Staatssport in Deutschland

Auf Kosten des Vaterlandes

Von Michael Reinsch

Kampfstiefel und Sportschuhe: Einsatz für Deutschland

Kampfstiefel und Sportschuhe: Einsatz für Deutschland

07. März 2008 So viele Spitzensportler wie noch nie trainieren für Ruhm und Ehre des Vaterlandes - und zugleich auf seine Kosten. 1009 Athleten sind in den Sportfördergruppen von Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll beschäftigt. Die Tendenz ist steigend. Wird der Staat der Verantwortung gerecht, junge Menschen dazu aufzufordern, sich für einige Jahre ihres Lebens auf den Sport zu konzentrieren?

„Früher haben wir das angeprangert“, sagt Helmut Digel, Soziologieprofessor in Tübingen und ehemaliger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes: „Jetzt haben wir de facto einen Staatssport. Eigentlich passt das eher zu totalitären Systemen wie China und Russland, und von dort kommt es ja auch.“ Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), widerspricht: „Es gibt keinen Staatssport. Es gibt einen autonomen Sport.“ Dieser sei sehr dankbar dafür, dass talentierte Sportler nach der Schule nicht mehr vor der Frage stünden, entweder eine Ausbildung zu beginnen oder Spitzensport zu treiben. „Die duale Karriere ermöglicht beides“, sagt Vesper.

„Nach der Karriere praktisch Müll“

Mädchen in Uniform: Biathletin Kati Wilhelm mit Sylke Otto (l) und Silke Kraushaar (r)

Mädchen in Uniform: Biathletin Kati Wilhelm mit Sylke Otto (l) und Silke Kraushaar (r)

Digel dagegen wirft dem Sport vor, dass er nicht wenige Athleten am Ende ihrer Laufbahn in ein Loch fallen lasse. „Eine Katastrophe“, sagt er. „Nach der Karriere sind viele für ihren Verband praktisch Müll.“ Damit rührt der Wissenschaftler an ein Tabu. Er wirft den Hochschulen Deutschlands vor, zu wenig für Spitzensportler zu tun. „Wer völlig versagt“, schimpft er, „ist die Wirtschaft. Sie hat bisher keinen Beitrag geleistet.“ Digel geht so weit, den Staat aufzufordern, den Universitäten Sportförderung zu ermöglichen und Unternehmen dazu zu bringen, sich nicht nur des Sports zu bedienen, sondern ihm auch Ausbildungsplätze für Athleten abzuverlangen.

Vesper dagegen glaubt, der Beitrag der Wirtschaft werde übersehen, da er nicht zentral geleistet werde. Man kann ihn, den ehemaligen Wehrdienstverweigerer und grünen Minister, durchaus für listig halten, dass er seinen Teil dazu beitrug, dass Parlament und Regierung im Herbst überraschend die Sportförderung mittels Bundeswehr um 3,4 Millionen Euro aufstockten. Minister Franz Josef Jung hat in dieser Woche dem DOSB schriftlich gemeldet, dass er in diesem Jahr die Rekordzahl von 824 Spitzensportlern beschäftigen kann. Ohne weiteren Zuschuss, verspricht er, werde er bis zu den Spielen 2012 in London 744 Planstellen bereithalten. Die Bundeswehr gibt an, dass sie sich die Sportförderung bisher 25 Millionen Euro hat kosten lassen, pro Jahr.

Rund hundert Millionen Euro

Die Bundespolizei von Innenminister Wolfgang Schäuble hat inzwischen zwei Sportfördergruppen von beachtlicher Stärke. 84 Wintersportler sind in Bad Endorf stationiert sowie 61 Leichtathleten, Judoka und Radrennfahrer in Cottbus. Aus diesen 143 sollen mittelfristig 180 Athleten im Polizeidienst werden. Die Sportfördergruppe von Finanzminister Peer Steinbrück, das Zoll-Ski-Team, hat vierzig Mitglieder. Ehemalige Sportsoldaten betreiben zudem ihre Olympiavorbereitung als Reserveübung. Auf bis zu 180 Tage hat der Verteidigungsminister die Zeit verdoppelt, für die er Verdienstausfall zahlt. Sie wird für Trainingslager und Qualifikationswettkämpfe genutzt.

Kein Wunder, dass der Bund der Steuerzahler mangelnde Transparenz beklagt. Der Bundesrechnungshof, der sich jüngst mit Kritik der Sportförderung des Bundes heftigen Angriffen aussetzte, hat die Summe in einem Gutachten auf rund hundert Millionen Euro geschätzt. Der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert (SPD), rechnet mit doppelt so viel. „Wer Gutes tut, braucht das nicht zu verstecken“, heißt es vom Bund der Steuerzahler.

„Die Athleten sind in einem Dilemma“

Zum Engagement des Bundes kommt das sehr viel größere von Ländern und Gemeinden. Auch sie stecken neuerdings Spitzensportlerinnen und -sportler in Uniform. 98 Stellen stehen in Fördergruppen der Polizei von Thüringen (51), Hessen (34), Niedersachsen (9) und Rheinland-Pfalz (4) zur Verfügung. In Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen sollen solche Einheiten entstehen. Originell ist der Weg, den Brandenburg eröffnet: Fünfzehn Plätze sind an der Landes-Feuerwehrschule Eisenhüttenstadt Spitzensportlern reserviert.

Hauptfeldwebel Hackl: Der “Schorsch“ spielt die erste Geige

Hauptfeldwebel Hackl: Der "Schorsch" spielt die erste Geige

Polizei und Zoll bieten Athleten an, schon während ihrer sportlichen Laufbahn Beamte zu werden, ihre Karriere mit einer Ausbildung zu verbinden und schließlich sogar zu studieren und in den höheren Dienst aufzusteigen. Eine Meldung zu diesem Thema aus dem Hause Schäuble kann man durchaus als Kritik an überholten Methoden der Sportförderung lesen. Es sei nicht zu verantworten, heißt es, „lediglich die sportlichen Fähigkeiten junger Menschen auszunutzen, ihnen aber keine berufliche Perspektive zu geben“.

Das System belohnt den Tunnelblick

Die Bundeswehr ist nicht genannt. Vielleicht ist sie auch nicht gemeint. Aber handelt sie verantwortungslos? Athleten, die zur Polizei gehen, werden Polizisten. Athleten die zur Bundeswehr gehen, werden in den seltensten Fällen Soldaten. Jeder im Sport kann von Athleten berichten, die am Ende ihrer Karriere, womöglich mit Mitte dreißig, aus allen Wolken fielen, als sie realisierten, dass es ein Leben nach dem Sport gibt.

Bundesadler auf der Brust: Skilangläuferin Claudia Nystad

Bundesadler auf der Brust: Skilangläuferin Claudia Nystad

„Die Athleten sind in einem Dilemma“, sagt Digel. „In ihrer Umgebung wird Ausschließlichkeit gefordert, und zugleich sollen sie an ihre Zukunft denken.“ Es ist kein Geheimnis, dass gerade junge Athleten nicht selten die Zeit bei der Bundeswehr als Chance verstehen, sportlich weiterzukommen, und diese mit aller Konsequenz und Ausschließlichkeit nutzen. Das ist nicht ohne Risiko. Christian Breuer, der die Athleten im Präsidium des DOSB vertritt, kennt das Problem. „Es liegt nicht im Naturell eines jeden, sich fortzubilden“, sagt er. Es ist gewiss kein Zufall, dass der ehemalige Eisschnellläufer Polizist ist.

Kein Athlet soll in Konflikte geraten

Das System belohnt den Tunnelblick. Stellen bei der Bundeswehr werden nur an Kaderathleten vergeben. Wen der Verband aus dem Kader wirft, der verliert auch seine Stelle in einer Sportfördergruppe. Weibliche Athleten werden zum Einstieg immerhin Zeitsoldatinnen für zwei Jahre, männliche rücken zunächst als Wehrpflichtige für neun Monate ein. Topathleten wie Olympiasieger können auch schon mal einen Vierjahresvertrag bekommen. Grundsätzlich aber gilt: Der sportliche Leistungsauftrag muss Jahr für Jahr erfüllt werden. Jeder Saisonhöhepunkt ist eine Bewährungsprobe. Wer sie nicht besteht, muss gehen.

Geld und gute Worte: Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung mit den Rodlerinnen Sylke Otto und Silke Kraushaar

Geld und gute Worte: Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung mit den Rodlerinnen Sylke Otto und Silke Kraushaar

Die berufliche Ausbildung besteht in der Truppe zunächst in Unteroffiziers- und Feldwebel-Lehrgängen - und ist nicht obligatorisch. Eine Karriere als Offizier oder das Studium an einer Hochschule der Bundeswehr oder einer externen Universität sind nicht vorgesehen. Kein Athlet soll in Konflikte geraten, wenn sowohl eine Meisterschaft als auch eine Klausur seine Präsenz erfordern.

Geld für Kurse und Weiterbildung

Es bewege sich etwas, heißt es lobend über die Bundeswehr. Sie erlaubt ihren Athleten Fern- und speziell für Spitzensportler entwickelte Modul-Studiengänge. Zusätzlich zur Ausbildung zum Bürokaufmann, die sie ermöglicht, basteln Bundeswehr und die Stiftung Deutsche Sporthilfe an einem Ausbildungsgang zum Lehrberuf Sportfachmann. Wie allen Zeitsoldaten erwächst auch Sportlern im Laufe ihrer Dienstzeit Anspruch auf Berufsförderung: zunächst Geld für Kurse und Weiterbildung, nach acht Jahren zudem Zeit. Wer acht Jahre dient, hat Anspruch auf Förderung während der letzten fünfzehn Monate seiner Dienstzeit und auf zwei Jahre darüber hinaus. Mehr als zwanzig Spitzensportler werden sich nach Peking in solche Maßnahmen verabschieden.

Dennoch nutzten viel zu wenige Sportler die Berufsförderung der Bundeswehr, sagt Sven Baumgarten von der Sporthilfe. „Das ist nicht die Schuld der Bundeswehr, sondern eher ein individuelles Versäumnis.“ Baumgarten ist im Verbund mit Karriereberatern darum bemüht, Sportlern trotz dreißig Stunden Training pro Woche eine berufliche Perspektive aufzuzeigen. Von den rund 150 Nachwuchs-Elitesportlern verlangt er deshalb im Austausch für besondere Fördermaßnahmen eine duale Karriereplanung - schriftlich. Ein bisschen sei das wie ein Vierjahresplan, sagt Athletensprecher Breuer. Aber es ist wohl notwendig. „Wir machen das Thema allen viertausend geförderten Athleten immer wieder zugänglich“, sagt der Mann von der Sporthilfe. Baumgarten gibt sich selbstkritisch: „Aber vielleicht ist das ein zu sanfter Weg.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Soll Michael Schumacher sein Formel-1-Comeback geben?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche