Martin Schulz

Kirchenlieder zur Entspannung

Von Horst Bacia

Martin Schulz

Martin Schulz

08. Juni 2004 Martin Schulz ist mächtig in Fahrt. Gerade hat er dreißig Minuten lang mit dem Kollegen Hans-Gert Pöttering von der CDU in einer Live-Sendung des Fernsehens gesessen. Und wieder einmal mußte in der kurzen, kostbaren Zeit lange über die Diäten der Abgeordneten im Europäischen Parlament, ihre Tagegelder und die Abrechnung von Reisespesen gesprochen werden.

Es war eine Sendung, bei der die Zuschauer anrufen und den beiden Spitzenkandidaten von SPD und CDU bei der Europawahl ihre Fragen stellen konnten. Doch von denen, die sich zu Wort meldeten, wollten die meisten nur hören, warum sie denn am 13. Juni überhaupt zur Wahl gehen sollten. Schließlich kenne man die Europa-Abgeordneten doch gar nicht; was sie in Brüssel und Straßburg eigentlich leisteten, sei ohnehin kaum zu verstehen; und nun komme noch der Verdacht hinzu, daß viele dort nur abkassierten.

Angeblicher Finanzmißbrauch

„Da arbeitest du dir den Arm ab und mußt dich trotzdem ständig rechtfertigen“, schnaubt Schulz ärgerlich nach dem Abschminken im Fernsehstudio und findet wenig schmeichelhafte Worte für den inzwischen parteilosen österreichischen Abgeordneten Hans-Peter Martin.

Der hatte, nachdem er schon vorher als ewiger Querulant aus der Fraktion der europäischen Sozialdemokraten ausgeschlossen worden war, in den vergangenen Monaten gegen seine Kollegen schwere, von einigen Medien begierig aufgegriffene Anschuldigungen wegen des angeblichen Mißbrauchs finanzieller Erstattungsregeln erhoben. Nun betreibt er mit dieser Kampagne offenbar ganz erfolgreich seine Wiederwahl ins EU-Parlament.

Sinkende Wahlbeteiligung

Die Beteiligung an Europawahlen ist seit 1979 deutlich gesunken. Vor fünf Jahren lag sie in Deutschland bei 45 Prozent, und diesmal ist das Interesse nach Einschätzung der Meinungsforscher von Infratest „so niedrig wie nie zuvor“.

Da kann der Wahlkampf zur Qual werden. Mit vereinten Kräften mühen sich Schulz und Pöttering in der Fernsehdiskussion, die wachsende Bedeutung des Parlaments für die europäische Gesetzgebung zu erläutern. Obwohl es den Alltag der EU-Bürger immer mehr bestimmt, wird seine Arbeit in der nach wie vor national geprägten politischen Öffentlichkeit der Mitgliedstaaten aber kaum wahrgenommen.

Kaum unterschiedliche Positionen

So ist es kein Zufall, wenn bei dem gemeinsamen Wahlkampfauftritt, trotz der gegensätzlichen Temperamente, das Einende ungewollt deutlicher hervortritt als das Trennende. Pöttering merkt sich die Namen aller Anrufer und spricht jeden bei der Antwort direkt an. Schulz dagegen wirkt spannungsgeladen, kämpferisch-aggressiv und manchmal auch schroff.

In der Sache sind unterschiedliche Positionen aber nur bei der Frage des EU-Beitritts der Türkei und bei der Bewertung des Stabilitätspakts zu erkennen. Mit dem Reizthema Irak, das die deutschen Sozialdemokraten zum Schwerpunkt ihres Europa-Wahlkampfes gemacht haben, kommt Schulz diesmal nicht zum Zug.

Der Aha-Effekt

Tag für Tag hetzt der aus Würselen bei Aachen stammende Spitzenkandidat der SPD in der heißen Phase des Wahlkampfes kreuz und quer durch Deutschland. Dennoch ist er, wie Pöttering, als Politiker außerhalb der eigenen Partei kaum bekannt. Sein Name löst zwar einen gewissen Aha-Effekt aus, weil er sich im vergangenen Jahr im Europäischen Parlament mit Silvio Berlusconi anlegte und von ihm als Prototyp des KZ-Wächters diffamiert wurde.

Doch mehr als dieses Etikett ist aus jenen Tagen, da der Name Martin Schulz in fast allen Zeitungen vorkam, kaum geblieben. Er selbst nimmt das gelassen: „Ein Politiker, der behauptet, sein Bekanntheitsgrad sei ihm gleichgültig, der lügt“, sagt Schulz.

Schulz polemisiert

In der Rheinhausenhalle in Duisburg halten die Sozialdemokraten einen Unterbezirksparteitag zur Europawahl und zur Kommunalwahl im Herbst ab. Schulz wurde eingeladen, um den etwa 250 Delegierten ein wenig Mut zuzusprechen. „Wer kämpft, der kann verlieren, wer nicht kämpft, der hat schon verloren“, ruft er energiegeladen gleich zu Beginn seiner Rede in den Saal.

Schulz spitzt zu, polemisiert mit schneidender Stimme gegen den politischen Gegner, gibt Erfahrungen aus seiner Zeit als Bürgermeister der Industriestadt Würselen zum besten und stichelt, um sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erhalten, auch schon mal gegen den MSV Duisburg, der früher gegen den Fußballverein seiner Heimatstadt nie eine Chance gehabt habe. Bei der Wahl am 13. Juni, sagt er, gehe es nicht um das Für oder Wider zu Europa, sondern um die Frage: „Wie wollen wir es, und wie wollen die es?“

Reizthema Irak

Die Sozialdemokraten träten für eine EU ein, in der „Präventivkriege nicht zum Mittel der internationalen Politik werden“ könnten und die Vereinten Nationen bei der Lösung von Konflikten die entscheidende Rolle zu spielen hätten. Wäre Frau Merkel, die Gerhard Schröder vor der Bundestagswahl vorgeworfen habe, in einem historischen Moment die falsche Entscheidung zu treffen, heute Regierungschefin, sagt Schulz, „dann stünden jetzt deutsche Soldaten im Irak“. Zum ersten Mal reagiert der Parteitag mit tosendem Beifall.

Wenn die Unionsparteien die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zum Wahlkampfthema machten, sei das nur ein Versuch, nach dem Rezept des hessischen Ministerpräsidenten Koch die "Volksgruppen in Deutschland gegeneinander aufzuhetzen", donnert Schulz. Die Ost-Erweiterung, mahnt er, dürfe kein mit Angst besetztes Thema sein. Wer überall immer nur Risiken sehe, komme nicht dazu, die Chancen zu ergreifen.

Friedensmacht EU

Zum Schluß stellt der Redner die „grundsätzliche Frage“, worum es bei der Europapolitik eigentlich gehe. Die Antwort gibt er mit Anekdoten aus der Geschichte seines Vaters. Er berichtet, wie das elfte Kind eines saarländischen Bergmannes dort die französische Schule besucht habe und später, als junger Arbeitsloser, „ins Reich“ gegangen sei.

Die weiteste Reise seines Lebens habe er als Soldat nach Leningrad gemacht, wo bei der Belagerung der Stadt mehr als eine halbe Million Menschen ums Leben kamen. Dann folgte nach Kämpfen in der Normandie die britische Kriegsgefangenschaft. Hätte es schon damals das Projekt EU gegeben, hätte der Vater ein ganz anderes Leben führen können. Eines, wie es für die jüngere Generation und ihre Kinder heute schon eine Selbstverständlichkeit sei. Im Saal ist es jetzt ganz still geworden. Dann bricht lange andauernder Beifall los.

Stärkung des Wir-Gefühls

„Die Partei befindet sich in einer tiefen Depression“, analysiert Schulz bei der Weiterfahrt zum nächsten Termin. Alles, was das schwer angeschlagene Wir-Gefühl stärken könne, sauge sie dankbar in sich auf. Daß er mit frechen Sprüchen den richtigen Ton getroffen, dabei aber auch dem Populismus gehuldigt hat, ist dem Redner bewußt.

Die SPD erfahre demoskopisch zwar „noch keine Höhenflüge, aber die Stimmung verbessert sich“, macht sich der Kandidat selbst Mut. Zwischen 27 und 29 Prozent sagen die jüngsten Meinungsumfragen voraus. Und wer sich jetzt noch zur SPD bekenne, davon ist er überzeugt, der gehe am Sonntag auch wählen. Mit einer gelungen Mobilisierung der eigenen Anhänger könnte dann das Ergebnis von 1999 fast gehalten werden.

Kooperation der Europaparteien

Mit 30,7 Prozent der Stimmen zogen damals 33 SPD-Abgeordnete ins EU-Parlament ein. Diesmal, meint Schulz, könnten es 30 sein, und wenn die PDS und die FDP den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde nicht schafften, vielleicht sogar ein oder zwei Mandate mehr. Der SPD-Spitzenkandidat hat gute Chancen, in der neuen Legislaturperiode Fraktionsvorsitzender aller sozialdemokratischen Parteien zu werden.

Dann würde er versuchen, sagt er, eine stabile und dauerhafte Zusammenarbeit mit den Christlichen Demokraten und den Konservativen einzugehen, um die Rolle des Parlaments zu stärken. Daß dies der richtige Weg sei, damit ist er sich mit dem bisherigen Vorsitzenden der CDU/CSU-Gruppe, Hartmut Nassauer, seit langem einig.

„Kasamkura, Kusamkara“

Normalerweise pflegt Schulz nach langen Tagen zur Entspannung zu singen; Kirchenlieder, Kampfgesänge der Arbeiterbewegung und französische Chansons. Diesmal, weil ein Fremder dabei ist, scheut er sich ein wenig. Statt dessen gibt es ein mit den eigenen Kindern erfolgreich erprobtes Pippi-Langstrumpf-Quiz.

Beim Namen von Pippis Pferd oder dem des Schiffes von Kapitän Langstrumpf wissen die Mitarbeiter noch Bescheid. Doch dann kommt die wahre Herausforderung: Was rufen die Schwarzen in Takatuka-Land beim Ablegen des wieder flott gemachten Schiffes? Diese Antwort muß der gelernte Buchhändler selbst geben: „Kasamkura, Kusamkara.“ Das bedeute „Willkommen zurück, dicker weiser Häuptling“, sagt Martin Schulz und freut sich wie ein Kind.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2004, Nr. 131 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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