Demographische Krise

Europa braucht mehr Kinder

Von Michael Stabenow, Brüssel

11. Juli 2006 Den Belgier Paul Devroey und den Niederländer Bart Fauser trifft keine Schuld an der Misere. Tausenden Paaren haben sie bei der Erfüllung des Wunsches nach Kindern geholfen. Daher wirkt es auf den ersten Blick widersprüchlich, daß ausgerechnet zwei gestandene Lehrstuhlinhaber für Reproduktionsmedizin an der Freien Universität Brüssel und der Universität Utrecht durch Europa ziehen und den Geburtenschwund beklagen - nicht marktschreierisch, aber durchaus eindringlich.

Auch die Retortenmedizin, ihr Fachgebiet, sei kein Allheilmittel. Deshalb fordern der in Kürze 60 Jahre alte Devroey und der acht Jahre jüngere Fauser ein „Europäisches Gremium für Fortpflanzungsfragen“ (European Fertility Body). Dort sollen sich Mediziner, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaftler den Kopf darüber zerbrechen, wie Europa der von sinkenden Geburtenziffern und steigender Lebenserwartung verursachten demographischen Krise entrinnen könnte.

Höheres Alter von Frauen bei der Erstgeburt

Besonders veränderte Lebensgewohnheiten sehen Devroey und Fauser als Grund dafür an, daß zur Zeit durchschnittlich jedem siebten Paar in Europa Nachwuchs auf natürlichem Weg versagt bleibt - und dieser Anteil sich im kommenden Jahrzehnt verdoppeln könnte. Einen wichtigen Grund dafür sehen sie im steigenden Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes. In Deutschland lag es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2004 bei 29,5 Jahren - 1975 dagegen bei 24,8 Jahren in den alten und sogar nur bei 21,8 Jahren in den neuen Bundesländern.

Für diese in Europa generell zu beobachtende Entwicklung machen beide Wissenschaftler nicht nur die Tatsache verantwortlich, daß immer mehr Frauen berufstätig sind und daher viele Paare die Gründung einer Familie auf die lange Bank schieben. Nicht nur in Italien bestehe ein traditionelles Familienbild fort, in dem berufstätige Mütter wenig oder nichts zu suchen hätten. Daß 30 Prozent aller Frauen in Deutschland kinderlos seien, liege auch an der noch häufig verbreiteten Auffassung, wonach berufstätige Mütter „eigensinnig“ seien, kritisieren Fauser und Devroey.

Mit der Fruchtbarkeit sinkt Schwangerschaftaussicht

Am fruchtbarsten seien Frauen zwischen 20 und 24 Jahren. Im vierten Lebensjahrzehnt sinke die Fruchtbarkeit dann auf rund die Hälfte. „Viele wissen nicht, daß Jahr für Jahr die Aussichten auf eine Schwangerschaft schwinden - oder wollen es einfach nicht wahrhaben“, sagt Fauser. Noch schärfer formuliert es Devroey: „Man denkt zunächst an die Karriere sowie viele andere Dinge des Lebens und erst dann ans Kinderkriegen. Dabei sollte es doch umgekehrt sein.“

Für Devroey und Fauser sind die Optionen klar: Die „Fruchtbarkeitszeitbombe“ lasse sich nur entschärfen, wenn in Europa mehr Kinder zur Welt kämen. Problematisch, weil ohne ausreichenden öffentlichen Rückhalt, sei es, die Geburtenfrage durch offene Grenzen für Zuwanderer aus aller Welt lösen zu wollen. Trügerisch sei auch die Hoffnung, Europa könne die Mehrkosten einer durchschnittlich erheblich älteren Bevölkerung durch weitere Produktivitätsgewinne und größeres Wirtschaftswachstum wettmachen.

Bis 2050 rund 16 Prozent weniger Erwerbsfähige

Ein Blick auf die Geburtenregister zeige freilich, was Europas Gesellschaften bevorstehen könnte: An die statistische Marke von 2,1 Kindern je Frau, die zur Erhaltung der gegenwärtigen Bevölkerungszahl erforderlich seien, reichten derzeit nur Irland (1,99) und Frankreich (1,90) heran. Dramatisch seien die Zahlen für Deutschland (1,37), Italien (1,33), Spanien (1,32) und Griechenland (1,29).

Setze sich der Trend fort, dann werde die Europäische Union im Jahr 2050 fast 50 Millionen Einwohner - oder 16 Prozent - weniger erwerbsfähige Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren haben - mit allen negativen Konsequenzen, die dies für die Gesellschaft und die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme mit sich bringe.

Erfolgreiche bevölkerungspolitische Konzepte

Fauser und Devroey, zur Zeit auch Vorsitzender des Belgischen Ethikrats, fordern, aus den Erfahrungen anderer Länder zu lernen. Dies gelte nicht nur für ihr Fachgebiet der Fortpflanzungsmedizin, zu der in Europa unterschiedliche Auffassungen und abweichende Regelungen bestehen. Das angestrebte europäische interdisziplinäre Gremium könne auch Aufschlüsse darüber geben, welche bevölkerungspolitischen Konzepte erfolgversprechend seien.

Lob finden die beiden Mediziner für den „Baby-Bonus“, der Müttern in Italien und Polen neuerdings gezahlt wird. Positiv sehen sie auch den deutschen Vorstoß, für die Betreuung des Nachwuchses berufstätiger Eltern je Kind und Jahr bis zu 4.000 Euro steuerlich absetzen zu können. Skandinavien überzeuge durch flexible Regelungen am Arbeitsmarkt und eine Anwendung des Gleichstellungsprinzips, die Mütter eine berufliche Tätigkeit erleichtere.

Zunehmend In-vitro-Fertilisation

Letztlich habe die - gesellschaftlich erwünschte - vermehrte berufliche Tätigkeit von Frauen zur Folge, daß das Durchschnittsalter der Mütter weiter steigen werde - bei entsprechend sinkender Fruchtbarkeit. Die Behandlung von Unfruchtbarkeit müsse daher eine maßgebliche Rolle beim Streben nach einer höheren Geburtenziffer spielen, fordern die beiden Wissenschaftler. Sie sind sich der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen der Reproduktionsmedizin durchaus bewußt.

Mehr als 10.000 kinderlose Paare, unter ihnen nicht wenige aus Deutschland, lassen sich Jahr für Jahr an der Universitätsklinik Brüssel beraten - in jedem vierten Fall mit Erfolg. Dabei kommen neben der herkömmlichen künstlichen Befruchtung zunehmend Verfahren zum Zuge, bei denen ein Embryo außerhalb des weiblichen Körpers gezeugt wird: Dies gilt besonders für die erstmals 1977 erfolgreich bei der künstlichen Zeugung des britischen Retortenbabys Louise Brown erprobte In-vitro-Fertilisation (IVF), bei der Eizellen der Frau mit ausgewähltem, hochbeweglichem Sperma des Manns in einem Reagenzglas vermischt werden.

Befruchtung der Eizelle per Injektion

Verfeinert wurde die Technik Anfang der neunziger Jahre durch das Brüsseler Team Devroeys: Bei der sogenannten intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) wird die Eizelle durch Injektion eines einzigen Spermiums befruchtet. Oft werden nach diesem Verfahren parallel mehrere Embryonen gezeugt - wobei dann einer in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt wird, während die übrigen eingefroren und später zum Beispiel für Adoptionsfälle vorgesehen werden können.

Schon für IVF und ICSI gibt es in Europa unterschiedliche Regelungen und Praktiken. Dies gilt auch für die in Deutschland grundsätzlich verbotene Präimplantationsdiagnostik (PID). Sie ermöglicht es, vor der Verpflanzung des Embryos in die Gebärmutter durch einen gentechnischen Test bestimmte Erbkrankheiten und andere gesundheitliche Merkmale zu erkennen. PID-Gegner befürchten, damit werde das Terrain für eine ethisch nicht zu verantwortende „Selektion“ und das Streben nach einem „Designer-Kind“ bereitet. Fauser gibt jedoch zu bedenken, daß manche PID-Kritiker andererseits Abtreibungen von Embryonen befürworteten.

Keinesfalls der Gentechnik-Lobby Plattform bieten

Was Fauser und Devroey beunruhigt, ist die durch das Nebeneinander unterschiedlicher Regelungen begünstigte Reisewelle von kinderlosen, aber zahlungskräftigen Paaren in Länder wie Spanien, Großbritannien oder Belgien, die mit weitgefaßten Regelungen lockten. Zudem weckten manche der aus dem Boden sprießenden privaten Behandlungszentren durch „Geld-zurück-Garantien“ bei Mißerfolg den Eindruck, daß eine IVF-Behandlung eine Schwangerschaft garantiere. Bei jährlich einer halben Million IVF-Behandlungen komme es derzeit nur in zehn bis 15 Prozent der Fälle zu Schwangerschaften. „Allerdings hat der Flickenteppich an Gesetzen in Europa dafür gesorgt, daß Tausende Kinder nicht zur Welt kommen“, erläutert Fauser.

Energisch setzt sich der Arzt gegen den Verdacht zu Wehr, mit der Forderung nach dem „Europäischem Gremium für Fortpflanzungsfragen“ der Gentechnik-Lobby Tür und Tor öffnen zu wollen. „Das stimmt nicht. Uns geht es um Auswege aus der demographischen Krise. Als Arzt weiß ich aber auch, was es heißt, in die verzweifelten Gesichter von Menschen zu blicken, die sich erfolglos um Nachwuchs bemüht haben“, sagt Fauser. Dabei schwingt plötzlich Emotion in der Stimme des sonst stets ruhig und verbindlich wirkenden Niederländers mit.



Text: F.A.Z., 11.07.2006, Nr. 158 / Seite 9
Bildmaterial: dpa

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