17. August 2006 Die Honda Gold Wing macht stolz. Stolz, daß man sich an so etwas überhaupt herantraut. Daß man es schafft, sie ohne Bandscheibenvorfall vom Hauptständer zu wuchten. Dazu wirft man sich mit dem ganzen Gewicht des Körpers nach vorn gegen den Lenker und konzentriert sich darauf, die acht Zentner anschließend im Gleichgewicht zu halten. Neben der Gold Wing sehen sonstige Motorräder aus wie Kleinkrafträder, kein anderes erregt so viel Aufmerksamkeit und neugierige Blicke. Alle wollen wissen: Was ist, wenn die mal kippt?
Tja, das darf sie halt nicht. Das würde teuer, und man müßte wohl einen Kran kommen lassen. Es ist das einzige Motorrad, auf dem man vergißt, daß hinten eventuell ein Beifahrer sitzt. Es ist so breit, daß man halb darunterkriechen muß, um den Luftdruck des Hinterrads zu prüfen. Manchmal unterläuft einem ein sprachlicher Ausrutscher, etwa so: Ich muß noch das Auto in die Garage fahren. Für die meisten Garagen muß die lange Radioantenne am Heck eingeklappt werden, was werkseitig mit einem Gelenk schon vorbereitet ist. Nein, die ganz hohe Schule des Motorradfahrens besteht nicht darin, mit einem mageren Supersportler knieschleifend die Kurve zu nehmen. Es ist das Wenden dieses 25.000 Euro kostenden japanischen Sumomegaluxustourers auf einer abschüssigen deutschen Altstadtstraße ohne heftigen Schweißausbruch.
Elektrischer Rückwärtsgang
Diese Fähigkeit wird einem nicht in die Wiege gelegt, das muß man trainieren. Glücklicherweise gibt es einen elektrischen Rückwärtsgang, mit dem sich das Gebirge aus Stahl, Alu, Chrom und Kunststoff vorsichtig achteraus bewegen läßt. Eine Gold Wing verlangt nach mehr Eingewöhnungszeit als andere, aber nach und nach stellt sich ein unvergleichlich wohliges Gefühl der Massen-Bewegung ein. Beglückt stellt man fest: Man kann ihr eine Linie vorgeben, und sie folgt ihr treu, selbst wenn es nicht stur geradeaus geht. So ein Wohnzimmer in die Kurve zu legen, daß die tiefliegenden Fußrasten behutsam über den Asphalt raspeln, hat etwas ganz Besonderes. Es kommt der Tag, an dem man sich kaum mehr vorstellen kann, jemals noch etwas anderes fahren zu wollen.
Die Paradedisziplin der Königin der Zweirädrigen ist das majestätische Dahindampfern. Aber: Die Honda kann auch energisch. Wird sie gefordert, pressen 87 kW (118 PS) aus 1,8 Liter Hubraum und ein Drehmoment von bis zu 167 Newtonmeter die Besatzung in die opulent gepolsterten Fernsehsessel. Bei flotten Überholmanövern läßt sie fast alles stehen. Der wassergekühlte Sechszylinder-Boxermotor (!) mit Einspritzung und Kardanantrieb läuft sanft und seidig, klingt nach vornehm zurückhaltender Turbine und bügelt fast jede Situation zurecht. Fährt man im zweiten Gang an, ist ihm das genauso recht. Der fünfte ist als Overdrive ausgelegt, er zieht ruckelfrei von Standgas bis an den roten Bereich bei 6000/min, deckt als eine Art Automatikfahrstufe den Geschwindigkeitsbereich von Stadtverkehr bis Tempo 200 ab.
Neuartiges LAF-Sensorsystem
Seit dem Modelljahr 2006 werden Luft-Kraftstoff-Gemisch und Abgase mit Hilfe eines neuartigen LAF-Sensorsystems gesteuert, das die Honda nach Angaben des Herstellers zu einer außergewöhnlich sauberen Maschine macht. Der Schadstoffausstoß wurde demzufolge auf fast die Hälfte des nach der Euro-3-Norm Zulässigen verringert. Wir ermittelten einen Kraftstoffverbrauch (Normalbenzin ist ausreichend) von 5,9 bis 7,1 Liter auf 100 Kilometer, bei schärferer Gangart gut 8 Liter. Das 25-Liter-Faß erlaubt dennoch eine enorme Reichweite. Die vollgetankt 402 Kilo schwere Maschine einzufangen ist Sache des Kombi-Bremssystems mit ABS, was ordentlich gelingt. Etwas mehr Vehemenz beim Verzögern bei etwas feinfühligerem Ansprechen von Bremshebel und Fußpedal wäre wünschenswert.
Ein komfortableres Motorrad als dieses ist kaum vorstellbar. Extrem bequem, aufrecht und mit perfekter Übersicht, sitzt, nein thront es sich vorn wie hinten. Nach einem Regenguß muß das ausladende Mobiliar erst einmal leergeschöpft werden. Der Stauraum in den mit Fernbedienung abzuschließenden Koffern plus diversen kleineren Fächern summiert sich auf rund 147 Liter - gewaltig. 190 Kilo Zuladung sind erlaubt. Griff- und Sitzheizungen (auch in der Lendenwirbelstütze des Fahrer- und der Rückenlehne des Soziussitzes) sind mehrstufig einstellbar. Ventilationsschlitze leiten kühlende Luft auf den Fahrer, Heizkanäle wärmen die Füße. Hinter der Verkleidung mit höhenverstellbarer Scheibe ist Ruhe, das RDS-Radio wehrt sich bis zum gemäßigten Autobahntempo ganz erfolgreich gegen alle Fahrtgeräusche. Der Blinker schaltet automatisch ab, Federvorspannung der Hinterradaufhängung und Leuchthöhe der Scheinwerfer werden per Knopfdruck der Beladung angepaßt. Sogar ein Tempomat ist an Bord. Was will man mehr?
Als Weltneuheit ist eine Variante mit Airbag angekündigt. Was sie kosten soll, wird auf der Intermot im Herbst mitgeteilt. Was mag die Zukunft überdies bringen? Kühlschrank, beleuchteten Schminkspiegel, eingebaute Gesäßmassage? Man darf gespannt sein.
Text: F.A.Z., 15.08.2006, Nr. 188 / Seite T4
Bildmaterial: Hersteller