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Philologie als Problem: Das Werk des exemplarischen Germanisten Emil Staiger

14. Oktober 2009 Das Wort "Philologie" ist anders gebildet als andere Disziplinenbegriffe wie "Biologie" oder "Archäologie". Geht es dort um die Sprache - oder auch: Logik, oder einfach nur: Lehre - des Lebens und der Anfänge, so hier in Vertauschung der Positionen von Subjekt und Objekt um die Liebe zur Sprache und nicht etwa um die Lehre von der Liebe. Bezeichnet "Logos" also meistens die wissenschaftliche Einstellung zu einem Gegenstand, so im Fall der Philologie den Gegenstand, wohingegen die Einstellung als Zuneigung oder Liebe bezeichnet wird.

In der Geschichte der Philologie ist diese Begriffsvorgabe immer wieder wirksam geworden - als Frage, wie wissenschaftlich die Beschäftigung mit Literatur werden kann, um "Liebe" zu den Gegenständen noch glaubhaft sein zu lassen. Oder umgekehrt: Wie verliebt kann jemand sich zeigen, ohne den Bezirk wissenschaftlicher Analyse dessen, was er liebt, zu verlassen? Fördert denn die Wissenschaft die Liebe und die Liebe die Erkenntnis?

Das Werk des Schweizer Germanisten Emil Staiger verkörpert diese Fragestellung geradezu. Der Satz aus seinem Werk, der seit jeher am meisten zitiert wird, ist seine Kurzformel für das, was die Aufgabe des Philologen ausmache, und fast eine Übersetzung des Wortes "Philologie": "Begreifen, was uns ergreift". Er fällt in einem Band, der bis in die sechziger Jahre hinein zur Grundausstattung von Germanisten gehörte und "Die Kunst der Interpretation" betitelt ist. Ist die Deutung von Literatur also doch besser als Kunst denn als Wissenschaft begriffen?

Soeben ist als Dokumentation eines Forschungskolloquiums, das im vergangenen Jahr zum hundertsten Geburtstag Emil Staigers in Zürich stattgefunden hat, ein Band erschienen, der reiches wissenschaftshistorisches Material liefert, um diesen Fragen nachzugehen ("Bewundert viel und viel gescholten". Der Germanist Emil Staiger, 1908 bis 1987, hrsg. von Joachim Rickes, Würzburg 2009). In seinen Beiträgen zeigt sich, worin das Besondere der Literaturwissenschaft Staigers bestand: der Versuch, diese Diszplin, fast in Anlehnung an das "Zu den Sachen selbst" Edmund Husserls, ganz auf die Gegenstände zu gründen, mit denen sie es zu tun hat, und ihre Aufgabe in der Gewinnung ästhetischer Urteile zu begreifen. Das Wort des Dichters sollte also nicht durch historische, biographische Informationen, Psychologie oder Soziologie erklärt, sondern "um seiner selbst willen" verstanden werden.

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Bewundert viel und viel gescholten - Der Germanist Emil Staiger, 1908 bis 1987
von Rickes, Joachim
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Damit hat Staiger gelehrt, worauf selbst die Analysen einer Germanistik, die ihn seit langem allenfalls noch wissenschaftshistorisch kennen will, zumeist beruhen. Auf dem Versuch nämlich, eine diffuse Präferenz für bestimmte Autoren, Werke, Epochen oder Regionen auf einen dann durch allerlei Theorie angereicherten Begriff zu bringen. Sucht doch die Forschung in der Philologie zumeist nicht Texte, um an ihnen allgemeine Forschungs- oder Theoriefragen zu klären, sondern bemüht sich vielmehr - oft wahllos - darum, Theorien heranzuziehen, um Texte zu kommentieren, die kommentiert werden, weil es sie gibt.

Das ist zugegebenermaßen eine recht ausgekühlte Version von Liebe zu den Gegenständen, die sich mit ihnen befasst, weil sie nun einmal da sind und für wertvoll gelten. Doch während die Biologen ihre Versuchstiere nach funktionellen Kriterien auswählen, folgen die Philologen zumeist nach wie vor Gesichtspunkten der Verehrung. Mal sind das, wie bei Staiger, solche der Klassizität, mal auch, wie bei seinen Antipoden, solche der "Gebrochenheit" oder "Marginalität" eines Autors. In beiden Fällen und für alle Stufen des Enthusiasmus über Dichtung, auch für seine schwächsten Ausprägungen, gilt jedenfalls Staigers stark ausgeprägter Enthusiasmus als Begründung für die Zuwendung zu Werken: "Ich liebe sie; sie sprechen mich an; und im Vertrauen auf diese Begegnung wage ich es, sie zu interpretieren." Je enger die Beziehung zum Gegenstand, formuliert Joachim Rickes in seiner Einleitung, desto besser. Für diese Norm existiert in den allermeisten anderen Disziplinen kein Äquivalent.

Dass die Anweisung, den Text um seiner selbst willen und aus der Ergriffenheit von Kunst heraus zu deuten, zu Einschränkungen führen kann, liegt auf der Hand. Michael Böhler (Zürich) weist in seinem sehr lesenswerten Beitrag über die berühmteste Interpretationskontroverse der jüngeren Germanistik, die Staiger mit seiner Deutung von Mörikes Gedicht "Auf eine Lampe" auslöste, auf eine solche Einschränkung hin. Indem Staiger in der Kunst nur die Kunst aufzufinden suchte, entging ihm über der Frage nach dem Thematischwerden von Schein und Schönheit und Spiel in den Versen das "Lustgemach", in dem die Lampe hängt, und auch die andere als ästhetische Seligkeit, als deren Zeuge sie von Mörike angesprochen worden sein mag. Ästhetische Autonomie ist, mit anderen Worten, kein ästhetisches Programm, dessen Exemplifikation den größten Werken gelingt und den zweitgrößten, wie Mörikes, immerhin noch die Erinnerung daran.

In seinem Vergleich der hermeneutischen Stile Staigers und Max Wehrlis, dessen Zürcher Kollege auf dem Lehrstuhl für Mediävistik, zitiert Peter Rusterholz (Bern) mit dem Satz des Letzteren "Begreifen, was mich nicht ergriffen hat" eine weitere Kostenart der Begeisterungsphilologie. Weshalb sollte sich die Forschung allein oder auch nur vor allem auf enthusiasmusfähige Objekte erstrecken? Staiger gab in polemischem Kontext hierauf einst eine Antwort, die ihn später seinen Ruf gekostet hat: "Was soll mir der Raritätenkasten von toxischen Exaltationen, Perversionen, Kriminalstatistik?" Das war auf jenen Teil der zeitgenössischen Literatur gemünzt, der ihn nicht begeisterte.

Aber löst man diesen Affekt von seinem Autor einmal ab, anstatt ewig nur an das Ressentiment des Klassizisten Staiger zu erinnern, das 1966 den "Zürcher Literaturstreit" auslöste, dann bleibt eine systematische Frage übrig, die auch die Gegner Staigers nicht beantwortet haben: Wo kommt Forschung hin, die - wie etwa die George- oder die Thomas-Mann-Forschung - überwiegend Fan-Artikel anbietet? Das Argument des Anglisten Franco Moretti, er suche sich die Literatur, mit der er sich befasse, danach aus, ob sie für seine Fragen an Literatur geeignet sei und ob man schon genügend über sie wisse, um an ihr Hypothesen zu überprüfen, umschreibt die Kosten, die es hat, dieses Problem dahingestellt sein zu lassen. Sie fallen in Form einer Philologie ohne eigene Hypothesen an. Eine solche Philologie muss dann entweder theoriefrei und begriffsarm bleiben oder an Applikationsrituale gebunden, in denen sie ständig unverstandene Klassiker anderer Disziplinen (Marx, Freud, Heidegger, Foucault, Lacan, Luhmann und so weiter) durch ihre Texte treibt.

Doch vielleicht liegt ja zumindest im Fall Emil Staigers ein Missverständnis vor, wenn man seine Arbeit allein unter dem Aspekt wissenschaftlicher Objektivitäts- und Begriffsmöglichkeiten der Germanistik beurteilt. Peter Rusterholz berichtet, Staiger habe davon erzählt, wie er einmal sein Vorlesungsmanuskript vergessen hatte. Und wie stolz Staiger war, dass ihm am Pult nicht nur die Rekonstruktion des Gedankenganges gelang, sondern auch die Simulation des Ablesens vom Manuskript. Darin steckte nicht nur Wille zum Pathos, sondern auch eine Pädagogik. Volker Ladenthin (Bonn), der in seinem Aufsatz den Möglichkeiten nachgeht, durch Literaturwissenschaft zu Bildung beizutragen, berührt diesen Punkt. An Literatur zu zeigen, was nur Literatur - und nicht Moral, Psychoanalyse, Soziologie oder Philosophie - kann, war ein Imperativ dieses Lehrers. Als seinen idealen Leser, so Karl Pestalozzi (Basel), habe er gesprächsweise den "gebildeten Arzt" bezeichnet. Staiger konnte sich ein Publikum für Germanistik vorstellen, das nicht aus Germanisten bestand. Vielleicht verläuft hier die Linie, an der sich die Philologie entscheiden muss, wenn sie nicht beides opfern will: die Liebe und die Wissenschaftlichkeit.

JÜRGEN KAUBE

Buchtitel: Bewundert viel und viel gescholten - Der Germanist Emil Staiger, 1908 bis 1987
Buchautor: Rickes, Joachim

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2009, Nr. 238 / Seite N3

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