Slowenien

Am Anfang ist der Schutt

Von Karl-Peter Schwarz, Laibach

Knochen in Massengräbern interessieren nicht mehr: Rathaus in Laibach

Knochen in Massengräbern interessieren nicht mehr: Rathaus in Laibach

26. Dezember 2007 Bei geopolitischen Neuordnungen fällt Schutt an. An den Übergängen zu Italien, Österreich und Ungarn reißen slowenische Bautrupps mit Kränen und Planierraupen Grenzposten ein. Im Süden hingegen, an der Grenze zu Kroatien, werden die Übergänge erweitert und verstärkt - beseitigt wurden dort nur die Brücken, die bisher dem kleinen Grenzverkehr dienten. Am 21. Dezember ist Slowenien dem Schengen-Raum beigetreten. Zwischen Alpen und Adria, in jener Region Europas, wo der germanische, der romanische und der slawische Kulturkreis aufeinandertreffen, werden Grenzen unsichtbar, die im 20. Jahrhundert mehrmals mit Gewalt verändert wurden und vor zwanzig Jahren noch zu den am schärfsten überwachten Europas zählten.

Dafür trennt ein neuer Limes, der als Antwort auf den aggressiven serbischen Nationalismus der Milosevic-Ära entstanden ist, jetzt im Süden Sloweniens die Europäische Union von ihrem Innenhof, in dem Kroaten, Serben, Bosniaken, Mazedonier und Albaner auf den EU-Beitritt warten. Schengen macht sichtbar, wie radikal sich Slowenien von der südslawischen Schicksalsgemeinschaft auf dem Balkan abgekoppelt hat. Vielleicht hat keine Nation in Europa von den geopolitischen Veränderungen der letzten beiden Jahrzehnte mehr profitiert als die slowenische, die erst seit 1991 einen eigenen Staat hat. Die Aufhebung der Grenzkontrollen bringt den zwei Millionen Slowenen nicht nur die Vorteile, die das postnationale Europa allen seinen Bürgern bietet.

„Die Fleischtöpfe Ägyptens“

Zum ersten Mal seit dem Zerfall der Habsburgermonarchie ist ihr Siedlungsraum, zu dem auch die benachbarten Gebiete in Italien, Österreich und Ungarn zählen, wieder vereint. Die EU, sagt der slowenische Außenminister Dimitrij Rupel, sei dazu da, den Nationalismus der dominierenden Nationen unter Kontrolle zu halten. In diesem Sinne sind die Slowenen überzeugte Europäer. Als Kirsche auf der Torte übernimmt die konservative Regierung Jansa zum Jahreswechsel die EU-Präsidentschaft. Bei all dem Stress, der damit verbunden ist - so stolz und vergnügt wie in diesen Tagen hat man die Politiker, Diplomaten und Beamten in Laibach (Ljubljana) noch selten gesehen. Zum ersten Mal steht ein postkommunistisches Land an der Spitze der EU. Postkommunismus, ätzt der Aphoristiker Zarko Petan, ist die Fortsetzung des Kommunismus mit anderen Mitteln. Petan ist Slowene, einem Schriftsteller aus einem anderen postkommunistischen Land in Mitteleuropa wäre das vermutlich nicht aufgefallen. Revolutionen gab es anderswo, mehr oder weniger.

In Slowenien aber erfolgte der Übergang von der Zwangs- zur Korporativwirtschaft und vom Einparteien- zum Mehrparteiensystem bruchlos und graduell. Personell wie mental dominiert die Kontinuität. Bis heute hat sich das slowenische Parlament noch nicht dazu durchringen können, den Kommunismus zu verurteilen. „Die Fleischtöpfe Ägyptens“ nannte der slowenische Schriftsteller Drago Jancar einen seiner Essays, in dem er dagegen ankämpfte, dass „Slowenien unter die Hegemonie neuer Machthaber abrutscht, die mit einer entsprechenden Kombination aus alten brutalen Methoden und neuen aufklärerischen Zugriffen die äußeren Formen unseres Lebens“ auf Dauer bestimmen würden. Fleischtöpfe, das ist sehr slowenisch, denn man isst hier in der Tat besser als in den Nachbarländern, von Italien einmal abgesehen, und man ist der Mehrung des persönlichen Wohlstands sehr zugetan.

Noch immer das „Zerrissene Volk“

„Wir leben in einer Zeit des wilden Kapitalismus“, sagte Jancar im Gespräch mit der F.A.Z., „die Jungen wollen Jobs, Wohnungen, Prestige und Erfolg, und die wollen sich dabei nicht stören lassen. Niemand leugnet mehr, was in diesem Land einmal geschehen ist, aber man überlässt das den Historikern. Es ist einfach, zu sagen, dass wir einmal Faschisten und Antifaschisten hatten und dass das jetzt vorbei ist. Aber die Geschichte war leider viel komplizierter, schon vor 1945 und erst recht danach.“ Richter, die einst politische Urteile fällten, sind immer noch im Amt, und dieselben Journalisten, die ihnen Beifall pflichteten, schreiben heute noch Leitartikel. Dieselben Leute, die früher Marxismus und Jugoslawismus verordneten, geben jetzt Lektionen in Liberalismus und Parlamentarismus, in Aktienrecht, Pressefreiheit und Bürgersinn. Das Establishment ist nicht abgetreten, es hat sich neu eingekleidet. Zwar ist eine konservative Regierung an der Macht, aber die gesellschaftliche Hegemonie behaupten die alten Seilschaften.

