Von Fritz B. Simon
07. August 2009 Im New Yorker“ war vor einiger Zeit eine Karikatur zu sehen, die ein Ruderboot zeigt, dessen Bug in einem 45-Grad-Winkel aus dem Wasser ragt, während das Heck im Wasser versinkt. Den beiden Personen im Heck steht das Wasser bis zum Hals, die beiden im Bug schweben trocken in luftigen Höhen. Nur gut, dass das Loch auf der anderen Seite ist“, sagt die Sprechblase der im Trockenen Sitzenden. Ein schönes Bild, um die Logik systemischer Prozesse zu illustrieren, die auch für unser Wirtschaftssystem und jedes Gesellschaftssystem bestimmend ist.
Der Begriff systemisch“ erfreut sich in letzter Zeit ja einer erstaunlichen Beliebtheit, vor allem, wenn es um die aufgrund ihrer systemischen Bedeutung“ zu rettenden Banken geht. Aber was sieht man eigentlich, wenn man aus einer systemtheoretischen Perspektive auf unsere Wirtschaft blickt? Die Zukunft ist zwar generell nicht vorhersehbar, aber dennoch ist ziemlich sicher, dass die Probleme, für die unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem eine Lösung bietet, auch in Zukunft gelöst werden müssen: die Produktion und Verteilung von Gütern, insbesondere von Gütern, die für das individuelle wie kollektive Überleben des Menschen notwendig sind. Der Kapitalismus ist, so betrachtet, nicht Problem, sondern Lösung – wenn auch eine Lösung, die neue Probleme schafft.
Im Schutz der großen Einheit
Dass ein marktwirtschaftliches System nicht die einzige Lösung ist, zeigt die Geschichte. In traditionellen Stammessystemen bot die Verpflichtung zur gegenseitigen Unterstützung Sicherheit für den Einzelnen, und in Feudalsystemen war es die Unterwerfung unter einen Herrn, der als Gegenleistung für die erbrachte Fronarbeit verpflichtet war, sich im Notfall um die Versorgung seiner Untertanen zu kümmern. In all diesen Systemen waren Überleben und Lebensqualität des Einzelnen an die Zugehörigkeit zu einem übergeordneten sozialen System gebunden: den Stamm, das Fürstentum, den Staat.
Dass das Überleben des Einzelnen und sein Wohlstand auch heute noch an das Funktionieren größerer sozialer Einheiten – Volkswirtschaften, die EU, Unternehmen, Familie, das Weltfinanzsystem – gebunden sind, schien bis zum Beginn der gegenwärtigen Krise aus dem Blickfeld geraten. Das hat damit zu tun, dass unsere zeitgenössischen Marktgesellschaften dem Individuum Freiheits- und Möglichkeitsräume eröffnen, wie es sie menschheitsgeschichtlich zuvor nie gab. Bewertet man die traditionellen Gesellschaftsformen positiv, so gewährten sie ihren Mitgliedern Zukunftssicherheit und Berechenbarkeit durch eine stabile soziale Struktur. Bewertet man sie negativ, so pressten sie das Individuum in eine Zwangsjacke, die jede Handlungsfreiheit nahm. Solche Systeme waren konservativ, jede Innovation erforderte Revolution.
Universaler Tausch
Wo Märkte statt verwandtschaftlicher Hilfsverpflichtungen oder feudalistischer Herrschaft die Produktion und Verteilung lebenswichtiger Güter steuern, ändert sich dies radikal. Geld stinkt nicht“, es kann unabhängig davon, wie es erworben wurde – ob durch anrüchige Geschäfte, ehrliche Arbeit, einen Banküberfall oder Derivatenhandel –, verwendet werden. Seine Vergangenheit spielt für seine Zukunft keine Rolle. Die Abstraktion vom Kontext, die mit der Nutzung von Geld als Kommunikationsmittel zwangsläufig verbunden ist, sorgt für seine universelle Verwendbarkeit. Nach erhaltenen Zahlungen können Zahlungen geleistet werden, unabhängig davon, wofür und von wem die Zahlungen geleistet wurden, und es bleibt offen, wofür und an wen sie geleistet werden.
Daraus ergibt sich eine nahezu unbegrenzte Variationsbreite der Kombinationsmöglichkeiten. Potentiell kann jeder mit jedem ins Geschäft kommen, und alles kann zur handelbaren Ware werden. Und es gibt nicht einmal objektivierbare Qualitätskriterien für kauf- oder verkaufbare Produkte und Dienstleistungen: Wenn sich ein Käufer findet, kann alles gehandelt werden. Das Angebot schafft sich die Nachfrage, und die Nachfrage das Angebot – oder eben auch nicht. Und da man sogar Zahlungen für etwas erhalten kann, was man erst in Zukunft zu verkaufen hofft, kann sogar die Richtung der Zeit umgekehrt werden.
Der Markt kennt keine böse Absicht
Die pseudodarwinistische Vorstellung, marktwirtschaftliche Prozesse würden einer Rationalität folgen, die quasi naturgesetzlich zum Fortschritt führt, verkennt die Logik evolutionärer Selektions- und Veränderungsprozesse. Die unsichtbare Hand“ des Marktes, synonym für die Wirtschaft als selbstorganisiertes System, sorgt zwar meist dafür, dass irgendeine Ordnung sich durchsetzt, nicht aber unbedingt die bessere“ oder fittere“. Denn die Bewertung solch eines Selektionsergebnisses ist nicht nur vom Beobachter und seinen Kriterien abhängig, sondern kann immer erst retrospektiv erfolgen. Wer oder was überlebt, hat bis zum Zeitpunkt der Beobachtung hinreichende Fitness bewiesen, mehr nicht.
