Die Marburger Epoche der Universitätsgeschichte

15. Oktober 2008 Es ist seit Jahren zu hören, aus den Universitäten sei der Geist entwichen. Zieht man einmal alle verlogene Nostalgie ab, die in solchen Zeitdiagnosen liegt, dann bleiben doch ein paar Beobachtungen übrig. Die Forschung kommt sich schon lange als Betrieb vor. Inwiefern sie dann aber noch ihre Einheit mit der Lehre versprechen kann, ist unerfindlich geworden. Außerdem findet sie oft nur an den Universitäten statt, aber nicht in ihnen. Die Forscher, die sich räumlich nahe sind, sind es kognitiv nur zufälligerweise, weil die eigentlichen Strukturen, an denen sie sich orientieren, ihre eignen Labors und überlokale Netzwerke sind, nicht Fakultäten oder mitanwesende Kollegen. Man muss das nicht beklagen, aber entsprechend viel wert sind die Appelle zu mehr Interdisziplinarität, entsprechend glaubhaft die ganzen Darstellungen universitäter Kollaboration in Sonderforschungsbereichen.

Und die Studenten? Sie empfinden, wenn der Eindruck nicht täuscht, die Universität mehr und mehr als gesellschaftlich verordneten Hindernisparcours, der sie vom eigentlichen Leben und Erwachsenwerden trennt. Es kommt nicht oder nur unvorhergesehenerweise zum Aufatmen nach der Schule, sich jetzt endlich ganz auf die eigenen Möglichkeiten konzentrieren zu können. Die Bologna-Reformen tragen stark zu diesem Eindruck bei. Denn die Formalisierung des Verhältnisses zum Erkenntnisgewinn - von Punktesystemen über Dauerpseudoprüfungen bis zu durchregulierten Studienplänen - bezahlt dafür, dass es den Studierunlustigen leichter gemacht wird, einen hohen Preis: den, eine instrumentelle Einstellung zum Studium zur normalen zu machen. An Universitätssystemen, die schon länger Erfahrungen mit derartigen Reformen gemacht haben, kann man einen Effekt beobachten: die Neigung der Begabten zur Wissenschaft selber nimmt ab.

Auch wenn man, wie die Phrase will, die Uhren nicht zurückdrehen kann: Es dürfte unter den genannten Umständen nicht falsch sein, einmal rückwärts zu schauen und zu fragen, wovon es denn einst abhing, wenn Universitäten blühten. Für eine solche Untersuchung der Bedingungen von gelingendem Studium kommt, wie gesagt, nicht jede Epoche schon dadurch in Betracht, dass sie zurückliegt. Aber es gibt ganz zweifelsfreie Fälle solcher Blüte, zum Beispiel die Marburger Universität der Zeit nach 1914 und ihre Geisteswissenschaften. Soeben sind in Publikation des Marbacher Literaturarchivs die Erträge einer Tagung dokumentiert worden, die sich vor zwei Jahren mit diesem Tatbestand befasst hatte (" Marburger Hermeneutik zwischen Tradition und Krise", hrsg. von Matthias Bormuth und Ulrich von Bülow, Göttingen 2008). Marburg vor 1933 war nämlich die Entstehungsstätte der hermeneutischen Philosophie, die von Martin Heidegger dort 1923 angestoßen und und seinen Schülern - Hans-Georg Gadamer, Karl Löwith, Gerhard Krüger, Hannah Arendt, Hans Jonas und Leo Strauss - in die denkbar verschiedensten Richtungen entwickelt wurde. Das Marburg jener knappen zwanzig Jahre war der Ort, an dem die großen deutsche Romanisten, von Ernst Robert Curtius über Leo Spitzer und Erich Auerbach bis zu Werner Krauss lehrten. Max Kommerell, einer der eigentümlichsten Germanisten seiner Zeit, George-Schüler und -Renegat, Schriftsteller und Autor hinreißender Werke zu Jean Paul, Calderon und Lessing, hatte dort studiert und später einen Lehrstuhl. Und so könnte man weiter einen Namen nach dem anderen nennen, von Geisteswissenschaftlern, die ihr Fach prägten, dem Altphilologen Paul Friedländer, dem Kunsthistoriker Richard Hamann, und allen voran dem protestantischen Theologen Rudolf Bultmann.

