder konstruiert hat. Christian Hefter, Anfang vierzig und Maschinenbauer aus Prien am Chiemsee, hasst einen verschwitzten Rücken unterm Rucksack. Nun haben, seit es Diamantrahmen gibt, Wandervögel und Militärs in das Rahmendreieck Taschen gehängt. Hefter hat in dreijähriger Entwicklung eine schmale, 650 Gramm leichte 15-Liter-Tasche ertüftelt, die ohne Riemenschnalle und ohne Klettband bombenfest in einem Rahmen hält, dessen Unterrohr doppelt ausgeführt ist. Die Tasche ist weich (dank EVA) und steif (durch ein Kohlefasergerippe) zugleich, kann einen Trinkvorrat mit Schlauch zum Nippen aufnehmen und in einem schnell zugänglichen Sonderfach die Kamera oder das Handy. Der Argwohn, das sehe zwar originell aus, fahre sich aber wohl recht behäbig, ist unbegründet. Das FreeUrban, mit einem Preis von rund 1000 Euro, Schutzblechen, Acht-Gang-Nabe und Rollerbrakes die Preisbrecher-Variante im Additive-Programm, ist ein flottes, superwendiges Sportrad, das es mit Rotwild-Hinterbau (ein bisschen teurer) auch als erstklassiges Fully gibt. Heißer Tip für Leute, die sich im Schatten der Banktürme gern mit Fahrradboten anlegen: das Modell Freespeed.
Koga-Miyata Vector
Ein Hollandrad des Jahrgangs 2008, aber wahrhaftig nichts für Weicheier. Stattdessen ein Hardtail alter Schule, ein kerniger Sportkamerad für 1400 Euro, der mit dem Transport von größeren Mengen Büromaterial nicht überfordert ist. Der aber in jedem Moment klar- macht: Seine wahre Berufung erfüllt sich nicht zwischen Heim und Arbeitsstelle mit dem Hinweg um 9 und dem Rückweg um 5 - es sei denn, es käme drauf an, jeden Tag ein halbe Minute schneller zu sein. Da wäre der Vector mit dabei, egal, ob sein(e) Benutzer(in) die guten Hosen anhat oder nicht.
Trotzdem: Auf die Hörnchen am Lenker könnten wir leichthin verzichten. Nicht verzichten möchten wir auf den Chainglider-Kettenschutz, der gerade auf Holterdipolter-Strecken dadurch gefällt, dass ihm Klappern völlig fremd ist. Und den man nach dem Geländeeinsatz einfach absprüht. Wer täglich ein Stück durch den Park düst oder in noch nicht ganz erschlossenem Gelände jung gebaut hat, wird dieses Rad lieben lernen: Es will den Auslauf abseits vom Asphalt, auf dem es zwar auch eine schmucke Figur macht, aber in etwa so zu Hause ist wie Frau Antje in einer Allgäuer Käserei.
Cannondale Vintage 8
Dieses Rad ist so vintage wie ein vollklimatisiertes Museumsdorf in Neuengland: Man weiß schon, was der Kunde von einem Klassiker erwartet, aber das bitte schön hätte man gern auf reinrassig amerikanisch. Unter der Überschrift Lifestyle kommt bei Cannondale mit diesem Rad im Retrodesign ein Widerspruch in sich heraus: moderne Rahmenbaukunst mit Oversized-Aluminium-Rohren, die stabilisierend ihren Querschnitt ändern, aber nicht gerade klassisch filigran genannt werden können.
Drapiert wird diese Moderne mit besten Zutaten: Teils mit echter Klassik wie dem Kernledersattel Brooks B17 - wer sich auf ihm die eigene Po- und Passform ersitzt, wird nie mehr etwas anderes wollen. Und andernteils gibt es dazu grauenvolle Als-ob-Klassik wie die lederbezogen umsteppten biomorphen Lenkergriffe. Ein Scheinwerfer, wie er futuristischer nicht sein könnte, schwarzlackierte dicke Naben (hinten mit acht Übersetzungen, vorn mit dem Dynamo drin), und dazu schön in den Rahmen integrierte Scheibenbremsen. Zum Listenpreis von 1700 Euro muss man sagen: Boys, Stil kann man nicht (ver)kaufen, so man keinen eigenen hat.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Hersteller, Pardey