Digitale Bibliothek Europeana

Mit einem Mausklick zum kulturellen Erbe Europas

Von José Manuel Barroso

EU-Kommissar José Manuel Barroso

EU-Kommissar José Manuel Barroso

20. November 2008 Im Altertum galt die Bibliothek von Alexandria, mit Zehntausenden von Einzelwerken, als Zentrum der Zivilisation – bis Krieg und Feuer sie und einen Großteil ihrer Schätze unwiederbringlich zerstörten. Am heutigen Tag kann Europa, dank einer Zeit historischen Friedens und nie dagewesenen Wohlstands, ein neues, umfassenderes und gegenüber den Zeitläufen robusteres Bibliotheksprojekt starten: Europeana.

Europeana ist Europas digitale Bibliothek, die ihre virtuellen Tore an diesem Donnerstag der Allgemeinheit öffnet. Sie ist ein vielsprachiges Internet-Portal, das an einer einzigen Stelle im World Wide Web all jene Kulturschätze zugänglich macht, die von den Nationalbibliotheken, Museen und Archiven der 27 EU-Mitgliedstaaten digitalisiert worden sind. Europeana hat das Potential, eine noch nachhaltigere Rolle zu spielen als einst die Bibliothek von Alexandria. Dies liegt nicht nur daran, dass die Digitaltechnologie es heute möglich macht, kulturelle Werke für mehrere Jahrhunderte ohne Qualitätseinbußen aufzubewahren. Wichtiger noch ist ein anderer Unterschied: Während der Inhalt der Bibliothek von Alexandria nur einem sehr exklusiven Kreis von Gelehrten und Wissenschaftlern, welche sich die Reise nach Ägypten leisten konnten, zugänglich war, steht Europeana von heute an jedem interessierten Bürger offen – und das nicht nur in Europa, sondern dank des globalen Charakters des Internets überall auf der ganzen Welt.

Blättern in Newtons „Principia mathematica“

Von heute an kann sich jeder „Websurfer“ unter www.europeana.eu auf eine virtuelle Reise durch Europas reichhaltiges Kulturerbe begeben – eine Reise hinweg über die Grenzen von Nation, Sprache und Zeit. Wer die „Gioconda“ sehen möchte, muss nicht vor dem Louvre Schlange stehen: Über Europeana kann jedermann das Lächeln der Mona Lisa auf dem eigenen Computerbildschirm bewundern und dann den virtuellen Spaziergang weiter in Richtung Venedig zum dort ausgestellten „Vitruvischen Mann“ fortsetzen. Ein Physikstudent aus Finnland kann in den digitalen Seiten von Isaac Newtons „Principia mathematica“ blättern, einfach per Mausklick und ohne Gefahr, das aus dem Jahr 1687 stammende Original zu beschädigen. Ein Geograph aus Lettland kann die Digitalversion der „Carta plana de parte da Costa do Brazil“ erforschen, einer Landkarte von 1784, welche die Entdeckungen der portugiesischen Seefahrer dokumentiert und deren Original in der Nationalbibliothek Portugals in Lissabon aufbewahrt wird.

Von zu Hause aus kann ein Buchliebhaber aus Bulgarien über Europeana die illustrierten Manuskripte betrachten, die im Mittelalter in irischen Klöstern angefertigt wurden. Ein Klassikfan aus Spanien kann auf Europeana die Partituren zu Mozarts „Requiem“ studieren – geschrieben in der Handschrift des Komponisten – und dabei digitalen Musikauszügen lauschen. Denn Europeana ist nicht nur eine Bibliothek, sondern ein Multimedia-Projekt, das neben digitalisierten Büchern auch zahlreiche Ton-, Bild- und Filmdateien aufweisen kann.

