Harley Davidson XR 1200

Amerikas Antwort auf die Santa Maria

Von Walter Wille

21. April 2008 Im Jahr 1492 haben die Europäer nach Indien gesucht und Amerika entdeckt. Im Jahr 2008 sucht Harley-Davidson nach neuen Chancen und entdeckt Europa. Hier wie da liegt der tiefere Grund in einer gewissen Geschäftstüchtigkeit. Ist der gute Kolumbus noch ins Ungewisse losgesegelt, so hat die Motorcycle Company aus Milwaukee vorher gründlich erkundet, was sie in der Alten Welt erwartet, und weiß: Die Leute mögen sportliche Motorräder. Deshalb kommt sie jetzt mit der europäischsten Harley ever, der sportlichsten und der ersten überhaupt mit einem Digitaltacho. Mit anderen Worten: Die Amis haben eine Maschine nur für Europa entwickelt!

(Siehe auch: Ducati Monster 696: Italiens Idee von der idealen Nase)

Harley-Davidson ist groß und wichtig, stößt aber im Heimatmarkt an Grenzen. Da gerät verschärft Europa in den Blick, wo man zwar schon sehr gut im Geschäft ist, aber die Liebhaber der Dyna-, Softail- und Tourer-Modelle nicht jünger werden, was die Frage aufwirft, wie es weitergehen soll. Eine erste Antwort ist die XR 1200, die unter maßgeblicher Mitwirkung der hiesigen Harley-Repräsentanten zustande kam. Sie soll eine neue, dynamische Linie innerhalb der Sportster-Baureihe begründen und den Weg ebnen für weitere Neuigkeiten. Jugendlicher will man werden, ohne das zu vergessen, was sich in 105 Jahren an Tradition angesammelt hat. Allem Anschein nach ist einiges in Vorbereitung.

Das Gefühl des harten Eisens

Die XR 1200 soll auf dem anspruchsvollen Roadster-Markt bestehen, sie ist nicht billig, aber nach Harley-Maßstäben mit 11.340 Euro recht günstig. Es ist die Maschine für den, der neue Möglichkeiten will, ohne auf Liebgewonnenes verzichten zu müssen, also den Anblick des urwüchsigen V2, den schon Wyatt Earp so schätzte, das Beben, den Bass, das Zittern der Lenkerenden im Takt großvolumiger Verfeuerung, den Klack beim Gangeinlegen, den Zahnriemenantrieb, das Gefühl des harten Eisens, das Image, den sorgsam gepflegten Mythos. Die XR sieht aus wie eine Harley und fühlt sich auch so an. Hinzu kommt: Sie bewegt sich, und zwar richtig schmissig, bietet Schräglagenfreiheit und versetzt den, der sie zu dirigieren versteht, in die Lage, mit vielem mithalten zu können, was sich auf zwei Rädern bewegt. Selbst wenn der Weg keine gerade Linie ist.

Harley-Davidson gilt gemeinhin als Spezialanbieter fürs Geradeausfahren in den Sonnenuntergang, hat aber, was wenige wissen, eine lange Reihe der Renn-Erfolge. Im amerikanischen Flat-Track-Sport - mit Tempo 200 ohne Vorderbremse driftend im Pulk um ein Oval aus festgefahrenem Erdboden - ist Harley schwer zu schlagen. Das Zuschauen gilt als Vergnügen der einfachen Leute, die Wettbewerbsmaschine XR 750 diente als stilistische Grundlage für die zivile 1200er. So kann sich Milwaukee auch bei diesem Modell auf seine Historie berufen. Das wirkt authentisch, so muss es sein.

Der V2 kämpft heldenhaft und kraftvoll

Die XR kommt mit einem Leistungsplus von rund 30 Prozent gegenüber den herkömmlichen Sportster-Typen - ein gewaltiger Schritt. Der luftgekühlte V-Twin generiert 67 Kilowatt (91 PS) bei 7000 Umdrehungen, 100 Newtonmeter Drehmoment schon bei 3700/min werden versprochen. Das ist ein Wort, fünf Gänge übersetzen es dem Hinterrad. Ebenso bedeutsam ist der auf Anhieb spürbare Agilitätsgewinn, die XR windet sich wunderbar rund und flüssig durch die Landschaft, präsentiert sich gut ausbalanciert, ist dabei frei von jeglicher Hibbeligkeit. Dafür sorgt schon das ungewöhnliche 18-Zoll-Vorderrad, hinten dagegen rotiert der übliche 17-Zöller mit 180er-Reifen. Ohne zu nörgeln, macht diese Harley, was man ihr aufträgt, und sie bremst auch noch fabelhaft (ABS ist nicht zu haben).

Das Gefühl harmonischer Übereinkunft beim temperamentvollen Kurvenschwingen - die XR kann es einem geben. Obwohl sie mit der Bürde des hohen Gewichts kommt. Stolze 250 Kilo (der Tank fasst 13,3 Liter) sind anwesend, der schwere Stahlrahmen trägt seinen Teil dazu bei. Über eine Alu-Lösung hat man bisher nur nachgedacht. Die Masse muss erst einmal in Schwung gebracht werden, der V2 kämpft heldenhaft und kraftvoll, mit einer bewundernswerten Geschmeidigkeit und einem sensationellen Röhren aus der Airbox. Wenn es aus der Drehzahlmitte auf den roten Bereich bei 7000/min zugeht, wird's allmählich zäh. Es gibt explosivere Motorräder, doch steht da nicht Harley-Davidson drauf. Und es reicht allemal.

Das derbe Aroma der Flat-Track-Welt

Hier und da fallen unschöne Anzeichen der Sparsamkeit auf: bei der Verkabelung und Verschlauchung etwa, den Fußrasten, an denen man beim Losfahren immer vorbeitritt, weil sie in der hochgeklappten Stellung verharren, dem mageren Info-Angebot im Cockpit, der Mähdrescherschraube am Lenkkopf. Dergleichen harrt eines kleinen Feinschliffs. Vielleicht soll es ja auch nur das derbe Aroma der Flat-Track-Welt verströmen, wie die Inszenierung des Motors (silberfarben pulverbeschichtet in der Anmutung von unbehandeltem Guss) oder die matt gehaltene Auspuffanlage. Dann wär's genial. So oder so ist Amerikas Antwort auf die „Santa Maria“ auf gutem Weg zu neuen Ufern. Welcome to Europe.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller

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