Nach Frankreichs „Non“

Blair stellt britisches EU-Referendum in Frage

30. Mai 2005 Der britische Premierminister Tony Blair hat am Montag offengelassen, ob es in seinem Land im nächsten Jahr tatsächlich ein Referendum zur EU-Verfassung nach dem französischen Nein geben wird.

Es sei zu früh, dies jetzt zu entscheiden, sagte Blair nach Angaben der britischen Nachrichtenagentur PA in seinem italienischen Urlaubsort in der Toskana.

Blair will Zeit des Nachdenkens

Blair plädierte nach der Ablehnung der EU-Verfassung durch Frankreich für eine Zeit des Nachdenkens in der Europäischen Union. Notwendig sei eine breit geführte Debatte in Europa, insbesondere über die Auswirkungen auf die Wirtschaft. „Hinter alldem steht die grundlegende Frage über die Zukunft Europas und insbesondere über die Wirtschaft in Europa.“

Nach den bisherigen Aussagen der Regierung in London sollten die Briten im Frühjahr kommenden Jahres über die EU-Verfassung abstimmen. Blair hatte zuvor gesagt, auch im Falle eines negativen Ausgangs des Referendums in Frankreich würden die Briten in einer Volksabstimmung über die europäische Verfassung entscheiden.

„Rückschlag für den Einigungsprozeß“

Blair sagte am Montag weiter, er wolle dem bevorstehenden Referendum in den Niederlanden nicht vorgreifen. Er hoffe nach wie vor, daß die Niederländer bei deren Referendum am Mittwoch für die Verfassung stimmen.

In ganz Europa zeigen sich Politiker bestürzt über die Entscheidung der Franzosen vom Sonntag, die EU-Verfassung abzulehnen. Das „Non“ wird als Rückschlag für den Einigungsprozeß bezeichnet. (Siehe auch: Reaktionen auf das Nein der Franzosen zur EU-Verfassung)

Chirac will Regierung umbilden

Der französische Präsident Jacques Chirac hat am Montag Beratungen über eine Regierungsumbildung aufgenommen. Premierminister Jean-Pierre Raffarin, dessen Ablösung als sicher gilt, sagte nach einem Treffen mit Chirac im Elysée-Palast: „Es wird heute oder morgen Entwicklungen geben.“

Seitens der oppositionellen Sozialisten wurden Forderungen nach einer Neuwahl wie in Deutschland laut.

Wird Sarkozy Premierminister?

Am Sonntag abend hatte Chirac Entscheidungen „in den nächsten Tagen“ angekündigt. Als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Raffarins wurde Innenminister Dominique de Villepin gehandelt. Auch der Name von Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie wurde genannt.

Angesichts des Ausmaßes der Niederlage beim Referendum galt es zudem nicht mehr als völlig ausgeschlossen, daß Chirac vielleicht sogar seinen Rivalen Nicolas Sarkozy zum Premierminister machen könnte. Der Vorsitzende der Regierungspartei UMP hatte am Sonntag abend abermals eine grundlegende Änderung der Regierungspolitik gefordert.

Die Franzosen stimmten beim Referendum mit 54,9 Prozent gegen die EU-Verfassung, die Wahlbeteiligung lag bei 69,7 Prozent. Das Ergebnis wurde in Frankreich allgemein als schwere Niederlage Chiracs gewertet.



Text: FAZ.NET mit Berichten von Reuters, AP und dpa
Bildmaterial: AP

 

Reaktionen

„Die Bundesregierung trägt Mitschuld“

In ganz Europa zeigen sich Politiker bestürzt über die Entscheidung der Franzosen, die EU-Verfassung abzulehnen. Das „Non“ wird als Rückschlag für die Einigung bezeichnet. In Deutschland machen Unionspolitiker die Bundesregierung mitverantwortlich.

EU

Nein und Nein

Was das französische "Non" zur EU-Verfassung für die Europäische Union bedeutet, läßt sich in zwei Thesen fassen. Erstens: In eine tiefe Krise wird die Union nicht stürzen. Zweitens: Einfacher wird in der EU nichts.

Französisches Referendum

Chiracs Fehlkalkulation

Mit dem Nein der Franzosen zur EU-Verfassung hat Jacques Chirac die wohl bitterste Niederlage in seiner politischen Karriere erlitten. Die hat sich der Präsident selbst zugefügt. Siegesgewiß schlug er die Warnungen seiner Berater in den Wind.

FAZ.NET-Analyse

Der „politische Unfall“

Nun ist geschehen, wovor Frankreichs Präsident Chirac bis zuletzt gewarnt hat: Seine Landsleute haben die Europäische Verfassung mit deutlicher Mehrheit durchfallen lassen. Ihr „Non“ stößt die gesamte politische Führung der EU vor den Kopf.

Nach dem Referendum

Herzzerreißend, eine Katastrophe

Enttäuschung und Erschütterung: Europäische Schriftsteller und Intellektuelle wie Elfriede Jelinek und Cees Nooteboom kommentieren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Nein der Franzosen zur EU-Verfassung.

Referendum

Franzosen lehnen EU-Verfassung ab

Mit einem klaren Nein zur EU-Verfassung haben die Franzosen der Einigung Europas einen Rückschlag versetzt. 55 Prozent der Wähler stimmten beim Referendum gegen das Vertragswerk, nur 45 Prozent dafür. Politiker sprechen von einer „Niederlage für Frankreich und Europa“.

EU-Referendum

Schadensbegrenzung in Paris

Am Ende der Kampagne für die Annahme der EU-Verfassung hat Frankreichs Präsident Chiraq nochmals einen Appell an seine Landsleute gerichtet. Unterdessen kriselt es in der Partei des Präsidenten.

EU-Referendum

Abrechnung mit Jacques Chirac

„Die Referendumskampagne ist der mieseste Wahlkampf, den wir je geführt haben“: In Frankreich erwarten sogar die Befürworter der Verfassung ein Scheitern der Volksabstimmung. Schuld daran ist wohl der Präsident.

Frankreich vor dem Referendum

Verlierer Liberalismus

Ideologisches Denken verstellt den Blick auf die Wirklichkeit. Wie auch immer die Franzosen am Sonntag über den europäischen Verfassungsvertrag entscheiden, die Idee einer freiheitlich verfaßten Wirtschaftsordnung hat schon verloren.

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In den Redaktionen brodelt es. Der Umgang der Medien mit der EU-Verfassung, über die in Frankreich am Sonntag das Volk entscheiden wird, ist ins Zentrum der hitzigen, ja gehässigen Auseinandersetzung gerückt. Die Abstimmung ist zu einem Psychodrama geworden.

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