Aber nicht die Länge der Liste beeindruckt am Marburg jener Epoche, sondern die Tatsache, dass diese Gelehrten fast alle einander für die Zeit ihres Dortseins verbunden waren. Mit anderen Worten: Die philosophische Fakultät dieser Zeit bot den Raum für ein ganz unvergleichliches Überbietungsverhalten im Rahmen von intellektuellen Freundschaften oder doch zumindest Nachbarschaften. Die Studenten verglichen sich und verglichen ihre Lehrer, den humorlos und fast feindselig lehrenden Heidegger bei seiner Vorlesung morgens um sieben etwa mit dem lächelnden Nicolai Hartmann abends. Sie lasen auch jenseits des Pensums, das als vorgeschriebenes so groß nicht war, dieselben Texte und man möchte sagen: buchstäblich um zu unterschiedlichen Schlüssen zu kommen. Auf jeden Philosophen kam eine Fassung Platons, eine Haltung zur Geschichtsphilosophie, eine These zur Bedeutung von Antike und Monotheismus für die Gegenwart.

Buchshop
Marburger Hermeneutik zwischen Tradition und Krise
von Bormuth, Matthias
Kaufen bei
amazon.deLibri.de

Liest man die Beiträge des Bandes, die selber ganz der Textexegese gewidmet sind und vom wissenschafts- wie bildungsgeschichtlichen Phänomen ganz absehen, so wird deutlich, dass es nicht allein die damalige Universität mit ihrer Prämie auf Gelehrsamkeit war, die eine solche Verdichtung an Exzeptionellem hervorbrachte. Zum einen wurden die Marburger Wunderjahre durch eine ganz unvergleichliche Stellung der Philosophie für alle Geisteswissenschaften begünstigt. Und durch einen Lektürekanon, der weit über Platon, Aristoteles, Luther und Kant hinausging. Wie viele Germanisten, Altphilologen, Theologen und Kunsthistoriker möchte man hingegen heute auf gemeinsame Textkenntnisse ansprechen wollen - und auf ein gemeinsames Gefühl vom Verpflichtungsgehalt ihrer Grundtexte als den Trägern von Grundproblemen?

Damals schlug überdies die Stunde der philosophischen Forschung. Die Philosophie ihrerseits konnte sich der Tatsache nicht entziehen, dass es Einzelwissenschaften gab, etwa die philologischen oder historischen Disziplinen, die nicht einfach nur von außen zu belehren waren. Und schließlich gab es, durch keine Universität herbeizuführen, die Ungewißheit, was jene Tradition, an der man hing, denn unter den Umständen von Weltkrieg, Säkularisierung, Diktaturen und technologischem Wandel denn noch zu gelten vermochte. Dieses Krisenbewußtsein, das sich nicht in Zeitdiagnostik verausgabte, sondern zur Befassung mit den wissenschaftlichen Gegenständen führte, nährte jenes Überbietungsverhalten und disziplinierte es zugleich.

Im aufschlussreichsten Text des Bandes, einem Gespräch, das die Herausgeber mit Dieter Henrich, eine Generation später selbst in Marburg aufgewachsen und Schüler Gadamers, geführt haben, notiert dieser, den Marburger Geisteswissenschaftlern jener Jahre sei das Gefühl gemeinsam gwesen, eine Epoche hinter sich zu haben. Dabei habe aber, außer Heidegger, keiner geglaubt, dass nun "etwas ganz Großes zu bewirken sei". In Bezug auf heutige Umstände könnte man vielleicht sagen: Keiner hatte die Etablierung eines Paradigmas vor Augen, keiner arbeitete an einer Mode. Und die Universität setzte auch keine Anreize, das zu tun.

Was sie hingegen ermöglichte, berührt Henrich mit einer Bemerkung zur gegenwärtigen Lage: Dass man begabten Studenten heute die Möglichkeit nehme, ihren eigenen Lehrer zu finden, "den also zu finden, bei dem sie lernen wollen und zur Eigenständigkeit finden können". Dem stehe gegenwärtig der durchkalkulierte Studienplan ebenso entgegen wie ein Studium nach Themen, die durchgenommen werden, weil sie nach Ansicht von Themenkommissionen in einem bestimmten Semester dran sind. Ein wichtiger Unterschied zwischen der Universität in ihren guten Jahren und der gegenwärtigen ist insofern ganz trivial: Man behandelt heute auch diejenigen ihrer Studenten als Kinder, die es nicht sind, und verwehrt ihnen den Eigensinn. Wenn das so bleibt, wird man, im Blick auf Marburg beispielsweise, sagen müssen, dass dann auch die Geisteswissenschaft bald noch eine ganz andere Epoche hinter sich haben wird.

JÜRGEN KAUBE

Buchtitel: Marburger Hermeneutik zwischen Tradition und Krise
Buchautor: Bormuth, Matthias

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008, Nr. 241 / Seite N3

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben