Roller

Die schräge Welt auf drei Rädern

Von Walter Wille

Der Piaggio MP3 ist ein Roller, der anders als der Rest ist

Der Piaggio MP3 ist ein Roller, der anders als der Rest ist

08. Dezember 2006 Die Leute gucken. Sie drehen so lange den Kopf hinterher, daß man befürchtet, sie könnten gegen die nächste Laterne laufen. Manche schielen nur verstohlen herüber, aber die meisten glotzen, als hätten sie eine grün angestrichene Giraffe mit Stoßzähnen vor sich. Knirpse zupfen Kindergärtnerinnen am Ärmel und zeigen mit dem Finger auf einen. Autofahrer schieben sich an der Ampel heran und fragen durch eilig geöffnete Seitenscheiben: Was ist denn das? Ist das neu? Ist das ein reguläres Fahrzeug? Kann man das kaufen?

Kein Motorrad, kein Roller hat uns jemals derart viel Aufmerksamkeit eingebracht wie Piaggios MP3, und wir reden hier auch von dicken Harleys, von schönen Ducatis und raren MV Agustas. Man muß der Menschheit noch etwas Zeit gewähren, sich an den Anblick zu gewöhnen.

Anders als der Rest

Keine Kunst, mit diesem Gerät zurechtzukommen

Keine Kunst, mit diesem Gerät zurechtzukommen

Daß dieser Roller anders ist als der Rest, erkennt jeder sofort, zwei Räder vorn, wo üblicherweise nur eines ist, und zwar im Abstand von rund 30 Zentimeter. Wozu das gut sein soll und wie das funktioniert, erschließt sich jedoch nicht auf Anhieb.

Viele vermuten, das Ding fahre sich starr und aufrecht wie ein vierrädriges Quad. Weit gefehlt. Es legt sich in die Kurve wie der Teufel, bis links der Ausleger des Ständers auf dem Asphalt kratzt oder rechts der Auspuff aufsetzt. Die beiden 12-Zoll-Vorderräder, einzeln gefedert und jeweils mit einer Bremsscheibe ausgestattet, sind über eine ausgeklügelte Mechanik, ein bewegliches Parallelogramm aus Aluminiumstreben und Gelenken, zu einer Neigetechnik verbunden, die tiefe Schräglagen erlaubt. Andererseits läßt sich das System im Stand oder auch beim Ausrollen vor der Ampel per Knopfdruck elektrohydraulisch verriegeln. Man kann also im Stadtverkehr anhalten, ohne einen Fuß auf den Boden zu setzen. Zum Parken wird kein Ständer benötigt (gleichwohl ist einer vorhanden). Durch abermaliges Knopfdrücken oder Gasgeben löst sich die Verriegelung der Neigetechnik, der Wechsel wird durch ein Piepen und ein Blinken signalisiert.

Weil sich das System in jedem Neigewinkel arretieren läßt, steht der MP3 kerzengerade auch am noch so schrägen Hang. Man schubst ihn morgens aus der Garage, statt ihn mühsam zu rangieren. Vor dem Gemüseladen schwingt man sich lässig herunter, zieht Handbremse und Zündschlüssel, geht federnden Schrittes einkaufen und genießt die verstörten Blicke im Rücken. Damit der Roller nicht im Stand wegrollen kann (weil sich zum Beispiel jemand einen üblen Scherz erlauben will), läßt sich die Handbremse nicht lösen, solange der Lenker abgeschlossen ist. Und: Wenn niemand im Sattel sitzt, nimmt der Motor auch kein Gas an; ein Sitzsensor verhindert, daß durch einen unbedachten Dreh am Gasgriff sich die Neigetechnik löst und die Maschine umfällt. Schlau gemacht.

Das Staunen der anderen

Standfestigkeit und Showtalent allein rechtfertigen noch nicht unbedingt den technischen Aufwand an diesem dreirädrigen Vehikel. Seine wahren Vorzüge offenbart der MP3 beim Fahren. Das ist grundsätzlich keine Kunst – wer mit einem herkömmlichen Automatikroller zurechtkommt, hat auch hier keine Schwierigkeiten. Er ist nicht breiter als ein konventioneller Scooter, im Stadtverkehr genausogut zu manövrieren und im übrigen als Einspurfahrzeug mit Zwillingsbereifung homologiert. Das heißt: Es gelten Helmpflicht sowie die üblichen Führerscheinbestimmungen.

