30. April 2008 Für ihre europapolitischen Erfolge während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag den Internationalen Karlspreis zu Aachen erhalten. Das Direktorium würdigte vor allem Frau Merkels herausragenden Beitrag zur Überwindung der EU-Verfassungskrise. Unter der deutschen Ratspräsidentschaft habe sich Europa nach dem Scheitern der gemeinsamen Verfassung aus der Schockstarre gelöst, hieß es in der Begründung.
In seiner Laudatio würdigte Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy Merkel als große Europäerin, unter deren Führung es im vergangenen Jahr gelungen sei, die Erstarrung Europas nach dem Scheitern der EU-Verfassung auch in Frankreich zu überwinden. Aber der vereinfachte Vertrag hat die Krise zwischen Europa und den Europäern noch nicht gelöst, sagte Sarkozy. Unsere Arbeit beginnt erst jetzt. Europa sei eine zu schöne, zu gerechte Idee, um nur die Idee der Eliten zu sein. Deutschland und Frankreich seien aufgefordert, gemeinsam alles in den Dienst der Europäischen Union zu stellen. Einen Graben zwischen Deutschland und Frankreich darf es nicht geben.
Ich liebe Angela Merkel
Der französische Präsident hatte eine Rede vorbereitet, die kurz vor seinem Auftritt auch schon im Internet veröffentlicht war. Offensichtlich aus einer Bauchentscheidung heraus ließ er sie jedoch kurzerhand in der Tasche und hob zu einer emotionalen Freundschafts- und Sympathie-Bekundung an. Sie gipfelte in dem Bekenntnis: Ich liebe Angela Merkel. Der Bundeskanzlerin war nicht anzusehen, was sie davon hielt. In den vergangenen Monaten war es im deutsch-französischen Verhältnis zu Irritationen gekommen. Vor allem Sarkozys Alleingang zur Gründung einer Mittelmeerunion war in Berlin auf wenig Begeisterung gestoßen.
Merkel bedankte sich bei Sarkozy ausdrücklich - und in französischer Sprache - und versprach Deutschlands Unterstützung bei der am 1. Juli beginnenden französischen EU-Präsidentschaft. In ihrer Dankesrede sprach sie von der europäischen Einigung als einem Friedenswerk und Wunder. Nach Jahrhunderten gewalttätiger Auseinandersetzungen haben wir das kaum Denkbare geschafft - ein friedliches und freundschaftliches Miteinander in Europa. Das sei auch für andere Regionen der Welt ein Modell.
Europa war, ist und wird unser gemeinsames Schicksal sein, sagte Merkel. Den Willen, Europa zu gestalten, hätten die Mitglieder der EU im vergangenen Jahr bewiesen, indem sie mit dem Vertrag von Lissabon die Grundlage der EU erneuert hätten. Auf diesen Lorbeeren dürfe man sich jetzt aber nicht ausruhen: Wir sollten die Ärmel hochkrempeln und uns auf Politik konzentrieren, auf Ergebnisse und Lösungen die über die eigene Selbstbeschäftigung hinausgehen, sagte Merkel.
Ranghohe Politiker, bekannte Individualisten
Merkel ist die vierte Frau, die die renommierte Auszeichnung bekommt. Insgesamt ist sie die fünfzigste Trägerin des Karlspreises. Diese Zählung ist allerdings ungenau, denn die meisten Preisträger sind zwar Einzelpersonen, aber es wurde auch schon einmal ein ganzes Volk ausgezeichnet - die Luxemburger 1986 - oder auch eine Institution - die Kommission der Europäischen Gemeinschaften im Jahr 1969 - oder gar ein alltägliches Stück Europa - der Euro im Jahre 2002.
Doch jedes Mal geht es darum, eine europapolitische Leistung zu loben, anzustoßen oder einzufordern. Daher werden die Architekten und Baumeister Europas ausgezeichnet, jedoch auch die Hoffnungsträger und manche, von denen die Aachener mehr Verständnis und Anstöße für Europa erwarten. Dabei richtet sich der Blick des Karlspreisdirektoriums, das die künftigen Träger auswählt, seit langem auf die höchste Stufe der Politiker: Staatspräsidenten - gerne auch gekrönte Häupter -, Regierungschefs, Präsidenten der Europäischen Kommission, Nato-Generalsekretäre und allenfalls Parlamentspräsidenten.
Nachgeordnete Minister oder einzelne Kommissare haben kaum eine Aussicht auf den Preis, es sei denn, sie hätten eine Sonderstellung wie der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger (1989) oder der außenpolitische Beauftragte der EU, Javier Solana (2007). Individualisten werden nur dann geehrt, wenn sie europäisches Ansehen, zumindest Bekanntheit genießen wie der Philosoph Salvador de Madariaga (1973) und der Schriftsteller György Konrad (2001).
Eine konservative Auswahl
Doch die Entscheidungskriterien sind stets umfassender als lediglich die Sympathie für einen echten Europäer. In gewisser Weise hat der Preis eine geteilte Geschichte - vor und nach 1990. Es ist sein Vorzug, dass seine Verleiher in den Zeiten der Ost-West-Teilung nie opportunistisch waren und nicht das hohe Lied der Entspannungspolitik mit den kommunistischen Politikern gesungen haben, über die in den demokratischen Revolutionen 1989 die Zeit hinweggegangen ist.
Es gibt daher keinen Preisträger, den die Aachener nicht auch heute mit Stolz vorzeigen könnten. In diesem Sinne konservativ ist auch die Wahl der deutschen Karlspreisträger ausgefallen. 1954, im fünften Jahr nach der Gründung, erhielt der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, den Preis, 1961 folgte Walter Hallstein, Präsident der Kommission, 1977 Bundespräsident Walter Scheel, 1984 Bundespräsident Karl Carstens, 1988 Bundeskanzler Helmut Kohl und 1997 Bundespräsident Roman Herzog. Mit Ausnahme des Freien Demokraten Scheel waren sie allesamt CDU-Politiker, einschließlich der neuen Preisträgerin Merkel.
Das zeugt allerdings nicht von einer parteipolitischen Einseitigkeit der Aachener Bürgerschaft, in deren Namen der Preis vergeben wird, sondern liegt in der Art der Amtsführung der jeweiligen deutschen Bundeskanzler und Bundespräsidenten. Manchen war Europa eine vorgefundene Pflicht, anderen ein Herzensanliegen. Welche Maßstäbe der Weitsicht, Umsicht und Versöhnung nach dem Verständnis der wohl ältesten, dauerhaftesten und angesehensten Bürgerinitiative in Deutschland - eben der Aachener Karlspreisstiftung - den Ausschlag für ihre Wahl geben, lässt sich wohl am sichtbarsten an dem einzigen Außerordentlichen Karlspreis ablesen, der je vergeben wurde: an Papst Johannes Paul II.
Die Preisträger
1950 Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi. 1951 Hendrik Brugmans. 1952 Alcide de Gasperi. 1953 Jean Monnet. 1954 Konrad Adenauer. 1955Sir Winston S. Churchill. 1957 Paul Henri Spaak. 1958 Robert Schuman. 1959 George C. Marshall.
1960 Joseph Bech. 1961Walter Hallstein. 1963 Edward Heath. 1964 Antonio Segni. 1966 Jens Otto Krag. 1967 Joseph Luns. 1969 Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften.
1970 François Seydoux de Clausonne. 1972 Roy Jenkins. 1973 Don Salvador de Madariaga. 1976 Leo Tindemans. 1977 Walter Scheel. 1978 Konstantin Karamanlis. 1979 Emilio Colombo.
1981 Simone Veil. 1982 Seine Majestät König Juan Carlos I. von Spanien. 1984 Karl Carstens. 1986 Das Luxemburgische Volk. 1987 Henry A. Kissinger. 1988 François Mitterrand und Helmut Kohl. 1989 Frère Roger.
1990 Gyula Horn. 1991Václav Havel. 1992 Jacques Delors. 1993 Felipe González Márquez. 1994 Gro Harlem Brundtland. 1995 Franz Vranitzky. 1996 Königin Beatrix der Niederlande. 1997 Roman Herzog. 1998 Bronislaw Geremek. 1999 Anthony (Tony) Charles Lynton Blair.
2000 William Jefferson (Bill) Clinton. 2001 György Konrád. 2002 Der Euro. 2003 Valéry Giscard d'Estaing. 2004 Patrick Cox. 2005 Carlo Azeglio Ciampi. 2006 Jean-Claude Juncker. 2007 Javier Solana Madariaga. 2008 Angela Merkel.
Text: G.H./FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa
