04. Juni 2008 "Um halb sechs Uhr am Morgen liefen wir in den Hafen von Recife ein, während die Möwen kreischten und eine kleine Flotte von Händlern mit exotischen Früchten sich an das Schiff drängte." So beginnen Reiseberichte. Doch mit deren anekdotischer Exotik wollte ein Autor nichts zu tun haben, der die Szene der morgendlichen Hafeneinfahrt nur hinsetzte, um daran die rhetorische Frage zu knüpfen: "Verdient denn eine so ärmliche Erinnerung, dass ich zur Feder greife und sie niederschreibe?" Begonnen hat Claude Lévi-Strauss seine "Traurigen Tropen" dagegen mit einem anderen, seither berühmten Satz: "Ich hasse die Reisen und die Exploratoren."
Ironisch war das kaum, selbst wenn die darauf folgenden Seiten sich Forschungsreisen verdankten, die der von der Philosophie zur Ethnologie geflüchtete Lévi-Strauss zwischen 1935 und 1942 in Brasilien und 1950 in Pakistan und Indien unternommen hatte. Aber ein Reisebericht gewohnter Art wurden die "Traurigen Tropen" nicht, sondern ein Buch, das von den Monaten im brasilianischen Urwald zu autobiographischen Erinnerungen übergeht, von soziologischen Analysen zu Prognosen über die Zukunft der Religion, von aktuellen Fragen zu tief ansetzenden Erwägungen über menschliche Gesellschaften und die Rolle des zwischen ihnen sich bewegenden Ethnographen.
Aller Exotik wird dabei der Prozess gemacht. Was den Ethnologen antreibt, die Begegnung mit dem fremden Anderen, gerät zur Figur unauflösbarer Widersprüche. Er kommt zu spät, weil er nur den Untergang der von ihm gesuchten Gesellschaften feststellen kann, über die die moderne Menschheit hinweggeht. Und er muss immer zu spät kommen, weil die Zeugnisse dieser Kulturen nur im Moment des Untergangs jene Strahlkraft entfalten, durch die sie ihm allererst bemerkbar und verheißungsvoll werden. Und glaubt er, den noch ungetrübten Quellen des Sozialen einmal nahe gekommen zu sein, muss er sich das Scheitern seines Ausbruchsversuchs erst recht eingestehen. Am "Ende der Welt" ist kein Geheimnis zu lüften über den Sinn der Entwicklung von Gesellschaften. So wenig wie die strukturalistische Aufschlüsselung ihrer Institutionen, Praktiken und Erzählungen, deren Grundzüge Lévi-Strauss damals bereits entworfen hatte, diesen Sinn verraten.
Von ihrer Wirkung haben die Beschreibungen und Reflexionen der "Traurigen Tropen" in den mehr als fünfzig Jahren seit ihrem ersten Erscheinen kaum verloren. Der hohe literarische Rang, der ihnen gleich zuerkannt worden war, wurde in dieser Zeit nur deutlicher. Deshalb verwundert nicht, sie nun als ersten Text in einem Band zu finden, mit dem Lévi-Strauss ins Pantheon der Bibliothèque de la Pléiade einzieht (Claude Lévi-Strauss, "OEuvres", herausgegeben von Vincent Debaene, Fréderick Keck, Marie Mauzé und Martin Rueff, Éditions Gallimard, Paris 2008).
Die Auswahl für diesen Band wurde von dem auf seinen hundertsten Geburtstag im November zugehenden Autor selbst getroffen. Die strukturalistischen Summen sind vermieden, auf die "Tropen" folgen "Das Ende des Totemismus" und "Das wilde Denken", dann jene spielerisch verfahrenden mythologischen Studien, von denen Lévi-Strauss einmal meinte, sie hielten die Mitte zwischen Märchen und Kriminalroman: "Der Weg der Masken", "Die eifersüchtige Töpferin" und "Die Luchsgeschichte". Den Schluss bilden die Essays der Sammlung "Sehen, Hören, Lesen", die Korrespondenzen zwischen künstlerischen, musikalischen und literarischen Verfahren nachspüren.
Der Autor machte den Herausgebern für deren vorzügliche und reiche Kommentierung nicht nur sein Archiv zugänglich, sondern gab auch einige Texte daraus frei. So kann man nun Szenen der "Apotheose des Augustus" nachlesen, jenes Dramas auf klassischen Spuren, das Lévi-Strauss 1938 im Urwald in Angriff nahm, um sich über seinen eigenen Weg klar zu werden. Die Selbstverständigung in Dramenform zeigt die literarische Statur des Autors, der sich auch mit der Idee trug, seine Reiseaufzeichnungen für einen Roman zu verwenden. Von diesem Romanversuch ebenso wie von den Reisenotizbüchern gibt der Pléiade-Band Proben. Das literarische Projekt stand unter hohen Anforderungen. Man kommt kaum umhin, die eingangs zitierte Genreszene des um "halb sechs am Morgen" an exotischem Gestade anlandenden Schiffs mit dem berüchtigten Diktum in Verbindung zu bringen, für das André Breton sich auf Paul Valéry berief: In keinem Roman dürften Sätze stehen wie "Die Marquise ging um fünf Uhr aus.".
Nicht nur der Exotismus fiel unter dieses Verdikt, sondern das Anekdotische überhaupt, das bloß Zufällige der Begebenheiten. Ihm in literarischer Form, ob nun mit Conrad oder eher mit Proust, zu entkommen, darauf leistete Lévi-Strauss letztlich Verzicht; nicht ohne Bedauern, wie er einmal gestand. Er fand seine eigenen Formen. Der Band der Pléiade stellt es noch einmal deutlich vor Augen.
HELMUT MAYER
Buchtitel: Claude Lévi-Strauss - OEuvres
Buchautor: Lévi-Strauss, Claude
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2008, Nr. 128 / Seite N3
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