China und Afrika: Wirtschaft mit Symbolik

Die Kunst einer Kooperation der Kontinente

11. November 2009 Seit geraumer Zeit wächst im Westen die Sorge, China könnte sich bald ganz des afrikanischen Kontinents bemächtigen und europäische wie amerikanische Interessen dort verdrängen. Die Liste der wissenschaftlichen Studien und Presseberichte zu diesem Thema wird nicht nur immer länger, auch die Diskussion über Chinas Verhältnis zu Afrika wird - bei westlichen wie chinesischen Autoren - immer polemischer. Die Sorge der Westler um "ihr" Afrika hält der englische Politologe Ian Taylor zwar für übertrieben, aber nicht für gänzlich unbegründet. Gestützt auf umfangreiche Recherchen und zahlreiche Interviews mit Diplomaten, Politikern und Medienvertretern auf dem Schwarzen Kontinent sowie in einigen chinesischen Provinzen, hat er jetzt eine nüchterne Analyse der vieldiskutierten neuen Rolle Chinas in Afrika vorgelegt ("China's New Role in Africa", Lynne Rinner Publishers, London 2009).

Die Volksrepublik China engagiert sich nicht erst seit jüngster Zeit in Afrika. Seit den fünfziger Jahren schon hatte sich der chinesische Staat als Schutzherr der vom westlichen Kolonialismus unterjochten und von den Sowjets instrumentalisierten Afrikaner inszeniert. Unterstützt wurden von Peking auf dem Schwarzen Kontinent ebenso nationale Befreiungsorganisationen wie Regierungen. Dieses Engagement erreichte Mitte der siebziger Jahre - China unterhielt damals mehr Hilfsprojekte in Afrika als die Vereinigten Staaten - seinen vorläufigen Höhepunkt, ging dann jedoch bald zurück, als die Volksrepublik gegen Ende des Jahrzehnts unter Deng Xiaoping verstärkt mit der Modernisierung der eigenen Wirtschaft befasst war. Den Anstoß für eine erneute Intensivierung der sino-afrikanischen Beziehungen lieferten, was häufig übersehen wird, die Afrikaner durch ihre unerwarteten Reaktionen auf das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989.

Anders nämlich als die westliche Welt, von der China durchweg kritisiert wurde, bekundeten damals viele afrikanische Staatschefs Sympathie für das Vorgehen der damals international isolierten chinesischen Führung, die sich denn auch bald dankbar zeigte: Die Afrikaner wurden wieder wie einst als "Allwetter-Freunde" bezeichnet und außenpolitisch favorisiert. Nicht nur deshalb, weil man in Peking der Meinung war, dass das endgültige Ende des Kalten Krieges einen Wendepunkt in der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas eingeleitet habe und man dort der chinesischen Öffnungspolitik nacheifern würde. Hier verbinden sich bis heute nach Taylors Ansicht auch Chinas außenwirtschaftliche mit seinen innenpolitischen Interessen. Denn dass Afrika das ökonomisch boomende Reich der Mitte mit Erdöl, Rohstoffen und Fisch versorgen kann und dass billige chinesische Massenprodukte bei der armen afrikanischen Bevölkerung gut ankommen und fast konkurrenzlos bleiben, trägt zum Erhalt des chinesischen Wirtschaftswachstums gerade in einer Zeit bei, in der andernorts Chinas Exportmärkte eher zu schrumpfen beginnen. Gäbe es diese afrikanische Stütze nicht, so die Einschätzung des Verfassers, würde die chinesische Führung ihre Wohlstandsversprechungen nicht mehr einlösen können. Sie verlöre dann schnell ihre Legitimation und die Unterstützung beim Volk.

Werte oder Hegemoniestreben?

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China's New Role in Africa
von Taylor, Ian
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Es sind jedoch nicht nur wirtschaftliche Interessen, die China und Afrika einander näherbringen. Beide verbindet auch eine kritische Haltung gegenüber dem Westen, die mit einer autoritären Politiktradition einhergeht - und beides wiederum vermögen die Chinesen für ihre Expansionsbestrebungen geschickt zu nutzen. So werden afrikanische Potentaten mit "symbolischer Diplomatie" hofiert. Als Taylor zufällig während eines Besuchs des tschadischen Präsidenten in der chinesischen Hauptstadt weilte, fiel ihm nicht nur die enorme mediale Aufmerksamkeit auf, die der afrikanische Gast genoss, sondern auch, dass die Nationalflagge des Tschad auf dem Platz des Himmlischen Friedens an exponierter Stelle wehte. Ein derartiger Empfang, so der Autor, würde afrikanischen Staatschefs im Westen wohl nie bereitet oder allenfalls in Ausnahmefällen; dort stießen sie viel eher auf eine kritische Öffentlichkeit, die sie mit dem Thema Menschenrechtsverletzungen konfrontieren würde. Und genau im Umgang mit - genauer gesagt, im Umgehen von - Menschenrechtsfragen trifft die chinesische Diplomatie bei den Afrikanern offenbar den richtigen Ton. Denn China, das sich in seiner Außenpolitik erklärtermaßen dem Grundsatz politischer Nichteinmischung verpflichtet hat, macht keinen Hehl daraus, dass es die Menschenrechtsbewegung als Teil westlicher Hegemoniebestrebungen betrachtet.

Auch die Koppelung von Kredithilfen an politische und wirtschaftliche Reformforderungen gehört aus Sicht der Chinesen zu den Strategien der vom Westen betriebenen Politik der hegemonialen Einflussnahme. Solche Auflagen werden von der chinesischen Führung, die für ihr Land eine Führungsrolle innerhalb der Entwicklungsländer beansprucht, als Versuch der Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afrikas verurteilt, dem sie mit eigenen Akzenten entgegenzuwirken bemüht ist.

Dazu gehört die Pflege eines offenen und kontinuierlichen Dialogs auf höchster Führungsebene, der 2000 mit der Gründung des seitdem periodisch tagenden sino-afrikanischen Kooperationsforums (FOCAC) eine Institutionalisierung erfuhr. Dass es hier um einen Austausch zwischen ebenbürtigen Partnern geht - formuliert in dem 2006 vom chinesischen Außenministerium veröffentlichten Weißbuch "Chinas Afrika-Politik" -, soll allein schon der Umstand demonstrieren, dass sich das FOCAC abwechselnd in China und in einem afrikanischen Land trifft; das jüngste Treffen fand soeben in Ägypten statt. Bei diesen Zusammenkünften betonten die Chinesen immer wieder, dass es ihnen darum gehe, Afrika ebenso wie ihr eigenes Land vor den "Risiken der Globalisierung" zu schützen und ihm somit zu einer besseren Verhandlungsposition innerhalb des globalen Nord-Süd-Dialogs zu verhelfen - wohlgemerkt mit dem Ziel der "Schaffung einer fairen und rationalen neuen politischen wie wirtschaftlichen Weltordnung". Die bei diesen Anlässen gemachten Absichtserklärungen über eine zunehmende Intensivierung der Beziehungen, der chinesischen Investitionen und des insgesamten ökonomischen Engagements Chinas auf dem afrikanischen Kontinent wurden tatsächlich auch größtenteils in die Praxis umgesetzt.

Hilfe bei der Machtinszenierung

Allerdings nicht selten auf bedenkliche Art und Weise, die Taylor aber keinesfalls in allen Punkten als typisch chinesisch verstanden wissen will. Wenn etwa aus chinesischen Quellen Bestechungsgelder an afrikanische Regierungen flössen, so folge China lediglich einer weitverbreiteten Praxis, der sich auch der Westen bediene - heuchlerisch aber den Chinesen deswegen immer wieder unmoralisches Verhalten vorwerfe. Den Nutzen des chinesischen Engagements für die afrikanische Wirtschaft und Politik beurteilt Taylor eher ambivalent. Beispielsweise beschränkt sich die Realisierung großer Bauprojekte meist auf die Errichtung von Bauten wie Präsidentenpaläste, Regierungsgebäude oder Stadien, die eher afrikanischen Potentaten zur eigenen Machtinszenierung und damit letztlich auch zur weiteren Konsolidierung ihrer autoritären Regime dienen als dem Gemeinwohl. Hinzu kommt, dass die Unternehmer aus China in der Regel kaum Arbeitsplätze an Ort und Stelle schaffen, sondern die Arbeitskräfte größtenteils von zu Hause mitbringen. Hingegen trägt der massive Einsatz chinesischer Firmen beim Ausbau des Eisenbahnschienennetzes entscheidend zur Modernisierung der afrikanischen Infrastruktur bei, auch wenn die derzeitige Überflutung der Märkte mit billigen chinesischen Konsumartikeln wirtschaftliche Eigeninitiativen der Afrikaner momentan noch bremst.

Taylor wendet sich gegen die Tendenz, China und Afrika als Monolithen zu betrachten. Nicht hinter jeder wirtschaftlichen Tätigkeit von Chinesen in Afrika stecke die chinesische Regierung. Seiner Meinung nach spricht vor allem auch die oft verkannte harte Konkurrenz zwischen den dort agierenden staatlichen, halbstaatlichen oder privaten Unternehmen eher gegen das im Westen häufig beschworene Bild von einer zentral gesteuerten Aktion Chinas. Die chinesische Führung unterliege vielmehr ebenso wie die mittlerweile vielfältigen in Afrika tätigen chinesischen Akteure einem ständigen Lernprozess, der sich etwa in der neuen Zurückhaltung chinesischer Rüstungsproduzenten beim Export in afrikanische Länder spiegele. Diese dürfe ebenso als Antwort auf die internationale Kritik gesehen werden wie die ständig wachsende Beteiligung an UN-Friedensmissionen in afrikanischen Krisengebieten: Mittlerweile sind dort drei Viertel aller chinesischen Blauhelme stationiert. Mehr Differenzierung und vor allem weniger Naivität ist Taylor zufolge auch bei der Betrachtung Afrikas gefragt. Dass dort autoritär-paternalistische Herrschaftsmechanismen, die keine Demokratisierung zulassen, weit verbreitet sind, ist ebenso Realität wie der Umstand, dass die dortigen Machthaber nicht selten an einer sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Länder nur dann interessiert sind, wenn diese dazu beiträgt, ihre Macht zu zementieren.

Wie differenziert Taylors Darstellung ist, wird schnell deutlich beim Vergleich mit den Ausführungen der namhaften chinesischen Afrika-Expertin Wenping He vom Institut für Afrika-Studien in Peking ("China's Perspective on Contemporary China-Africa Relations", in: China Returns to Africa, hrsg. von Chris Alden, London 2008). Ihr Diskurs über die sino-afrikanischen Beziehungen unterscheidet sich kaum von den diesbezüglichen programmatischen Stellungnahmen ihrer Regierung. Im Gegenteil: Manche Staatsdoktrin findet sich bei ihr noch krasser formuliert, etwa wenn sie China als das größte und mächtigste Entwicklungsland und Afrika als den Kontinent mit der größten Konzentration von Entwicklungsländern zu natürlichen Partnern stilisiert, verbunden durch die Mission, eine neue "multipolare Weltordnung" zu schaffen. Auch empfindet man bei ihrer Aussage Unbehagen, dass China und Afrika es gemeinsam vermocht hätten, "Multilateralismus und Demokratie in den internationalen Beziehungen zu fördern und UN-Reformen voranzutreiben, die der Welt Frieden und Harmonie bringen sollen".

JOSEPH CROITORU

Buchtitel: China's New Role in Africa
Buchautor: Taylor, Ian

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2009, Nr. 262 / Seite N3

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