Bulgarien

Die Kyrillisierung Europas

Von Michael Martens, Sofia

29. Dezember 2006 Bis zum EU-Beitritt Bulgariens dauert es zwar nur noch wenige Tage, die Aufnahme in die Eurozone hingegen dürfte noch Jahre auf sich warten lassen. Die Bulgaren machen sich vorsichtshalber aber jetzt schon einige Sorgen darum. Sie kreisen vor allem um die Frage, wie die gemeinsame Währung im Bulgarischen genannt werden soll - schließlich bringt das Land nicht nur eine zusätzliche Sprache, sondern auch eine ungewohnte Schrift mit nach Brüssel. Im vergangenen Monat warb Nikolaj Wassilew, Sofias Minister für Staatsverwaltung, ebendort für den Standpunkt seiner Regierung, der Euro müsse bei den Bulgaren „Ewro“ (kyrillisch: „EBPO“) heißen dürfen. Da die Gemeinschaftswährung bei der bulgarischen Bevölkerung unter dieser Bezeichnung bekannt ist, will die Regierung eine Abweichung von der im Einzugsbereich der lateinischen Schrift üblichen Schreibweise durchsetzen.

Dabei beruft sie sich auf einen Präzedenzfall aus der direkten Nachbarschaft. Schließlich gibt es seit 2001 auch die hellenische Variante der Währung: Den „EYP Ω“ samt betörend schönem Omega am Ende, zum Beispiel in Form der Athener Ein-Euro-Münzen mit einer Eule auf dem Revers, die den wachsamen Blick der EU-Statistikbehörde Eurostat auf die griechischen Rechentricks zur Einhaltung der Stabilitätskriterien symbolisieren soll. In einem Kommentar des bulgarischen EU-Pressezentrums, das von der Regierung damit beauftragt wurde, Bulgarien in der EU bekannter zu machen, hieß es zur Frage der kyrillischen Euro-Bezeichnung unlängst, der Euro müsse auf bulgarisch zum Ewro werden, weil dies seit Jahren die einzige Art ist, in der acht Millionen Bulgaren den Namen der gemeinsamen europäischen Währung schreiben und aussprechen. Das Plädoyer gipfelte in einer recht eigenwilligen Aufzählung: „Wir sagen auch Ewropa für Europa, Ewgenij für Eugen und Ewtanasia für Euthanasie.“

Initiative „Verständliches Bulgarien“

Bis der Beitritt zur Ewrozone unmittelbar bevorsteht, gibt es zwischen der EU und Bulgarien indes noch einige dringendere Schwierigkeiten mit dem sperrigen neuen Alphabet zu lösen. Bei der Transliteration der bulgarischen Variante des Kyrillischen herrscht bislang nämlich ein großes Durcheinander, das oft am Beispiel des Namens der Donaustadt Russe - auch Ruse oder Rousse - veranschaulicht wird. In Landkarten und auch auf Straßenverkehrshinweisen sind die Bezeichnungen nicht eindeutig, obschon es Gegenden gibt, wo der Bulgarien allein Bereisende selbst für wissenschaftlich ungenau transkribierte Anhaltspunkte dankbar wäre, besonders an manchen Kreuzungen auf dem Lande, die den suchenden Autofahrer gar nicht erst durch störende Beschilderung verwirren.

Uneinheitlich fällt die Transkription vor allem dort aus, wo aus einem Buchstaben bestehende lateinische Entsprechungen zu bulgarischen Lettern fehlen, zum Beispiel im Fall des „scht“ (sieht aus wie eine Gabelspitze mit einem kleinen Zacken an der Seite), des „ja“ (ein umgeklapptes großes R) oder des „ju“ (ein von der Seite betrachteter Korkenzieher, im Korken steckend). Im August haben das Institut für bulgarische Sprache, die bulgarische Akademie der Wissenschaften und das Staatsverwaltungsministerium des erwähnten Ministers Nikolaj Wassilew - der sich auf englisch Nikolay Vassilev schreibt - deshalb die Initiative „Verständliches Bulgarien“ ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, eine einheitliche Transkription durchzusetzen in Bulgarien, dessen Landesname sich laut Aussage von Staatspräsident Parwanow (englisch Purvanov) 9400 Millionen Mal bei der Internetsuchmaschine „Google“ findet. Allerdings wird der Suchende dort auch 106 000 Mal fündig, wenn als Suchwort „Balgarija“ eingegeben wird, und immerhin 46.300 Mal bei „Balgaria“.

Brüder Method und Kyrill bedeutsam für Bulgarien

Der in diesem Oktober wiedergewählte bulgarische Präsident (21.300 beziehungsweise 44.700 Treffer bei Google, je nach Schreibweise des Familiennamens) mahnt seine Landsleute Jahr für Jahr am 24. Mai, den Namensgeber des eigenen Alphabets nicht zu vergessen. Der 24. Mai, der Tag der bulgarischen Bildung, Kultur und des slawischen Alphabets sei der hellste, schönste und bulgarischste aller bulgarischen Feiertage, sagte Parwanow bei den Feierlichkeiten in diesem Jahr. Und der stellvertretende Rektor der Sofioter Universität fügte hinzu, das Lebenswerk des Slawenapostels Method und seines berühmteren Bruders Konstantin - oder Kyrill - gehöre zu den Sternstunden der bulgarischen Kultur.

Freilich erheben mehrere Seiten Anspruch auf das Bruderpaar. Geboren wurden die beiden um das Jahr 820 in der Stadt Thessaloniki, die damals Teil des Oströmischen Reiches war und heute Hauptstadt der griechischen Provinz Makedonien ist, die wiederum an einen unabhängigen Staat namens Mazedonien grenzt, was in Griechenland freilich fast niemand wahrhaben will. Begraben wurde Kyrill in Rom, wo ihn nach einem Besuch bei Papst Hadrian II., dessen Vorgänger die Brüder zur Rechtfertigung ihrer Missionstätigkeit unter den Slawen zu sich zitiert hatte, im Jahr 869 der Tod ereilte. Gewirkt haben sie vor allem in Mähren, im sogenannten Großmährischen Reich, dessen Herrschaftsschicht sich gegen die Einflußnahme des deutschen Königtums und der bayrischen Kirchenfürsten zu wehren suchte. Die bedrängte Elite bemühte sich deshalb um eine Anlehnung an Byzanz und rief die gelehrten Brüder zu Hilfe. „Die Einführung der neuen ,kirchenslawischen' Liturgie, auf der Grundlage des mazedo-slawischen Heimatdialekts der beiden Glaubensboten, der in das Gewand eines eigens erfundenen, an das griechische Schriftsystem angelehnten Alphabets gekleidet war, sollte der mährischen Slawenmission gegen den deutschen Einfluß zum Durchbruch verhelfen“, heißt es dazu im 1960 erschienenen Nachschlagewerk „Die Welt der Slawen“.

Kyrillisches Schrifttum von Heiligen Sieben verbreitet

Das von Kyrill geschaffene Schriftsystem auf der Grundlage des damals in der Gegend von Thessaloniki gesprochenen slawischen Dialekts ist allerdings nicht jenes, das heute zwischen Mazedonien, Serbien und den serbischen Landstrichen Bosniens bis zur russisch-nordkoreanischen Grenze in Gebrauch ist. Es ist eine Vorform, die Glagolica. Das glagolitische, altslawische Alphabet ist heute nur noch für jene von Bedeutung, die kirchenslawische Texte verstehen wollen, denn im Alltag der slawischen Welt hat es sich nicht durchgesetzt. Das gelang erst dem weiterentwickelten Alphabet, der Kyrillica, und zwar in Bulgarien.

Aus dem bald zerfallenen Großmährischen Reich vertrieben, flüchteten sich Schüler der Slawenlehrer nämlich in das Erste Bulgarische Reich, wo sie den nötigen politischen Rückhalt für ihre Arbeit fanden. Fünf dieser Schüler sind dem Namen nach bekannt, sie werden zusammen mit ihren Lehrern bis heute als die Heiligen Sieben an einem anderen Festtag geehrt, dem 27. Juli. Die berühmtesten sind Kliment, der vor allem im heute zu Mazedonien gehörenden Ohrid wirkte und zum Namenspatron der Sofioter Universität wurde, sowie Naum, nach dem ein von ihm gegründetes und ebenfalls am Ohridsee gelegenes Kloster benannt ist. Sie sorgten für die Verbreitung des kyrillischen Schrifttums, das in der Folge zu den Serben und dann weiter in die ostslawisch-russische Welt drang - und nun, mit ein paar Jahrhunderten Verzögerung, sogar in Brüssel angekommen ist.



Text: F.A.Z., 29.12.2006, Nr. 302 / Seite 7
Bildmaterial: Anna Mutter

 
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