Chinas Medienpolitik

Der Schimpfkanonaden genug

Von Petra Kolonko, Peking

14. Mai 2008 Es scheint, als wolle die chinesische Regierung nach der vielen Kritik, die sie in den vergangenen Wochen einstecken musste, in ihrer Informationspolitik nun alles besser machen. Über das große Erdbeben in Sichuan wird prompt und ausführlich berichtet. Anders als bisher steht nicht nur der heldenhafte Einsatz von Regierung und Volksbefreiungsarmee im Mittelpunkt. Vielmehr kommt in der Berichterstattung auch die Lage in der Katastrophenregion vor.

Auch dem Ausland gegenüber zeigt man sich wieder freundlich. Für Hilfsangebote dankte das Außenministerium. Man versprach sogar, ausländische Helfer ins Land zu lassen, wenn die Lage das erlaube. Das Kapitel „Tibet“, das die vergangenen Wochen beherrschte, möchte die chinesische Regierung jetzt gern abschließen. Dazu sollen Tiraden gegen den Westen abgestellt und der Nationalismus in seine Grenzen verwiesen werden.

Anwälte ziehen Klage gegen CNN zurück

Schon ein paar Tage vor dem Erdbeben war die Wende in der chinesischen Berichterstattung sichtbar geworden. Plötzlich hörten die Salven gegen die „Einseitigkeit“ der westlichen Medien über Tibet und den olympischen Fackellauf auf. Plötzlich waren CNN, BBC und ZDF nicht mehr Ziel von Leserbriefen und Zeitungskommentatoren. Chinas oberste Zensoren hatten offenbar befunden, dass es genug war der Schimpfkanonaden gegen Ausländer. Nun sollten sich die Bürger besser wieder ihrer Rolle als Gastgeber bei den Olympischen Spielen besinnen.

Amerikanische Anwälte, die von zwei Chinesen engagiert worden waren, um eine Klage gegen CNN wegen Verleumdung anzustrengen, zogen die Klage zurück. Sie sollten den amerikanischen Fernsehsender wegen einer Äußerung seines Kommentators Jack Cafferty belangen. Der hatte die Chinesen in einem Beitrag als eine Bande von Verbrechern bezeichnet und noch hinzugefügt, chinesische Produkte seien „Schrott“. Das Problem könne nicht durch eine Klage und Anwälte gelöst werden, hieß es nun von den Anwälten. Als Erklärung ihres Sinneswandels führten sie undefinierten „Druck“ an, dem sie sich plötzlich ausgesetzt gesehen hätten. Das habe sie bewogen, von der Milliarden-Klage – die Kläger wollen einen Dollar Entschädigung für jeden der 1,3 Milliarden Chinesen – Abstand zu nehmen.

Auch aus den Chatrooms im Internet verschwinden die bösesten Kommentare. Doch die große Kampagne gegen die westlichen Medien ist nicht gänzlich beendet. Wer sich immer noch über die Berichterstattung westlicher, auch deutscher Medien zum Thema Tibet und zum Olympischen Fackellauf aufregen möchte, kann dies weiterhin auf Webseiten wie www.anti-cnn.com tun. „Die westlichen Medien sind Lügner“, ist noch einer der freundlicheren Kommentare, der dort zu lesen ist. Morddrohungen gegen ausländische Journalisten, die dort auch zu sehen waren, sind gelöscht worden, doch die Beschimpfungen sind weiter zu lesen.

Nur wenige Chinesen sprechen Englisch

Doch es sind nicht nur die Chatrooms im Internet, die voller Kritik an „den“ westlichen Medien sind. Auch in Gesprächen mit politisch sonst nicht sonderlich engagierten Bürgern konnte man in diesen Tagen immer wieder hören, dass die westlichen Medien China nicht verstünden, falsch über China berichteten, oder dass sie das Land absichtlich verleumden wollen. Auf die Frage, wie man sich dessen so sicher sein könne, kam in der Regel der Hinweis, man habe es doch in der Zeitung gelesen oder im Internet gesehen. Und bei Nachfrage stellt sich dann heraus, dass damit nur chinesische Zeitungen und das chinesische Internet gemeint sind.

Die große Mehrheit der chinesischen Bürger hat noch nie BBC oder CNN gesehen. Das liegt nicht nur daran, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Chinesen Englisch beherrscht. Die Zensurbehörde hat festgesetzt, dass internationale Sender wie CNN, BBC oder auch die Deutsche Welle in China nur in ausgewählten Wohnvierteln und Häusern zu empfangen sind, wo mehrheitlich Ausländer wohnen. Und selbst dort wird der Bildschirm noch immer schwarz, wenn China-kritische Berichte gesendet werden.

Das einzige, was dann auch über den amerikanischen Sender CNN dem chinesischen Normalverbraucher jetzt bekannt ist, waren die Ausfälle des einen Kommentators und die von chinesischen Zeitungen verbreiteten CNN-Bilder mit falschen Bildzeilen, die prügelnde Polizisten in Nepal als Chinesen ausgaben. Doch eine ganze Sendung von CNN im Zusammenhang hat hier noch niemand gesehen, geschweige denn die Berichterstattung über China über längere Zeit verfolgt.

Sorgfältig gefiltertes Bild

Chinesische Bürger, die Regierungsverlautbarungen und Zeitungen lange nicht alles glauben und den Relikten der alten Staatspropaganda wie der „Volkszeitung“ und den Abendnachrichten des Staatsfernsehens schon längst den Rücken gekehrt haben, sind geneigt, denselben Medien jedes Wort zu glauben, wenn es um die Auslandsberichterstattung geht.

Chinas Bürger kennen die ausländische Presse und die dort vertretenen Meinungen in der Regel nur über ein sorgfältig gefiltertes Bild, das von den chinesischen Meinungsmachern verbreitet wird. Der chinesischen Zensur kommt dabei die Sprachbarriere zu Hilfe. Die wenigsten können ausreichend Fremdsprachen, um sich selbst direkt zu informieren. Deshalb verlassen sich die meisten verlassen auf Übersetzungen in der chinesischen Presse und im Internet. Somit können die Redakteure der Zensur geschickt manipulieren, über was und wie berichtet werden darf.

Die Hoheit über die Nachrichten aus dem Ausland und die Außenpolitik Chinas liegt bei der Nachrichtenagentur Xinhua. Alle Medien sind angewiesen, deren Berichten und Meinungen zu folgen. Noch bis in die neunziger Jahre waren Zeitungen, die übersetzte Auszüge aus der ausländischen Presse boten, wie etwa die „Cankao Xiaoxi“ nur als interne Publikationen den Parteifunktionären vorbehalten. Jetzt gibt es einige Zeitungen wie die halboffizielle „Global Times“, die fast ausschließlich aus der westlichen Presse zitieren und sich großer Beliebtheit erfreuen, galt doch bislang immer die Berichterstattung dort als umfassender und objektiver. Dort werden dann einzelne Zitate aus europäischen oder amerikanischen Zeitungen zusammengefügt, manchmal mehr, manchmal weniger ausführlich, auf jeden Fall aber sorgfältig ausgewählt.

Übertragung abrupt abgebrochen

Im Fall Tibet wurde wieder einmal deutlich, wie selektiv das Bild ist, das dort verbreitet wird. Über die westliche Kritik an China wurde viel und gern berichtet, aber nicht über die Hintergründe westlicher Kritik an der Tibet-Politik der chinesischen Regierung. Äußerungen der Exil-Tibeter bis hin zu einer Darstellung der Anliegen des Dalai Lama blieben den Chinesen unbekannt. Stattdessen gab es nur übersetzte Zitate, die in das von der chinesischen Regierung vorgegebenen Propagandaraster „separatistischer Bestrebungen“ und „Aufwiegelung zu Unruhen“ passten.

Die Filterung der Nachrichten aus dem Ausland ergibt zusammen mit der Zensur der heimischen Presse und des Internets eine zwar nicht allumfassende, aber sehr wirkungsvolle Kontrolle der Meinungen in China über das Ausland. Wie im Fall Tibet kann das zu erheblichen Missverständnissen zwischen China und dem Rest der Welt führen. Bald können sich diese Missverständnisse bei den Olympischen Spielen von Neuem auftun. Besucher der Spiele sollten sich nicht wundern, wenn ihnen auf ihre Kritik an den Zuständen in China nun „Lügen“ westlicher Presse entgegengehalten werden.

Unterdessen stößt auch die neue offene Informationspolitik über das Erdbeben schon an ihre Grenzen. Eine Pressekonferenz zur Lage im Katastrophengebiet wurde zwar vom chinesischen Fernsehen live übertragen. Als dort jedoch die unangenehme Frage gestellt wurde, ob es vor der Katastrophe nicht doch Warnungen gegeben habe und warum diese ignoriert worden seien, wurde die Übertragung abrupt abgebrochen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP