Von Erdmann Braschos
06. Dezember 2006 Es gibt Situationen im Leben eines erwachsenen und überwiegend vernünftigen Mannes, in denen er sich und anderen gezielt etwas vormacht. Er behauptet, er wolle nur mal gucken. Alle wissen Bescheid und grinsen. Er glaubt sich seine kleine bis mittelgroße Lüge, weil sie Voraussetzung zum weichenstellenden Lebensabenteuer ist. Das kann eine angeblich unverfängliche Verabredung mit einer Bekannten oder der Besichtigungstermin einer Yacht sein, der das nagende Interesse in pochende Passion, in Besitzen und Segelnwollen wandelt.
Josef Martin und Rüdiger Stihl sind zur ganz unverbindlichen Besichtigung von Anitra in die Staaten geflogen. Als richtige Schwaben haben sie ihren Frauen daheim erklärt, sie würden bloß die Gelegenheit eines außerordentlich günstigen Flugs nach Rhode Island nutzen, um sich mal ein Boot anzugucken. Es hat minus 15 Grad, der Schnee schnurpst unter den Füßen, und es wird bald wieder dunkel. Unerfreulicher können die Bedingungen für ein Date mit einer alten Rennyacht kaum sein. Elf Tonnen muffig riechendes Gebälk, die eher schlecht als recht mit 14,5 Tonnen Blei verbunden sind, ragen über ihre Köpfe.
Wie der Besuch im Tierheim
Das Objekt hat die Substanz einer ausgedienten Palette, die in einem Getränkemarkt sofort entsorgt würde. Doch steht im Bootslager von Newport, Rhode Islandm, keine morsche Palette, sondern das fünfte Exemplar einer Flotte von sechs Zwölfern, das 1928 am linken Weserufer in Lemwerder bei Bremen von der angesehenen Werft Abeking & Rasmussen nach Plänen von William Starling Burgess (1878-1947) für den Bostoner Textilfabrikanten Charles Lewis Harding getischlert wurde.
Seine schnittig V-förmige Vorschiffspartie geht in einen tiefen Rumpf mit stattlichem Ballastanteil über. Hinter dem Ruder ist der Bootskörper mit einem hinreißend eleganten Heck bis zum etwa aktentaschengroßen Spiegel aus dem Wasser gehoben. Wenn man überhaupt ein Segelboot braucht, dann so eins.
Anitra, Miami Beach, Fla. steht auf der weißen, teils abblätternden Farbe. Die beiden Schwaben werden das korrigieren. Sie werden den Sinn dieser Reise exekutieren und ihren Frauen daheim erklären, was die schon wissen. Rüdiger Stihl wird die Bootsbesichtigung später anschaulich mit dem Besuch eines Tierheims vergleichen: In dem Moment, wo man mal gucken geht, ist klar, daß man nicht allein nach Hause fährt.
Gammelnde Überreste
Josef Martin, der Bootstischler aus Radolfzell, der den väterlichen Betrieb über Jahrzehnte mit mancher respektablen Holzbootinstandsetzung zu einer angesehenen Werftadresse gemacht hat, ahnt, wieviel Arbeit, Sorgen und Schweiß auf ihn zukommen. Ein Neubau wäre vergleichsweise einfach und günstig. Letztlich werden der Bleiballast und wenige Planken die Originalität sichern. Doch verpflichtet solch ein Wrack zur Wiederherstellung, koste es, was es wolle. Nur mit einer authentischen Rennyacht in quasi neuwertigem Zustand kann man sich vor Argentario, in Antibes, Imperia, Saint-Tropez, in Cannes, Cowes oder Kiel blicken lassen und zwischen der schwarzen Flica, der weißen Trivia oder der lindgrünen Nyala festmachen. Letztere entstand 1938 als Mitgift des Standard-Oil-Bosses Frederick Bedford aus Anlaß der Eheschließung seiner Tochter. Heute wird Nyala vom Prada-Chef Patrizio Bertelli für die nächste Seglergeneration erhalten.
Die Verabredung mit Anitra endet programmgemäß. Im Juni 2003 stehen ihre gammelnden Überreste in Radolfzell auf dem Hof. Das 21 Meter lange, rund vier Meter hohe und keine vier Meter breite Wrack ist bezahlt, versichert, ein Transportgestell gebaut, Spediteure, Kräne, eine Schiffspassage und der Transport von Rotterdam nach Radolfzell wurden organisiert. 15.000 Werftstunden, Nachforschungen bei Abeking & Rasmussen, eine yachthistorische Recherche in den Vereinigten Staaten, materialkundliche Studien, die Beschaffung geeigneter Hölzer stehen an - und eine Ausräumaktion, die soviel Freude macht wie die Auflösung eines in die Jahre gekommenen Haushalts. 14 Eigner, ein gravierender Umbau, fünf verschiedene Motoren und schleichende Vernachlässigung haben im Lauf von 75 Jahren Spuren hinterlassen.
Vom Künstlertum zur Wissenschaft
Mitte der zwanziger Jahre macht der günstige Dollar-Reichsmark-Kurs Erzeugnisse des arbeitsintensiven Bootsbaus interessant. Aus amerikanischer Sicht ist Germany ein Billiglohnland. So verbringt das Verkaufstalent Rasmussen den Spätsommer 1927 dort, wo Geld für große Regattaboote ausgegeben wird. Konstrukteur Burgess hilft von seinem Büro an New Yorks Broadway aus mit Kontakten und entwirft jene Boote, die A&R dann baut. So kehrt Rasmussen mit einem Großauftrag über sechs 12mR-Yachten und zehn 8mR-Yachten nebst weiteren kleinen Booten nach Hause. Mit Zwölfern wie Anitra begründet die Werft Abeking & Rasmussen ihren Ruf als Lieferant ausgezeichneter Regattayachten, die termingerecht fertig werden.
Wie ein genauer Blick in die Zeichnungen und das seit drei Jahren zerlegte und Spant für Spant, Planke für Planke wiederhergestellte Schiff zeigt, senkte Burgess bei Anitra den Ballastschwerpunkt um 15 Zentimeter. Innerhalb der Flotte variierte Burgess die Vor- und Großsegelfläche mit unterschiedlichen Mastpositionen. Anitras Mast stand 40 Zentimeter weiter vorn als zunächst vorgesehen. Dies bot Burgess in den zwanziger und dreißiger Jahren, als sich der Yachtentwurf vom Künstlertum zur zunehmend wissenschaftlichen, auf Meßreihen gestützten Arbeitsweise entwickelte, die Möglichkeit, die Vorteile unterschiedlich austarierter Segelflächen im Maßstab 1:1 zu untersuchen. Leider ist nicht bekannt, ob er sie genutzt hat.
Die große Schule des Bootsbauhandwerks
Mittlerweile steht Anitra mit 34 ersetzten Holzspanten und 34 neu geschlosserten, verzinkten und zusätzlich pulverbeschichteten Stahlspanten in der Original-Legierung in der Halle. Bis hin zur Verbindung der metallischen Aussteifungen des Bootskörpers im traditionellen Heißnietverfahren, wo die eigentliche Festigkeit durch den Anpreßdruck der abgekühlten Niete entsteht, folgt die Instandsetzung dem seinerzeitigen technischen Stand.
Damals wurden Boote in Tabasco, einem südamerikanischen Mahagoni, gebaut. Dank seiner angenehmen Verarbeitung, Witterungsbeständigkeit und schönen Rotfärbung war es erste Wahl. Dieses Mahagoni gibt es heute aufgrund von Ausfuhrbestimmungen nicht mehr in ganzen Stämmen, nur noch aufgeschnitten und in konfektionierten Längen. So wurde der Rumpf mit 38 Millimeter starkem Sipo beplankt. Ursprünglich war Anitra schwarz gestrichen, jetzt bleibt sie Natur. Damals wurden die Planken mit eingeklemmten Baumwollfäden abgedichtet. Jetzt sind sie mit Epoxidharz unter hohem Anpreßdruck zusammengefügt. Das hält die Verformung des Rumpfs gering und erspart das mühsame Wässern des Rumpfs im Frühjahr.
Mit rasantem S-Schlag führen die Spanten zum Kiel, dessen Blei nun für die nächsten Seglergenerationen sicher mit dem Rumpf verbunden ist. Die große Schule des Bootsbauhandwerks unserer Zeit im Geist der zwanziger Jahre. Im Sommer 2007 wird Anitra die exquisite Flotte hiesiger 12mR-Yachten mit der Segelnummer 5 bereichern.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.12.2006, Nr. 48 / Seite V11
Bildmaterial: Bootswerft Martin, Mystic Seaport