Der MP3 vermittelt – jetzt kommen wir zum Kern der Sache – ein phänomenales Gefühl der Stabilität und Sicherheit, weil er den Grip von drei statt nur zwei Reifen auf den Boden bringt. Wir haben ihn – in der Version mit dem kleinsten Motor (Viertakt-Einzylinder mit 125 Kubik, 11 kW/15 PS) – bei herbstlichem Schmuddelwetter mehrere Wochen lang im Wechsel mit einem gleich starken zweirädrigen Piaggio X8 benutzt, auf dem er basiert. Dabei wurde vom ersten Tag an deutlich: Umstände, unter denen man sich üblicherweise kaum in Schräglage traut – Nässe, Schmutz, Rollsplitt, Kopfsteinpflaster, Kanaldeckel, Straßenbahnschienen – verlieren auf dem MP3 einen gut teil ihres Schreckens.

Physikalische Gesetze gelten für alle

Das heißt nicht, daß man mit diesem Fahrzeug überhaupt nicht stürzen könnte, die physikalischen Gesetze gelten für alle, doch man muß schon eine Menge falsch machen. Die Gefahr eines Wegrutschens mit der Front erschien uns deutlich geringer, gerade auch beim beherzten Bremsen. Der MP3 hat weder ABS noch Kombibremse, doch man vermißt das auch nicht. Er kommt viel früher zum Stehen, bei einer Vollbremsung aus 60 km/h auf trockenem Untergrund etwa machte der Unterschied ungefähr zwei Meter aus. Und während ein Zweirad beim Extremverzögern mit wimmernden Reifen hart an der Sturzgrenze schlingert, bleibt der MP3 erstaunlich ruhig. Er macht geradezu übermütig, fordert zum Abtauchen in Kurven heraus oder zu kleinen Drifts mit blockierendem Hinterrad.

Die Kehrseiten des MP3

Hat nun solch ein MP3 ausschließlich Vorteile? Hat er nicht. Bei einem Leergewicht von knapp 220 Kilogramm schleppt er rund einen Zentner mehr mit sich herum als ein vergleichbarer X8. Der ist deutlich spritziger, läßt ihm keine Chance beim Sprint und in der Höchstgeschwindigkeit (gemessen: 112 km/h für den X8 gegenüber 102 km/h). Bergauf, im Soziusbetrieb, beim Überholen quält sich das Dreirad, der häufige Vollgasmodus des MP3-Spielers gegenüber dem X8-Piloten führt zu einem Verbrauch von 4,5 bis 5 Liter Super gegenüber etwa 4,1 Liter beim Zweiradbruder. Mit 5450 Euro kostet der MP3 rund 1550 Euro mehr (bringt aber zusätzlich ein moderneres, umfangreicher bestücktes Cockpit mit). Bei Schräglage auf schlechter Fahrbahn, wenn ein Rad ein Loch trifft und das andere nicht, rührt der Dreiradroller mit dem Lenker, was etwas irritiert, aber nicht bedenklich erscheint. Sein Abblendlicht ist schrecklich kurzsichtig, die Windschutzscheibe zu niedrig. Eine höhere sowie eine „Komfortscheibe“ bis über den Kopf des Fahrers sollen als Zubehör verkauft werden. Stauraum ist reichlich vorhanden, wenngleich das Handschuhfach im Vorbau, das ein X8 zusätzlich anbietet, konstruktionsbedingt entfällt. Beiden gemein ist ein Tank, der sich nur mit Geduld und selten ohne Geklecker füllen läßt.

Doch der MP3 funktioniert, Piaggio, der italienische Rollerriese, hat noch viel vor mit ihm. Temperamentvollere Versionen mit 250- und 400-Kubik-Motoren (17 kW/23 PS und 25 kW/34 PS) sind für 2007 angekündigt (der 250er für etwa 6100 bis 6200 Euro), unter dem Namen der Konzerntochter Gilera wird eine 500er-Variante mit ganz anders gezeichneter Verkleidung folgen – betont sportlich, sehr aggressiv. Eine Prognose: Künftige MP3ler werden, weil es so Spaß macht, hinten viel Reifengummi und vorn viel Bremsbelag verbrauchen. Und es kommt eine Zeit, da wird man sich an den Anblick gewöhnt haben.

Text: lle/F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Hans-Heinrich Pardey

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