Um die Konsequenz dessen noch einmal deutlich und unmissverständlich zu formulieren: Märkte sind dumm, ungerecht und moralfrei, denn sie verfolgen keine eigenen Ziele. Und das ist auch gut so. Denn nur aufgrund ihrer Blindheit gegenüber nichtwirtschaftlichen Bewertungen lassen sich wirtschaftliche Mechanismen für ganz widersprüchliche Werte und Zwecke nutzbar machen. Man kann Unternehmen gründen, um Profite zu erwirtschaften, Geld spenden, um die Welt zu verbessern, oder arbeiten, um seine Familie zu ernähren. Der Wirtschaft ist egal, wofür ihre Zahlungen erfolgen, solange überhaupt gezahlt wird. Deshalb ist es auch müßig, Managern Gier vorzuwerfen oder von den Akteuren des Wirtschaftssystems eine besondere Ethik zu verlangen. Wirtschaft funktioniert vollkommen unabhängig von den guten oder bösen Absichten und Motiven ihrer Teilnehmer. Deshalb sollte man gesellschaftliche Sinnfragen genauso wenig von Ökonomen beantworten lassen, wie man sich von seinem Arzt den Sinn des Lebens verordnen lassen sollte.
Ausgleichende Kräfte
So wie eine Sprache sich Sprecher schafft, die ihre Grammatik befolgen, kreiert Geld als Medium der Kommunikation den nüchtern kalkulierenden homo oeconomicus“ (und nicht umgekehrt, wie die klassischen Wirtschaftswissenschaften suggerieren). Diese Wirkung der Verhaltenssteuerung durch Geld ist gut an börsennotierten Unternehmen zu studieren, wo die kurzfristigen Partikularinteressen von Managern (Boni) zur Bedrohung der langfristigen Überlebensfähigkeit ihrer Firmen führen können. Eine dem entgegenwirkende und korrigierende Funktion entfalten all die eigensinnigen Typen sozialer Systeme, deren Entscheidungen nicht durch Geld gesteuert werden, wie etwa das Rechtssystem, die Wissenschaft, die Kunst oder idealtypisch die Familie. Solange Gerichtsurteile nicht an den Meistbietenden versteigert werden, wissenschaftliche Wahrheiten unabhängig von den für ihre Erkenntnis aufgewandten Kosten Geltung erlangen können und stillende Mütter ihren Babys keine Rechnung für die Milch schicken, ist die Wirkung von Geld als Kommunikationsmedium nicht totalitär.
Die Ursachen der gegenwärtigen Krise sind relativ einfach zu identifizieren: Eine funktional differenzierte Gesellschaft gewinnt ihre Rationalität daraus, dass unterschiedliche Funktionssysteme wie Wirtschaft, Recht, Politik sich gegenseitig in ihrer Macht begrenzen und in Schach halten. Durch die von Margaret Thatcher und Ronald Reagan eingeleitete Selbstkastration der Politik ist diese Heterarchie der Funktionssysteme und ihrer Entscheidungskriterien zugunsten der hierarchischen Überordnung der Wirtschaft verändert worden.
Sinnstiftende Gegenwelten
Doch es besteht Anlass zu Optimismus, denn dieser Prozess, bedauerlicher Irrtum der Geschichte, ist umkehrbar, und wir werden bereits Zeuge dieser Gegenbewegung. Schon vor der aktuellen Krise hat das Unbehagen über die zunehmende Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche in breiten Bevölkerungskreisen zur Suche nach sinnstiftenden Gegenwelten geführt: zum Rückzug ins Private, zur Wiederentdeckung der Familie, zum Esoterik-Boom, zu Hunderttausenden Jugendlichen bei Kirchentagen und Papstbesuchen, zur neuen Popularität von Schrebergärten. Und die Frage Wie wollen wir leben?“ wird nicht nur privat, sondern auch öffentlich diskutiert.
Die Politik, die in den letzten Jahren versäumt hatte, der desintegrierenden Wirkung der wirtschaftlichen Logik Grenzen zu setzen, schickt sich erneut an, die Steuerung des Bootes, in dem wir alle sitzen, zu übernehmen. Das zeigt sich nicht nur in den Bemühungen der G-20-Regierungschefs, das Weltfinanzsystem zu retten, sondern auch regional und lokal: Gemeinden und Städte haben das Vertrauen verloren, dass der Markt die beste Lösung für die Schaffung und den Erhalt ihrer lebensnotwendigen Infrastrukturen findet, und kaufen ihre Elektrizitätswerke zurück, der Börsengang der Bahn ist abgesagt, und das Modell VW zeigt, dass der Staat durchaus in der Lage ist, als Anteilseigner ein erfolgreiches, die heimischen Interessen im Blick behaltendes Government von Unternehmen zu realisieren.
Um zu der Metapher, mit der wir unsere Überlegungen begonnen haben, zurückzukommen: Die Wirtschaft ist das Boot, in dem wir alle sitzen. Deswegen müssen wir auch die Löcher stopfen, die seinen Untergang zur Folge hätten. Aber die Sinnfrage: Wohin wollen wir mit diesem Kahn fahren? – oder realistischer: Wo wollen wir auf keinen Fall landen? – muss öffentlich diskutiert und politisch entschieden werden. Dabei sollten wir uns darüber klar sein, dass Boote, die nicht gesteuert werden, an Ufer getrieben werden können, die man lieber nie entdeckt hätte.
Fritz B. Simon lehrt Führung und Organisation an der Universität Witten/Herdecke.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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