24. März 2007 Am 25. März 2007 feiern Europäerinnen und Europäer den 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge - mit einem Europafest in Berlin und vielen Veranstaltungen in ganz Europa. Diese Verträge haben den Grundstein für die heutige Europäische Union gelegt, von der wir tagtäglich profitieren.
Gerade wir Deutschen verdanken der europäischen Einigung viel. Nicht nur, weil dadurch ehemalige Feinde zu Freunden geworden sind. Der Zustand des friedlichen Zusammenlebens ist für uns alle selbstverständlich geworden. Ebenso normal ist es für uns, dass wir in nunmehr 13 Ländern mit dem Euro bezahlen und dass wir frei durch Europa reisen können.
Wir brauchen die Europäische Union
Uns sind aus der europäischen Einigung handfeste Vorteile erwachsen, die wir uns zu selten bewusstmachen: Knapp zwei Drittel der deutschen Exporte gehen in EU-Partnerstaaten - damit werden Millionen von Arbeitsplätzen in Deutschland gesichert. Dank des EU-Programms Erasmus, das vor 20 Jahren aufgelegt wurde, ist es für Studierende ganz einfach geworden, ein Auslandssemester an einer europäischen Universität zu verbringen.
Die Europäische Union hat auch dafür gesorgt, dass wir günstig telefonieren und in ganz Europa einwandfreie Lebensmittel kaufen können. Sie sichert auch den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz und garantiert Mindeststandards an Arbeitspausen, Freizeit und Urlaub. Es ist eine vorbildliche Leistung der Europäischen Union, dass sie sowohl die Vielfalt der Regionen, Sprachen und Kulturen als auch das Zusammenwirken und die Integration der Mitgliedsländer fördert.
Dies alles macht deutlich: Wir brauchen Europa. Wir brauchen die Europäische Union insbesondere auch, um die großen Herausforderungen bestehen zu können. Ob es um den Klimawandel, den Schutz vor Terrorismus und organisierter Kriminalität oder darum geht, die Globalisierung so zu gestalten, dass unser europäisches Lebens- und Gesellschaftsmodell erfolgreich bleibt - stets merken wir, dass wir als einzelnes Land nicht genug erreichen können. Wir brauchen den europäischen Verbund, um das Leben in Freiheit, Frieden, Solidarität und Wohlstand zu sichern.
Teilhabe am Erfolg für alle
Die Europäische Union ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Zum 50. Geburtstag der Römischen Verträge wünsche ich mir, dass wir die Chancen des europäischen Einigungswerkes erkennen und nutzen. Europa braucht unsere Unterstützung, und wir brauchen die der europäischen Gemeinschaft, um die Aufgaben, die das 21. Jahrhundert an uns stellt, erfüllen zu können.
Die heutige Selbstverständlichkeit der europäischen Zusammenarbeit darf uns nicht bequem machen. Sich gegenseitig vertrauen, gemeinsam nach ehrgeizigen Zielen streben und an den Erfolgen alle teilhaben lassen ist in der Geschichte unseres Kontinents eine ziemlich junge Errungenschaft - auch wenn ein Großteil der Westdeutschen und ein zunehmender Teil der Ostdeutschen es gar nicht mehr anders erlebt haben.
Der Wandel Europas ist kein Automatismus
Die Errungenschaften zu bewahren und die kommenden Schwierigkeiten zu meistern erfordert langfristiges Denken und vorausschauendes Handeln. Das haben die Gründerväter und ihre Nachfolger gezeigt, das kann sich jedoch nicht auf die heute Verantwortlichen beschränken; das geht auch die an, die morgen oder erst übermorgen anpacken und entscheiden müssen.
Der europapolitische Nachwuchs ist schon früh gefragt, lange bevor es um die Vergabe von Ämtern geht. Die Begeisterung, die den Aufbruch von 1957 und auch die Wende von 1989 begleitet hat, lässt sich nicht vererben, der Einsatz für Europa muss aus jeder Generation neu erwachsen. Er beginnt in den Schulen und an den Universitäten, wo der europäische Habitus die große Gemeinsamkeit ist - ungeachtet der Herkunft, der Muttersprache oder der Religion. Die Beteiligung an den Wahlen zum Europäischen Parlament ist das Bekenntnis jedes jungen Erwachsenen, an der europäischen Idee festhalten und sie weiterführen zu wollen.
In den bisher fünf Jahrzehnten haben sich die europäischen Institutionen gefestigt, vor allem jedoch gewandelt. Beides soll und wird weitergehen, doch nicht als Automatismus, sondern nur mit unserem Zutun und dem der kommenden Generationen.
Die Verfasserin ist Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: REUTERS