Europeana erlaubt es dem Besucher außerdem, digitale Werke jeweils in ihren kulturhistorischen Kontext zu stellen. Wer sich weitere Werke aus der Zeit Mozarts ansehen möchte, muss nur den von Europeana angebotenen Zeitpfeil aktivieren, um Literatur, Gemälde oder Architektur aus der Zeit von 1756 bis 1791 zu erkunden. Wer sich für Europas jüngere Geschichte interessiert, kann zum Beispiel auf das Jahr 1989 klicken, um sich Filmmaterial über den Fall der Berliner Mauer anzusehen. All das übrigens ohne die Notwendigkeit einer Eintrittskarte oder eines Leihausweises – Europeana steht dem Bürger kostenfrei zur Verfügung, denn das darin zugängliche Material ist entweder bereits im „public domain“ oder wird mit Zustimmung der Rechteinhaber zur Verfügung gestellt.

„Noch ganz am Anfang“

Europeana ist in vieler Hinsicht beispielhaft für die Europäische Union. Die Digitalbibliothek Europas beruht auf freiwilliger, grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Sie respektiert die nationalen Unterschiede, bringt aber zugleich über ein einziges Netzwerk der Exzellenz nationale Stärken und die kulturelle Vielfalt Europas zur Geltung. Das für das Europeana-Portal verantwortliche Team besteht gerade einmal aus 14 Personen, deren gemeinsames Büro so klein ist, dass es von der Königlichen Bibliothek der Niederlande in Den Haag beherbergt werden kann. Hinter Europeana stehen allerdings mehr als 1000 Bibliotheken, Museen und Archive, die das Rückgrat des Projektes bilden. Es sind diese nationalen Kultureinrichtungen, welche für die Bewahrung und Digitalisierung kultureller Werke verantwortlich sind. Die EU unterstützt diese nationalen Anstrengungen mit der Teilfinanzierung von Forschung über effizientere Digitalisierungstechnologien mit einem Forschungsetat von 120 Millionen Euro für die kommenden zwei Jahre.

Einen zentralen Computer, auf dem alle digitalisierten Kulturschätze gespeichert würden, gibt es bei Europeana nicht. Jedes kulturelle Werk verbleibt bei der nationalen Einrichtung, die es digitalisiert hat, und ist nur auf dem Server dieser Einrichtung abgelegt. Damit allerdings all diese digitalisierten Werke in einer nutzerfreundlichen Weise über das Internet-Portal Europeana zugänglich gemacht werden können, unterstützt die EU die Entwicklung von Technologien, die gewährleisten, dass die von den einzelnen Kultureinrichtungen jeweils eingesetzten Digitalisierungs-Softwares miteinander kompatibel sind. Ferner sind die Metadaten hinter jedem digitalisierten Werk – wie zum Beispiel der Titel, der Autor, das Entstehungsdatum und andere Kontext-Informationen – standardisiert worden, um so eine Suche über alle digitalisierten Werke zu ermöglichen, die über Europeana verfügbar sind.

Wenn ich an diesem Donnerstag gemeinsam mit Kommissarin Viviane Reding – der treibenden Kraft hinter Europeana – und den Kulturministern der 27 EU-Mitgliedstaaten die Digitalbibliothek Europas eröffne, dann werden zwei Millionen digitale Werke abrufbar sein. Das ist ein vielversprechender Start, doch noch sind wir ganz am Anfang. Gerade einmal ein Prozent aller in Europa archivierten Werke sind schon digitalisiert. Es liegt also noch viel Arbeit vor Europas kulturellen Einrichtungen, wenn wir gemeinsam die virtuellen Regale von Europeana mit Inhalten füllen wollen. Europa muss daher seine Anstrengungen bei der Digitalisierung intensivieren – im Interesse der Bewahrung unseres gemeinsamen kulturellen Erbes und um einem möglichst breiten Publikum über das Internet Zugang zu diesem Erbe zu verschaffen. Ziel der EU ist es, bis 2010 zehn Millionen kulturelle Werke über www.europeana.eu verfügbar zu machen. In Europeana könnte so die kulturelle Vielfalt Europas eine starke Verbindung mit technologischen Innovation eingehen – zum Nutzen von Schülern, Studenten, Forschern, Kunstliebhabern und jedes Bürgers, der sich für Europas reichhaltige Kultur und Geschichte interessiert.

José Manuel Barroso ist Präsident der Europäischen Kommission.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar/F.A.Z.

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