Vierschanzentournee

Sumo-Ringer und Zahlenmensch

Von Christiane Moravetz

03. Januar 2008 Bis jetzt „ist das Geld immer gewandert“. So viel kann Michael Neumayer also gar nicht falsch gemacht haben - und warum vertrauen ihm die Mannschaftskollegen trotzdem nicht? Das Finanzamt hat seine Steuererklärung noch nie beanstandet, aber weder Martin Schmitt noch Michael Uhrmann oder einer der anderen deutschen Skispringer lässt sich von dem ausgebildeten Steuerfachgehilfen Neumayer beraten.

Vielleicht ändert sich das, wenn er erst einmal Betriebswirt ist, sein Studium abgeschlossen hat. Die Tests im Wahlfach Französisch für Anfänger („Das dürfte kein Problem sein“) und Wirtschaftsmathematik („Da bin ich leider schon zweimal durchgefallen“) stehen im kommenden Sommer an der Fachhochschule Kempten als letzte von 18 geforderten Prüfungen an, dann geht es ans Diplom. In zwei Jahren soll Schluss sein, vielleicht wird er dann Steuerberater, wie der Vater. „Mit Zahlen zu hantieren macht mir einfach Spaß.“

Erst mit 13 zum ersten Mal gesprungen

Im Sommer ist Michael Neumayer ein ganz normaler Student, „der anwesend ist, lernt, Prüfungen schreibt“ für das Leben nach dem Sport - denn „das ist viel wichtiger“. Im Winter schafft er maximal zwei Tage Vorlesungen pro Woche, der Rest ist Leistungssport, mindestens genauso harte Arbeit. Und die ist am Neujahrstag belohnt worden - Neumayer ist angekommen in der Weltelite der Skispringer. Als er auf Platz drei des Siegerpodestes beim zweiten Wettbewerb der Vierschanzentournee stand, als Fünfter der Gesamtwertung, lief es ihm kalt den Rücken hinunter, „es hat mich gefröstelt“. Er sah seine sich ehrlich freuenden Mannschaftskollegen und musste doch mehr als ein Jahr zurückdenken, als er die Saison mit gerissenem Kreuzband schon beim zweiten Wettkampf hatte beenden müssen.

Vielleicht hätte er es ohne die Verletzung schon früher so weit nach oben geschafft - schließlich ist er mit knapp 29 Jahren kein junger Hüpfer mehr. Der war er strenggenommen ohnehin nie. Als Dreizehnjähriger machte er seinen ersten Sprungversuch. „Erst mit 18, 19 Jahren habe ich erfasst, dass Skispringen ein Leistungssport ist.“ Neumayer hat nicht die übliche Wanderung durch die Kader des Deutschen Skiverbandes hinter sich. Mit 21 Jahren wurde er zum ersten Mal in eine Mannschaft aufgenommen. „Das ist sicher einmalig in Deutschland.“ Er gewann den B-Weltcup und hatte das Gefühl, es könne auch im A-Weltcup gut laufen. Doch die Erfolge blieben aus, Neumayer flog aus allen Kadern. „Da habe ich noch mehr Biss bekommen“, sagt er, „mich voll reingehängt.“

Schlechte Haltung vermasselte Olympia-Medaille

Er ist ein Mann für große Sätze. Bei den Olympischen Spielen in Turin zum Beispiel gingen nur zwei Sprünge der gesamten Konkurrenz weiter als seine beiden; Neumayer wurde Achter - wegen schlechter Haltungsnoten. „Ich bin sicher einer der besten Abspringer“, sagt er von sich selbst. Auf dem Boden der Skisprung-Realität anzukommen bereitet ihm größere Schwierigkeiten, und da verliert er wertvolle Punkte.

Der geforderte Telemark-Aufsprung - einen Fuß im Ausfallschritt vor den anderen gesetzt - ist nicht Neumayers Markenzeichen. Er hat in den vergangenen beiden Jahren Fortschritte gemacht, scheinbar unbemerkt oft noch von den Kampfrichtern. Noch immer bewegen sich seine Haltungsnoten unter denen vergleichbarer Sprünge. „Den guten Namen muss ich mir erst erarbeiten, weil ich für den schlechten Namen schon fünf Jahre gearbeitet habe“, sagt er achselzuckend.

Er isst, was ihm schmeckt

Neumayer kam auf seinem Weg nach oben der Internationale Skiverband zu Hilfe, der durch engere Anzüge und vor allem durch die Einführung des Body Mass Index (BMI) die leichten Überflieger vom Himmel holte und der Athletik einen größeren Stellenwert einräumte. „Wenn der BMI nicht eingeführt worden wäre, würde ich jetzt nicht hier sitzen, dann wäre ich kein Skispringer mehr“, sagt er. Neumayer isst, was ihm schmeckt, „im Sommer schon ein bisschen mehr als im Winter“. Sein Gewicht bewegt sich zwei, drei Kilogramm über dem niedrigsten zulässigen. „In Skispringerkreisen bin ich als Sumo-Ringer bekannt“, lacht er.

Diese gute Laune schätzt auch Bundestrainer Peter Rohwein: „Michael ist ein lustiger, ungezwungener und gutaussehender Typ, mit ihm ist gut umzugehen“, sagt er. Der dritte Platz von Garmisch-Partenkirchen hat die Diskussion um Rohweins Posten ein wenig in den Hintergrund rücken lassen. „Wir können versuchen, den Schwung mitzunehmen“, sagte auch Martin Schmitt, als 16. der Zwischenwertung der Vierschanzentournee zweitbester Deutscher. „Aber jeder muss seine Hausaufgaben selber machen.“

„Jeder hat das Smiley draufgehabt“

Immerhin zauberte Neumayer mit seinem Erfolg ein Strahlen in Gesichter, die noch vor Tagen beinahe traurig ausgesehen hatten. „Jeder hat das Smiley draufgehabt“, stellte Neumayer fest. Eine freilich schaffte es, dass auch ihm wieder das Lachen verging: Carolin Otterbein, die Physiotherapeutin der deutschen Skispringer, lässt seinem Knie zweimal täglich eine besondere Behandlung zukommen, „und die ist nicht zimperlich, die packt ganz schön zu“. Da verzieht er dann schon mal das Gesicht. Aber selbst das kann Michael Neumayer jetzt nicht mehr aus der Bahn werfen: „Das trägt man mit Würde.“



Text: F.A.Z., 03.01.2008, Nr. 2 / Seite 28
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

 
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