Deutsch-französische Konsultationen

Szenen einer Arbeitsbeziehung

Von Michaela Wiegel, Paris

Zutiefst in gegensätzlichen Kulturen verankert: Sarkozy und Merkel

Zutiefst in gegensätzlichen Kulturen verankert: Sarkozy und Merkel

24. November 2008 Ob Carla Bruni italienische Spezialitäten aufgetischt hat oder doch der Haute Cuisine ihrer Wahlheimat Frankreich treu geblieben ist? Präsident Sarkozy erfüllte der Bundeskanzlerin den Traum eines jeden UMP-Parteikaders: Er lud sie zum „déjeuner privé“ in das mit Gitarren und Konzertflügel geschmückte Reich seiner Frau im exklusiven Pariser Wohnviertel der Villa Montmorency ein.

Mit Freundschaftsgesten ist Sarkozy, der Schulterklopfer und Umarmer, nie sparsam gewesen, aber irgendwie scheint es, will sein Werben nicht fruchten. Es bleibt bei einer Arbeitsbeziehung, in der Konflikte von beflissenen Beamten entschärft werden. Aber es fehlt die Herzlichkeit, das gewisse Etwas, das die deutsch-französischen Staatsmännerfreundschaften der Vergangenheit auszeichnete.

Die andere Seite des Atlantiks

Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy beim Treffen zur Finanzkrise

Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy beim Treffen zur Finanzkrise

Im Festsaal des Elysée-Palastes trat ein Paar vor die Presse, das auf der Flucht vor der Zwangsehe scheint und Freiheit meint, wenn es Einheit verkündet. Angesichts der schweren Wirtschaftskrise wollen beide gemeinsam an einem Konjunkturprogramm arbeiten, an einer europäischen Antwort, das betonten sie. „Ja, wir brauchen Maßnahmen, ja, wir müssen uns koordinieren“, sagte Sarkozy. „Jedes Land leistet seinen eigenen Beitrag“, sagte die Kanzlerin. Sarkozy sprach von „Schnelligkeit und Kraft“, mit der auf die Wirtschaftskrise reagiert werden müsse, Frau Merkel empfahl „ein Stück Abwarten“ und „Maßnahmen, die überhaupt kein Geld kosten“. Dann sagte die Kanzlerin: „Ich weiß gar nicht, warum immer nach Unterschieden gefragt wird.“

Doch unter den Kronleuchtern des Elysée-Palastes führten Sarkozy und Frau Merkel vor, dass sie nicht nur Stil und Auftreten trennt, sondern dass sie zutiefst in gegensätzlichen Kulturen verankert sind, die im Krisenmanagement aufeinanderprallen. Sarkozy sieht sich als „Boss der Firma Frankreich“, er wählte große Töne und versprach: „Wir lassen unsere Automobilindustrie nicht fallen.“

Sarkozy will in die Wirtschaft eingreifen, weil sie in Not ist, das nennt er Pragmatismus; Wirtschaftstheorien ignoriert er gern. Die Kanzlerin wiederum fühlt sich der Trennung von Wirtschaft und Staat verpflichtet, sie scheut den Staatsdirigismus, will keine „wettbewerbsverzerrenden Maßnahmen“, wie sie im Elysée-Palast warnend sagte. Während Sarkozy die Ungeduld packt, weil Amerika massive Subventionen für die Automobilindustrie plant, rät die Kanzlerin zu Gelassenheit. Sie will erst sehen, was wirklich auf der anderen Seite des Atlantiks entschieden wird.

„Jeder hat seinen eigenen Entscheidungsrhythmus“

Sarkozy aber hasst nichts so sehr wie Abwarten, einer seiner Lieblingssprüche lautet: „Die Franzosen haben mich nicht gewählt, damit ich zusehe, wie die Züge vorbeifahren.“ Sarkozy glaubt nicht daran, dass sich die Dinge von selbst erledigen. Dem jüngsten Zögern der Kanzlerin setzte er den Kraftakt des ersten Euro-Finanzgipfels entgegen. Über den Erfolg des Gipfels spricht er auch im Elysée-Palast. „Was man bei den Banken sieht, kann uns bislang nicht zufriedenstellen“, sagt die Bundeskanzlerin trocken.

Als EU-Ratspräsident noch bis zum Jahresende wirbt Sarkozy für ein europäisches Konjunkturprogramm. Die Bundeskanzlerin aber empfiehlt, die beschlossenen nationalen Maßnahmen erst mal „wirken“ zu lassen. Sie will erst „im Januar“ wieder über weitergehende Maßnahmen beraten. „Wir brauchen weitere Maßnahmen. Frankreich arbeitet daran, Deutschland denkt darüber nach“, sagt Präsident Sarkozy. „Wir handeln und denken parallel“, sagt die Bundeskanzlerin. Und überhaupt: „Die Wirtschaftsprognosen ändern sich beinahe stündlich.“ Sie will „nicht jedes Risiko an die Wand malen“. Sarkozy sagt hingegen: „Jeder hat seinen eigenen Entscheidungsrhythmus.“

Energie- und Breitbandnetz

Auch der Blick nach vorn brachte die Bundeskanzlerin in Paris nicht zum Lächeln. Dort saß Außenminister Steinmeier, der sich zum 10. deutsch-französischen Ministerrat in der Zeitung „Le Monde“ ziemlich distanziert über den europäischen Kurs der Bundeskanzlerin geäußert hat. Steinmeier geht zwar nicht so weit, das Unwort europäische Wirtschaftsregierung auszusprechen, aber er plädiert für „mehr und systematische Koordinierung in der Eurogruppe“. „Wir brauchen eine Wirtschafts- und Finanzpolitik, die auf kurze Sicht die Beschäftigung sichert“, sagte Steinmeier. „Wir müssen darüber auch mit der Europäischen Zentralbank reden.“

„Le Monde“ merkte an, dass dies wie eine Kritik an der „europäischen Strategie Angela Merkels“ klinge. „Es handelt sich nicht um Kritik gegen wen auch immer. Aber in der jetzigen Situation sind alle Ideen gut. Mir ist wichtig, dass Europa in der Krise um jeden Arbeitsplatz kämpft und die europäischen Investitionen in Zukunftssektoren wie das Energienetz und das Breitbandnetz beschleunigt“, sagte Steinmeier.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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