Mit Vollgas durch die großen Ideologien

Der französische Schriftsteller Pierre Drieu La Rochelle in neuen Editionen

21. Oktober 2009 "Wir haben gespielt", notierte er auf einer der letzten Seiten seines Tagebuchs, "ich habe verloren, ich beantrage den Tod." Wenig später, am 16. März 1945, nahm sich der französische Schriftsteller Pierre Drieu La Rochelle das Leben. Gespielt hatte er nie, aber verzweifelt eine Alternative gesucht zur bürgerlichen Welt samt ihrer von ihm als faul erachteten Werte und ihrer parlamentarischen Demokratie. Während er in der Zwischenkriegszeit in Romanen wie "Das Irrlicht", "Gilles" oder "Verträumte Bourgeoisie" das dekadente Leben der französischen Oberschicht kritisierte, suchte er sich politisch zu betätigen - und oszillierte dabei zwischen den ideologischen Polen: Mitte der zwanziger Jahre stand er linken Gruppierungen nahe, wenig später dem konservativen "Redressement Français", zu Beginn der dreißiger dem sozialistischen "Parti radical".

Aber 1936 trat er dem faschistischen "Parti Populaire Français" von Jacques Doriot bei, und während der deutschen Besetzung Frankreichs engagierte er sich für Vichy. Drieu, der auch in Kreisen des französischen Surrealismus verkehrte und zu dessen Freunden André Malraux, Louis Aragon oder Antoine de Saint-Exupéry gehörten, schrieb seit 1940 für die judenfeindliche Zeitung "Je suis partout". Nach der Befreiung wurde er als Kollaborateur verfolgt. Diesen Lebensweg machen nun zwei Bücher deutlich (Pierre Drieu La Rochelle: Textes politiques 1919-1945, Présentation de Julien Hervier, Paris 2009, und: Pierre Drieu La Rochelle/Victoria Ocampo: Lettres d'un amour défunt - Correspondance 1929-1944, Paris 2009).

Immer wieder erscheint darin Drieu als der bekannte Apologet eines "dritten Weges": Der amerikanische Kapitalismus, schrieb er im Krisenjahr 1929, "wendet sich gegen den zurückgebliebenen Kapitalismus in Europa, mit all seiner Stärke, mit all seinen Forderungen, mit all seiner Arroganz". Nicht allein, dass er sich exotischer Märkte bemächtigen wolle oder der kolonialen Besitzungen Europas, mehr noch: Europa wolle er selbst zu einer Kolonie machen und es zwingen, seine Produkte zu kaufen. Gegen diesen "Superkapitalismus" aus New York stehe der "Supersozialismus" aus Moskau, genauso materialistisch, genauso bedrohlich. Daher müsse der alte Kontinent seine "vitale, originäre Formel" finden. Und die bedeute: weder New York noch Moskau, weder Kapitalismus noch Sozialismus.

Indes erfährt der Leser auch von weniger geläufigen Momenten im Denken von Drieu. In seinen Schriften huldigte er oft dem bewaffneten Kampf, aber in den zwanziger Jahren sympathisierte er mit der pazifistischen Bewegung. Für ihn war der moderne Krieg nicht mehr "das noble Spiel junger Leute früherer Zeiten", sondern "der heulende Suizid der menschlichen Rasse", und er sah 1924 schon seine Entgrenzung kommen: "Schwärme von Flugzeugen drohen Städte zu pulverisieren", und "man wird Frauen sehen, Kinder und Alte, ganze Familien, zerstückelt, erstickt oder verbrannt in derselben Hölle". Aber zehn Jahre später, angesichts der innenpolitischen Krisen der Dritten Republik und des Triumphs von Hitler, ist er davon überzeugt, nur ein ebenbürtiges Regime könne Frankreich vor einem wiedererstarkten Deutschland bewahren. Entschieden wendet er sich dem Faschismus zu, da er glaubt, er sei "weniger grausam" und eher in der Lage, "Freiheiten zu garantieren", als Stalins Kommunismus.

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Textes politiques 1919-1945
von Drieu la Rochelle, Pierre
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Doch hat der Faschismus von Drieu eine individuelle Note: Obgleich Antisemit, verwahrt er sich gegen die "verworrene Raserei der Rassisten" und erkennt in Hitlers "Suche nach dem germanischen Blut" den Widerspruch zu seinen imperialen Ambitionen: "Alle großen Reiche", heißt es 1934 bei ihm, "tendierten dazu, die Völker zu assimilieren, und nicht, sie auszuschließen." Immer wieder fürchtet Drieu, die beiden Blöcke könnten die europäischen Nationen zermalmen. Daher appelliert er, den alten Kontinent mit seinen "nationalen Egoismen" wirtschaftlich und politisch zu einen, in einer "europäischen Union", in einem "Genf der Faschismen".

Die Korrespondenz zwischen Drieu und Victoria Ocampo illustriert ihrerseits, dass viele Intellektuelle der dreißiger Jahre die bürgerliche Demokratie an ihr Ende gekommen sahen. Victoria Ocampo, 1890 in Buenos Aires geboren und zeitweise in Paris lebend, war die "schöne Argentinierin", befreundet mit Coco Chanel, dem Dichter Paul Valéry oder dem Philosophen Hermann von Keyserling. 1929 war sie für kurze Zeit Drieus Geliebte. Trotz tiefer gedanklicher Differenzen blieb sie ihm bis zu seinem Tod verbunden: Als ihr Drieu 1937 während des Spanischen Bürgerkrieges vorwirft, eine "kommunistische Krise" zu haben und sich für die spanische Republik zu engagieren, antwortet sie: "Weder Faschist noch Kommunist zu sein heißt keineswegs, für nichts zu sein. Eine solche Haltung bedeutet weder fehlenden Mut noch mangelnden Enthusiasmus, sondern genau das Gegenteil: Wir müssen schnell etwas anderes finden, andernfalls stürzen wir alle."

Die Briefe lassen erkennen, wie sehr Victoria Ocampo von dem erschüttert ist, was Drieu über den Krieg oder über die Frauen denkt. Doch beeindruckt sie dabei auch seine Konsequenz: Der Schriftsteller verachtete zeitlebens Intellektuelle, die dazu aufriefen, Gewalt anzuwenden, aber sie nicht verantworten wollten. Diese Briefe sind also mehr als nur die Zeugnisse einer "gestorbenen Liebe", sie sind auch beredtes Dokument einer Geistesfreundschaft, die um die Gefährdungen der Epoche wusste und sich auch aus dem Respekt vor Entscheidungen nährte. Bezeichnenderweise riss der Dialog nicht ab, als Drieu in der Besatzungszeit seine antisemitischen Ausfälle verschärfte und Victoria Ocampo jüdischen Emigranten zur Flucht aus Europa verhalf.

"Ich ignoriere, was Du wirklich denkst", schreibt sie im Oktober 1942 an Drieu, "aber ich weiß, dass Du es bist. Allein das zählt." Zu diesem Zeitpunkt dauerte es noch ein Jahr, bis Drieu, der Antibourgeois, enttäuscht von Hitlers Politik und schon lebensmüde, den Sieg des Kommunismus wünschte.

MICHAEL BÖHM

Buchtitel: Textes politiques 1919-1945
Buchautor: Drieu la Rochelle, Pierre

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2009, Nr. 244 / Seite N4

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