Frankreich

Kaczynski brüskiert Chirac

Lech Kaczynski (l.) und Jacques Chirac

Lech Kaczynski (l.) und Jacques Chirac

24. Februar 2006 Der polnische Präsident Kaczynski ist am Freitag vom französischen Präsidenten Chirac zu einem Mittagessen im Elysee-Palast empfangen worden. Der Antrittsbesuch des polnischen Staatschefs stand noch ganz unter dem Eindruck der polnisch-französischen Verstimmung seit der Irak-Krise.

Chirac hatte damals den Polen vorgehalten, eine „gute Gelegenheit zum Schweigen“ verpaßt zu haben. Kaczynski sagte, an Chirac gerichtet, in der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“ am Freitag: „Mit mir funktioniert diese Denkungsart nach dem Motto ,Wir nehmen euch in die europäische Union auf, also müßt ihr gehorchen' nicht.“

Ungehalten äußerte sich Kaczynski auch über Chiracs Haltung gegenüber der russischen Staatsführung. Den engen Schulterschluß Chiracs mit Putin bezeichnete Kaczynski als „mysteriös“. Er verstehe, daß die Russen ihre Interessen verteidigten, und unterstellte der französischen Staatsführung indirekt, sich den russischen Interessen zu unterwerfen.

„Keine Aussicht auf Ratifizierung“

Die Niederlage Chiracs am Ende seiner Referendumskampagne für den europäischen Verfassungsvertrag kommentierte Kaczynski mit unverhohlener Genugtuung. Der Verfassungsvertrag habe „keine Aussicht auf Ratifizierung in Polen, weder mit einem Referendum noch auf parlamentarischem Wege“. Der polnische Präsident sprach sich für einen neuen Text aus, „um Ordnung zu schaffen“.

Dieser müsse der europäischen Wirklichkeit Rechnung tragen, die von Differenzen im Entwicklungsniveau, in den Traditionen und Erwartungen geprägt sei. „Die Polen interessiert, was mit Polen geschieht, und nicht die Zukunft der gesamten EU“, sagte Kaczynski. In Frankreich sei das nicht anders. „Man interessiert sich für die Worte Chiracs, nicht die Barrosos“, sagte Kaczynski.

Nach dem Interview nahm der Elysee-Palast Abstand von einer Pressekonferenz der beiden Präsidenten. Kaczynski wandte sich an die polnische Presse, Chirac schickte seinen Sprecher vor. Das Gespräch sei sehr konstruktiv verlaufen, hieß es.

Text: mic., F.A.Z., 25.02.2006, Nr. 48 / Seite 4
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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