Von Roland Zorn
07. Januar 2008 Gescholten worden ist Ingo Steuer in den vergangenen Jahren oft und zu Recht. Die Akte des Chemnitzer Paarlauftrainers war nun einmal wegen seiner eifrigen Stasi-Zuarbeit befleckt, und darüber halfen auch dessen unbestreitbare Verdienste als Läufer und Trainer nicht hinweg. In Dresden hat der Coach des Meisterpaars Sawtschenko/Szolkowy am Sonntag nun unverhofft zurückgeschlagen.
Wie ein Oberlehrer seiner Zunft übte Steuer im Nachgang zur deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaft Kollegenschelte. Und das so deftig und eishart, dass die von seiner Erklärung vor allem getroffenen Knut Schubert und Udo Dönsdorf den wohlkalkulierten Ausbruch des erbosten Steuer nur als überaus unkollegial, ja, als unfreundlichen Akt einstufen mussten.
Donnerwetter! Da werden öffentliche Gelder verbrannt
Schubert, der Trainer der von Steuer abqualifizierten Paare Vartmann/Just und Wasiljewa/Wende, blieb fast noch höflich, als er auf die Attacke mit den Attributen unfair, unsportlich und niveaulos reagierte. Dönsdorf, den der Meistertrainer nicht zum ersten Mal namentlich kritisierte, war schon auf dem Weg zum Flughafen, als der empörte Sachse neue Nominierungskriterien für die Teilnahme an einer internationalen Meisterschaft einforderte. Wie ein Anwalt vom Bund der Steuerzahler brandmarkte er die aus seiner Sicht drohende Benennung auch nur eines der beiden Dortmunder Paare für die EM. Da werden öffentliche Gelder verbrannt.
Donnerwetter! Hier sprach einer, der in der Sache nicht nur unrecht hatte, als er für die Zukunft eine angemessene Vorleistung bei deutschen Titelkämpfen mit der Benennung für eine EM oder WM verquickte. Hier führte aber auch jemand das große Wort, der von dem Begriff Demut wohl noch nie etwas gehört hat. Denn egal, wie erfolgreich Steuers Arbeit für den Eiskunstlauf auch immer ist, so eindeutig wird ihm Schubert bei einer wahren Mutprobe für immer voraus sein: Der Berliner widerstand zu DDR-Zeiten den Anwerbeversuchen der Staatssicherheit, Steuer nicht.
Den Respektsbonus fast schon wieder verbraucht
So unangenehm im Ton wie der Chemnitzer über andere am Sonntag her zog, möchte man lieber nicht noch genauer als ohnehin schon wissen, mit welchem Engagement und welcher Professionalität er seine Bespitzelungsdienste seinerzeit zuverlässig erfüllte. Mit seiner schneidenden Anklage vom Sonntag hat Steuer aber nicht nur sich selbst ein weiteres Mal geschadet, sondern auch seinem Paar, dessen Vermarktungschancen auf dem Sponsorenmarkt angesichts eines solchen Wächters über die deutsche Paarlauftugend noch schwieriger zu realisieren sein dürften.
Der Respektsbonus, den Ingo Steuer nach all den Turbulenzen um seine Vergangenheit wegen seiner erstklassigen Arbeit mit seinem Weltklassepaar eben erst wieder angesammelt hatte, war am Sonntagabend fast schon wieder aufgebraucht. Wer so respektlos über diejenigen spricht, die auf einem anderen Niveau als dieser Meister ohne Kinderstube voranzukommen versuchen, kennt kein Toleranzgebot. Toleranz verlangt Steuer nur gegenüber sich selbst - das aber in ultimativer Form.
Text: F.A.Z., 08.01.2008, Nr. 6 / Seite 28
Bildmaterial: dpa
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