Dies wiederum fördert die Verbiesterung ihrer Gegner. Liberale gegen Klerikale, Linke gegen Rechte, Partisanen gegen Domobranzen (Heimwehren): Slowenien ist immer noch das „Zerrissene Volk“, wie die slowenische Historikerin Tamara Griesser-Pecar ihr Buch über Okkupation, Kollaboration, Bürgerkrieg und Revolution in den Jahren 1941 bis 1946 nannte. Er habe diese Debatten satt, die immer wieder bei den Partisanen und den Domobranzen endeten, sagt Jancar, ob nun über den Verkehr in Laibach diskutiert werde oder über Windmühlen an der Küste. Slowenien sei zugleich eine sehr offene und eine sehr geschlossene Gesellschaft. „Jeder weiß vom anderen, was dessen Vater und dessen Großvater getan hat, das geht über Generationen und reicht bis in die aktuellen politischen Debatten. Das ist typisch für kleine Länder, in Irland ist das ähnlich. Aber diese Atmosphäre tut dem Land nicht gut.“

Widersprüchen aussetzen und Gegensätze zusammenführen

Vor acht Jahren hatte Jancar mit der Ausstellung „Die dunkle Seite des Mondes“, die den Alltag der kommunistischen Unterdrückung in Slowenien dokumentierte, heftige Auseinandersetzungen provoziert. „Aber je mehr wir über diese Zeit wissen und je mehr Knochen aus den Massengräbern geborgen werden, desto weniger sind die Leute bereit, sich damit zu beschäftigen. Als ich die Ausstellung machte, dachte ich noch, dass dieses Thema nun im nationalen Bewusstsein verankert wäre. Aber so war es nicht, wir sind sogar hinter den Stand von 1999 zurückgefallen. Es gibt heute weniger Bereitschaft, einander zuzuhören.“ Die Slowenen sind in ihrer Mentalität ihren Nachbarn, den Friulanern, den Kärntnern und den Steirern, sehr ähnlich. Beharrlichkeit und Fleiß zeichnen sie aus, ihr alpiner Individualismus wird ihnen gelegentlich als Sturheit ausgelegt. Bei einem Spaziergang durch ihre Hauptstadt bekommt man einen plastischen Eindruck von ihrer Fähigkeit, sich Widersprüchen auszusetzen und Gegensätze zusammenzuführen.

Laibach hat sein unverwechselbares Gepräge von Joze Plecnik erhalten, dem großen Synkretisten und Antimodernisten unter den Architekten der Moderne. Slowenische Künstler und Musiker bewegen sich in einem sehr eigenen, zugleich avant- und retrogardistischen Kosmos. Im Ausland am bekanntesten ist seit den achtziger Jahren die Gruppe „Neue Slowenische Kunst“ (NSK) mit ihrer Rockband „Laibach“, die heidnische, christliche, faschistische und kommunistische Symbole wie Folien übereinanderschichtet. Als jüngst das Konferenzzentrum eröffnet wurde, das die Regierung für die EU-Präsidentschaft im Schlosspark von Brdo errichten ließ, führte die Steelband „The Stroj“ mit martialischem Getöse vor, wie sich heidnische Riten und Reminiszenzen der sozialistischen Industriekultur mit Hightech vereinbaren lassen.

Mit Widersprüchen wie auf der Modellbahnplatte

Slowenien hat im Verhältnis mehr Internetnutzer als Österreich, fast alle Slowenen sprechen fließend wenigstens eine Fremdsprache, und die jungen Slowenen sind mit den Metropolen des Westens heute nicht weniger vertraut als gleichaltrige Holländer, Iren oder Dänen. Und doch zelebriert das kleine Land eine Erinnerungskultur, als wollte es den nationalstaatlichen Rummel der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachholen. Der ehemalige k. u. k. Offizier Rudolf Maister etwa, der 1918 die damals noch vorwiegend von Deutschen bewohnte Stadt Marburg (Maribor) dem südslawischen Königreich einverleibte, hat nicht nur Denkmäler, sondern auch einen Nationalfeiertag (23. November) erhalten; am 15. September, dem Jahrestag des Pariser Vertrages von 1947, gedenkt ein Nationalfeiertag der Annexion der vorwiegend italienisch besiedelten Adriaküste durch Titos Jugoslawien.

In dem kleinen Land mit seinen zwei Millionen Einwohnern zeigt sich Europa mit seinen Widersprüchen wie auf der Modellbahnplatte. Aber vielleicht ist das nicht die schlechteste Voraussetzung, um im langen Schatten der deutschen EU-Präsidentschaft und vor der monumental-französischen mit Würde die Geschäfte Europas führen zu können.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.12.2007, Nr. 51 / Seite 9
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, F.A.Z.

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