Von Roland Zorn, Göteborg
20. März 2008 Sie haben sich nicht frenetisch umarmt wie Gesangsgruppen, die gerade den Eurovision Song Contest gewonnen haben. Sie sind auch im Augenblick ihres bisher größten Sieges nicht zum Jubelpaar, außer sich vor Freude, geworden. Mit ihrem Trainer Ingo Steuer fingen Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy gerade erst wieder an zu reden, nachdem der sie einen Tag lang demonstrativ mit Missachtung gestraft hatte.
Wie sie da in der sogenannten Kiss-and-Cry-Ecke saßen, wo Tränen der Begeisterung und Tränen der Enttäuschung zu fließen pflegen, blieben sich die beiden Chemnitzer Paarläufer und ihr Eislauflehrer am späten Mittwochabend im Scandinavium zu Göteborg treu. Sie umarmten sich kurz und genossen danach leise den Gewinn ihres ersten Weltmeistertitels im Eiskunstlauf.
Hier hätte am Ende alles umsonst sein können
Wir sind da nicht so herumgehoppelt, beschrieb Szolkowy den Moment, da das Paar seinen Triumph vor den Chinesen Zhang/Zhang und den Kanadiern Dube/Davison schriftlich hatte, wir haben eher wie Erwachsene gefeiert. Dabei war der 24 Jahre alten blonden Dynamikerin Sawtschenko, die in Kiew geboren wurde und seit dem Dezember 2005 Deutsche ist, die Erleichterung ebenso unschwer anzusehen wie ihrem 28 Jahre alten Partner mit tansanischen Familienwurzeln.
Geradezu erschöpft sah neben den beiden der Trainer aus, der 1997 selbst an der Seite von Mandy Wötzel Paarlauf-Weltmeister geworden war. Steuer hatte noch am Abend zuvor auf Risiko gesetzt und seinem Paar die kalte Schulter gezeigt, nachdem Sawtschenko/Szolkowy im Kurzprogramm zweimal gepatzt hatten und am Ende nur Zweite hinter Zhang/Zhang gewesen waren. Ich war noch nie der sanfte Typ, sagte Steuer nach einem Tag der Sprachlosigkeit, hier hätte am Ende alles umsonst sein können, und das sollten die beiden rechtzeitig spüren.
Steuer jetzt wie Beckenbauer und Heiner Brand
Das Ergebnis und nichts anderes gab Ingo Steuer recht, der sich nach der Kurzkür beleidigt auf sein Zimmer zurückgezogen hatte und auch beim Abschlusstraining am frühen Morgen danach noch nicht wieder aufgetaut war. Doch die eisige Atmosphäre legte sich wie so oft rechtzeitig in der Chemnitzer Kufen-Gemeinschaft, die ihren Weg oft streitig sucht, in der Steuer und Sawtschenko keiner Auseinandersetzung aus dem Wege gehen und Szolkowy als ruhender Pol wertvolle Vermittlerdienste leistet.
Letztendlich geht es um den Erfolg, sagt der 41 Jahre alte Sachse, der nun wie die ungleich populäreren Franz Beckenbauer im Fußball und Heiner Brand im Handball als Sportler und Trainer Weltmeistertitel miteroberte.
Ich bin immer bestrebt, meinem Paar zu helfen
Steuer, der wegen seiner Stasi-Vergangenheit und seines Dauerzoffs mit der Deutschen Eislauf-Union (DEU) als schwieriger Typ gilt, gab sich in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag bei einer kleinen Siegesfeier der DEU ohne das in Göteborg komplett fehlende Präsidium wieder so entspannt und freundlich wie er am Sonntag mit seinem bestens vorbereiteten Paar in Göteborg angekommen war.
Ich bin immer bestrebt, meinem Paar zu helfen, sagte er, und letztendlich ist mir das auch stets gelungen. Selbstzweifel lässt der Trainer Steuer nicht zu. Mensch, Ingo, sagt er sich indes schon mal selbstkritisch, wenn er wieder eine seiner undiplomatischen, unverblümten Meinungen über andere preisgibt. Immerhin räumte er, als alles gutgegangen war, ein, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass sein Paar mit Patzern in die zwei WM-Wettkampftage starten würde.
Kampf ist das Markenzeichen von Aljona und Robin
Es hat ja im Training immer alles funktioniert, sagte er und dachte an seine Zeit als Spitzensportler, in der Ingo Steuer das, was er konnte, auch auf Abruf zeigte. Wie der kühle Analytiker, der seinem Paar kunstvoll ausgetüftelte Küren einimpfte, mitfiebert, konnte am Mittwoch jeder mitbekommen. Der Sachse tigerte an der Bande auf und ab und lieferte fast eine eigene Pantomime zum Programm seiner Meisterschüler mit.
Und diesmal sparte der Chef nicht an Lob für sein Paar, das mit mehr Stilgefühl, mehr Prägnanz und mehr Persönlichkeit als die Konkurrenz den Trend im internationalen Paarlauf bestimmt. Aljona und Robin sind belohnt worden, weil sie gekämpft haben. Kampf ist ihr Markenzeichen.
Ein erster Schritt in Richtung Winterspiele 2010
Hätten sie nicht um ihre Chance nach den Erfahrungen in der Kurzkür gefightet, der Traum vom ersten WM-Titel wäre am Mittwoch laut geplatzt. Schließlich mussten sich die zwei nach einem von ihr beinahe und ihm komplett zu Fall gebrachten Dreifachsalchow wieder aufrappeln, um in Windeseile zu Weltniveau zurückzufinden.
Für den Bruchteil einer Sekunde habe ich geglaubt, Mist, das war unsere Medaillenchance, sagte Szolkowy im Nachhinein. Doch das Paar, das im Dezember auch die Grand-Prix-Serie gegen stärkste Konkurrenz gewann und nur einen einzigen Wettkampf in dieser Saison (gegen Zhang/Zhang) verlor, besitzt längst die Klasse, Rückschläge auffangen zu können. Göteborg sei, so Aljona Sawtschenko, ein erster Schritt in Richtung Olympische Winterspiele 2010 gewesen.
Wir haben gerade erst angefangen zu laufen
In Vancouver soll die Goldmedaille aller Goldmedaillen die heute schon glänzende Trophäensammlung der beiden überstrahlen. Die Perfektionistin war, rein sportlich gesehen, mit ihrem Auftritt in Schweden gar nicht besonders zufrieden. Wir haben noch viel Potential, in uns steckt noch viel. Eigentlich haben wir gerade erst angefangen zu laufen.
So sprach eine Weltmeisterin, die seit dem Sommer 2003 mit Szolkowy ihr Sportlerglück gesucht und gefunden hat, die, wie sie sagt, immer schon für Deutschland laufen wollte und mit ihrem Partner bereits zwei Europameistertitel (2007 und 2008) gewonnen hat. Die vierten deutschen Paarlauf-Nachkriegsweltmeister nach Kilius/Bäumler (1963/1964), Baeß/Thierbach (1982) und Wötzel/Steuer (1997) haben das Zeug dazu, noch erfolgreicher zu sein.
The Winner Takes It All - Das war cool
An ihrem Ehrgeiz werden ihre Projekte Gold nicht scheitern - und an ihrem Trainer nur dann, wenn der es mit seiner Strenge übertreibt. Göteborg, das war am Dienstag und Mittwoch beim Training schon sehr schwer, gab Weltmeisterin Sawtschenko zu, die Nerven lagen am Ende blank. Zum Schluss eines langen Tages aber war sie dann doch glücklich und erschöpft zugleich.
Mit Abbas Klassiker The Winner Takes It All verließen Sawtschenko/Szolkowy das Siegerpodest im Scandinavium - ein Hit, den sie noch sehr oft hören möchten wie die deutsche Nationalhymne, die ihnen diesmal ein gemischter schwedischer Chor vorsang. Das war cool, sagte Aljona Sawtschenko später, als ihre Augen wieder blitzten statt feucht zu glänzen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa
