05. Februar 2006 EU-Kommissar Franco Frattini im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Abdruck der Mohammed-Karikaturen und die Meinungsfreiheit, welche das Recht haben soll Religion zu kritisieren.
Herr Frattini, ist die dänische Zeitung mit dem Abdruck der Mohammed-Karikaturen zu weit gegangen?
Wir müssen den Eindruck vermeiden, daß wir in Europa sensible Felder des Glaubens angreifen. Dabei geht es vor allem um die Diaspora-Gemeinden in der EU. Für sie ist der Glaube sehr wichtig, weil er für sie ein Symbol für ihre Identität ist. Das hätte man vor der Veröffentlichung in den Zeitungen bedenken sollen. Es war von den Journalisten insofern unüberlegt, sie zu drucken. Das Problem war auch, daß die Zeichner den falschen Islam, den die Terroristen mißbrauchen, mit dem Islam gleichgesetzt haben.
Also ist die Reaktion verständlich?
Ich kritisiere die Reaktion aufs schärfste. Die Meinungsfreiheit ist nicht antastbar. Dazu gehört auch die Freiheit, sehr hart und direkt zu kritisieren. Die beste Antwort auf solche Kritik ist nicht Gewalt, sondern eine vergleichbare Art der Kritik, in der Presse und in Karikaturen etwa. Auf jeden Fall ist es falsch, Vertretungen zu belagern oder dänische Produkte zu boykottieren. Um so wichtiger ist es, den Dialog nicht abbrechen zu lassen.
Was können wir angesichts der Gewalt in den Straßen erreichen?
Wir brauchen die Fähigkeit zu verstehen. Das bedeutet auch, daß wir die Bedeutung von Symbolen für verschiedene Religionen verstehen. Wir können nicht ignorieren, daß Symbole - oder das Verbot von Bildern des Propheten - eine andere Bedeutung für die Muslime haben als für uns.
Wie auch die Meinungsfreiheit?
Ich glaube nicht, daß das Konzept der Meinungsfreiheit in der islamischen Welt grundsätzlich in Frage gestellt wird. Es geht eher darum, daß wir teilweise eine andere Auffassung von der Meinungsfreiheit und Pressefreiheit haben. Die Rolle der Medien aber nimmt auch in der islamischen Welt zu. Die Medien können dort dazu beitragen, die Gesellschaft zu modernisieren. Dabei geht es auch darum, eine Balance zwischen dem Respekt für die religiösen Werte und der Meinungsfreiheit zu finden. Wir können bei diesem sensiblen Prozeß helfen.
Wie?
Das kann nicht dadurch geschehen, daß wir den Menschen dort unser Modell einfach überstülpen. Ich habe die Veröffentlichung der Karikaturen auch deshalb kritisiert. Wir können sie nicht mit unseren Maßstäben messen. Ansonsten zwingen wir anderen Menschen indirekt unser Modell auf.
Sind Sie tatsächlich der Meinung, daß wir, indem wir solche Karikaturen publizieren, Menschen anderen Glaubens unsere Werte aufzwingen?
Ich sagte: indirekt. Es war sicherlich nicht die Absicht der Zeitung. Dennoch war die Wahrnehmung der anderen Seite genau so. Wir müssen die Vorstellungen der anderen Seite akzeptieren. Deshalb habe ich gesagt, daß ich die Veröffentlichung unüberlegt finde - nicht falsch. Wir reden über Religion. Auch wenn die Meinungsfreiheit grundsätzlich das Recht beinhaltet, Religion zu kritisieren.
Weckt der Streit Skepsis über die Aufnahme der Türkei in die EU?
Der Beitritt ist ein Zeichen für die Offenheit Europas für die islamische Welt. Wenn wir Hürden gegen die Türkei errichten, weil die Menschen dort Muslime sind, wird es eine heftige Reaktion geben. Ich weiß von den Widerständen. Wir dürfen uns dem nicht beugen. Wenn die Türkei die Bedingungen für eine Mitgliedschaft erfüllt, müssen wir sie auch aufnehmen.
Die Fragen stellten Horst Bacia und Hendrik Kafsack.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.02.2006, Nr. 5 / Seite 2
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