Von Jörg Hahn
14. März 2008 Ich habe hart daran gearbeitet, sagt Wolfgang Steiert. Mit diesem Satz zielt der Nationaltrainer der russischen Skispringer nicht auf die gute Saisonbilanz oder die Fortschritte seit seinem Amtsantritt zum Jahreswechsel 2004/2005. Der 44 Jahre alte Schwarzwälder meint damit die bevorstehende Verpflichtung des Schweizers Berni Schödler, der bei den Russen eine Art Superressort übernehmen wird: Von der Sichtung und Förderung der Talente über die Aus- und Weiterbildung der Trainer, die Sportstättenentwicklung bis hin zu sportpolitischen Themen soll das Aufgabengebiet des 36 Jahre alte Engadiners reichen.
An Talenten und an Begeisterung mangelt es in Russland nicht, wohl aber an Strukturen für Spitzenergebnisse im Skispringen. 2000 Kilometer von Moskau entfernt ist die Infrastruktur tot, sagt Steiert nach seinen vielen Reisen durch das Riesenland salopp. Die Sportförderung funktioniert noch immer nach dem alten sozialistischen Muster: viele Medaillen, viel Geld - keine Medaillen, kein Geld. Die Talentfindung läuft nach dem Prinzip Zufall. Es gibt motivierte Leute, denen aber die Anleitung fehlt. Und der russische Verband für Skispringen und Nordische Kombination ist auch noch finanzschwach.
Der weitere Trainer geht auf meine Kappe
Trainer Steiert hat nicht nur Schödler nach Russland mitgebracht, sondern obendrein Geld - das des fränkischen Naturheilmittel-Unternehmers Professor Michael Popp (Bionorica AG), der schon seit drei Jahren Sponsor ist. Inzwischen ist mit Gasprom ein zweiter Finanzier an Bord. Wir haben die Zusammenarbeit mit hundert Prozent Risiko gestartet, sagt Popp. Ich gehe nach Gesprächen davon aus, dass Gasprom das Engagement ausweiten wird. Aber der weitere Trainer geht zunächst auf meine Kappe.
Die Entscheidung von Schödler, der Simon Ammann 2002 zum Doppel-Olympiasieger machte und noch den Nachwuchs seiner Heimat betreut, das Angebot Popps anzunehmen, wird die Szene überraschen. Bis zuletzt war der Schweizer als möglicher Nachfolger von Peter Rohwein als Bundestrainer im Deutschen Skiverband (DSV) gehandelt worden - und es gab weitere Offerten für ihn. Wenn man fünf Angebote hat, ist klar, dass man am Ende vier ablehnen muss, sagt Schödler. Er habe mit mehreren Seiten tolle Gespräche geführt.
Steiert blickt gespannt auf das Jahr 2010
Schließlich habe er sich von einem sportlich, menschlich und kulturell sehr spannenden Projekt mitreißen lassen. Ich springe nicht dem Geld hinterher. Es ist eine faszinierende Chance, in meinem Trainerberuf Vollgas zu geben. Die sehr emotionale Entscheidung trage seine Familie mit. Lange Abwesenheiten werden mehr denn je zu seinem Job gehören. Mit diesem Angebot kann ich mich identifizieren, sagt der Schweizer, der sich für so sprachbegabt hält, in absehbarer Zeit Russisch zu lernen. Es ist meine Art, Aufbauarbeit zu leisten, meint Schödler. Und in Russland geht eine neue Tür für mich auf. Die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi am Schwarzen Meer seien ein unheimlicher Motor.
Steiert blickt gespannt auf das Jahr 2010, wenn die ersten beiden weltcuptauglichen Schanzen in Russland stehen sollen. Wenn wir nicht mehr in Mittel- oder in Nordeuropa trainieren müssen, wenn wir in Russland trainieren und auch große Wettkämpfe bestreiten können, wenn wir dort Erfolge feiern, dann werden sich fürs Skispringen die Räder so richtig drehen, glaubt der Deutsche.
Da kann noch so viel passieren
Vorerst fühlt sich der Unternehmer Popp oft noch wie ein Mäzen, der den Athleten außer der Reihe Geld zusteckt, wenn er sieht, was ihnen bisweilen alles fehlt. Weil er auch das Nürnberger Eishockey-Profiteam Sinupret Icetigers unterstützt, kann er beurteilen, wer viel hat und wer wenig: Die Skispringer sind nette Jungs, die wirklich nicht verwöhnt sind. Dass Russland für sein Unternehmen ein wichtiger Markt ist, bestreitet er nicht. Aber auf Sotschi 2014, auf die olympischen Ringe, schiele er überhaupt noch nicht. Es ist ja schon schwierig, in einem Businessplan für drei Jahre zutreffende Vorhersagen für das dritte Jahr zu machen. Und in den sechs Jahren bis zu den Winterspielen kann noch so viel passieren.
An Steiert gefällt dem Naturwissenschaftler die Art, den Dingen auf den Grund zu gehen, und der Mut, von klein auf etwas aufzubauen. Darin ähnelt er mir als Unternehmer. Steiert will neue Dimensionen erreichen, er hat Visionen, und dafür habe ich ihm einen Vertrauensvorschuss gegeben. Als Steiert nach seinem Intermezzo als DSV-Bundestrainer im Herbst 2004 Knall auf Fall abgelöst wurde, erschien vielen der Wechsel nach Russland als endgültiger Abstieg. Mittlerweile belächelt ihn niemand mehr. Schödler bescheinigt den Russen eine große Entwicklung. Es ist eine interessante Nation.
Mit der Personalie Schödler ist Steiert pünktlich zum Weltcupfinale in Planica an diesem Wochenende ein Coup gelungen, der bestens zur Philosophie des Geldgebers passt: Wenn wir was machen, dann machen wird es richtig. Sonst lassen wir es sein.
Text: F.A.Z., 15.03.2008, Nr. 64 / Seite 36
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