Von A nach B

21. Oktober 2009 Die Zeiten sind vorbei, in denen sich Geisteswissenschaftler ein schlechtes Gewissen von der Wissenschaftstheorie machen ließen. Heute bestimmen pragmatische Einstellungen die Szene. Ob man so forschen darf, wie man forscht, wird nicht durch Rückfrage beim Methodenspezialisten ermittelt, sondern indem man es einfach macht und abwartet, ob man damit durchkommt. Die Geschichtsschreibung ist das beste Beispiel. Was wurde da vor dreißig, vierzig Jahren nicht alles an Methodenfragen diskutiert: Geschichte als Ereignis oder Struktur, Kausalität oder Mentalität, lange oder kurze Frist, anonyme oder adressierbare Mächte. Dem entsprachen Theoriedebatten über Marxismus oder Historische Anthropologie, analytische Philosophie, Strukturalismus oder Hermeneutik als Grundlage der Disziplin. Einleitungen über die "Logik historischer Erkenntnis" waren das Pflichtpensum so gut wie jeder längeren Einlassung.

Und heute? Wir schlagen das Alterswerk eines historischen Matadors auf, lesen 1300 Seiten einer halben Universalgeschichte, und es ist, als sei nie ein Wort dazu geschrieben worden, wie viel Probleme im Hererzählen von Fakten und Geschichten stecken (Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen der Antike bis zum 20. Jahrhundert, Verlag C. H. Beck, München 2009).

Das beginnt mit dem ersten Satz: "Am Anfang war ein Glaube", der das witzige Spiel der großen deutschen Gesamtdarstellungshistoriker fortsetzt, am Anfang ihrer Bücher jeweils etwas anderes am Anfang sein zu lassen. Doch es ist mehr als eine bloße Erzählkonvention, nicht nur das epochal aufgerüstete "Es war einmal" des Historikers. Denn wie viele seiner Kollegen, so stellt sich auch Heinrich August Winkler die Geschichte als bestimmt von einer Art Prozesskausalität vor: Aus X folgt unter Nebeneinfluss von Y zuletzt Z. Doch weil vermutlich kausale Formulierungen die Frage nach dem Mechanismus aufwerfen würden, dominiert die Rhetorik "Ohne X kein Z": Ohne Echnaton keine Französische Revolution, ohne Monotheismus kein Rechtsstaat, ohne die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt kein Pluralismus.

Zwar liegt auf der Hand, dass auch mit Echnaton und dem Christentum und der Zwei-Schwerter-Lehre noch lange keine Reformation, kein modernes Vertragsrecht und keine allgemeinen Wahlen oder gar Meinungsfreiheit erzwungen waren. Mittelalter und Frühneuzeit, also rein von der Dauer her die längste Zeit der beschriebenen Geschichte, stehen dafür, dass mit all jenen fabelhaften Errungenschaften in puncto Aufklärung und Menschenrechte und Industrie noch nicht gar so viel erreicht war. Offenbar stecken im Monotheismus auch noch andere Möglichkeiten als westliche. Aber das ficht eine Historie nicht an, deren Logik sich in Sätzen wie "Man kann nicht von A sprechen, ohne auch von B zu sprechen" manifestiert. Prägung, Geist, Keim, Vorläufertum, Einfluss, das sind die Begriffe für diese schwache Kausalitätsanmutung. Es war "der Geist des innerweltlichen Dualismus, der den Keim der Freiheit in sich trug"; "Ein ferner Vorläufer des Bonner Grundgesetzes von 1949 stammt aus der Zeit Kaiser Karls IV. (1346-1378): die Goldene Bulle"; "Kapitalismus und Demokratie sind in hohem Maß mit der Wirkung der Gedanken des Genfer Reformators", also Calvins, "verbunden".

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Geschichte des Westens - Von den Anfängen der Antike bis zum 20. Jahrhundert
von Winkler, Heinrich August
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Man kann durch Variation an solchen Sätzen ausprobieren, wie groß der Spielraum ist, den sie erlauben. Kapitalismus und Demokratie sind in hohem Maß mit Buchdruck, zentralisierter Geldschöpfung und moderner Lebensmittelchemie verbunden. Es war der Geist der religiösen Indifferenz und der Eisenbahn, der den Keim der Freiheit in sich trug. Ein ferner Vorläufer des Bonner Grundgesetzes stammt aus der Zeit Friedrich Eberts.

Aber wir wollen gar keine Gegenkausalitäten und Mitermöglichungsbedingungen aufstellen. Da auch nach 1300 Seiten unklar bleibt, was der Westen ist - eine Großregion, eine Selbstbeschreibung, ein Wert? -, halten wir nur fest, dass er offenbar nur ganz wenig bis rein gar nichts mit Kapitalmärkten, Tier- und Pflanzenzucht, Mathematik und Zündnadelgewehren zu tun hat; wobei "zu tun haben" eine Wendung wäre, die zur "Nicht ohne"-Logik passen würde. Oder genauer: dass all diese Dinge ihrerseits nicht wären ohne Echnaton und das Christentum und die Freiheit. Das ist die unerklärte Eigentümlichkeit einer Geschichtsschreibung, für die völlig gewiss ist, was die Haupt- und was die Nebenmächte auf dem von ihr beobachteten Wirkfeld sind. Hauptmächte: Ideen, Glaubensvorstellungen, Normen. Nebenmächte: Technik, Familie, Wissenschaft, Geldwirtschaft.

Doch nicht das ist am erstaunlichsten. Winklers Mitheroen auf dem Gebiet der Geschichtssynthese erprobten dieselbe unerklärte Gewissheit mit ganz anderen Festlegungen, etwa zugunsten von sozialen Schichten als Trägern des Geschichtsprozesses. Am erstaunlichsten ist, dass es für solche Festlegungen gar keine anderen Begründungen gibt als das jeweilige Dafürhalten des Erzählers. Darum, das hat der Historiker Jürgen Osterhammel in einer Besprechung im "Rheinischen Merkur" notiert, handelt das Buch wohl auch vom "Westen" und nicht von der "Moderne". Denn über Letztere gibt es Theorien und Kontroversen, an denen auffällig würde, dass ein Historiker sich für Begriffsbildung nicht interessiert. Ist das Grundwort hingegen eine Himmelsrichtung, zu der es keine Forschung gibt, dann hat der Historiker offenbar auch keine Pflicht mehr zur sozialwissenschaftlichen Argumentation.

JÜRGEN KAUBE

Buchtitel: Geschichte des Westens - Von den Anfängen der Antike bis zum 20. Jahrhundert
Buchautor: Winkler, Heinrich August

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2009, Nr. 244 / Seite N3

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