Eiskunstlauf-WM

Die Zeit des Hochdienens ist vorbei

22. März 2008 Die Zeit der Erbhöfe und verkrusteten Hierarchien ist im Eistanz vorbei. Fast ungläubig schauten sich die neuen Weltmeister Isabelle Delobel und Olivier Schoenfelder, die zweitplazierten Kanadier Tessa Virtue und Scott Moir sowie Jana Chochlowa und Sergej Nowitzki aus Russland, Gewinner der Bronzemedaille, bei der Siegerehrung um. Keiner von ihnen hatte jemals eine WM-Medaille gewonnen, eine solche Konstellation gab es bei Welttitelkämpfen zuletzt vor 33 Jahren.

„Das ist gut für uns alle, es gibt eine neue Eistanz-Generation. Das neue Wertungssystem erlaubt einen schnelleren Aufstieg. Ich glaube, das wird in Zukunft öfters passieren“, prophezeite Schoenfelder, mit seiner Partnerin dessen ungeachtet ein Repräsentant der scheinbar überwundenen Eistanz-Zeiten, als sich jedes Paar mühsam hochdienen musste. Auch die Ex-Europameister brauchten noch elf Anläufe bis zum Weltmeistertitel.

Bewegung in der einstmals betonierten Eistanz-Szene

Mit zeitlicher Verzögerung gegenüber den Einzeldisziplinen und dem Paarlauf hat das seit 2004 gültige reformierte Wertungssystem nun auch Bewegung in die einstmals betonierte Eistanz-Szene gebracht. Wo früher bereits nach dem Pflichttanz praktisch feststand, wer die Medaillen gewinnen würde, werden nun im Originaltanz und vor allem auch in der Kür die Karten jedesmal neu gemischt. Und so lag am Ende von 24 Tanzpaaren nur ein einziges in allen drei Wettbewerbsteilen auf dem gleichen Platz.

Dieser Wandel nährt auch die Hoffnung der neuen Vize-Weltmeister Virtue/Moir, schon bei den Weltmeisterschaften 2009 in Los Angeles, spätestens jedoch bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver, die Franzosen vom Thron zu stoßen. „Wir sind sehr, sehr motiviert für die nächsten beiden Jahre“, sagte der erst 20 Jahre alte Moir mit angriffslustig funkelnden Augen.

„Nelli und Alexander rennt die Zeit weg“

Fokussiert auf Olympia sind auch Nelli Ziganschina und Alexander Gazsi, doch auf dem Weg zu einer Teilnahme an den Spielen türmen sich vor den letztjährigen deutschen Meistern gleich zwei große Hindernisse auf. Der 20. Platz im Scandinavium von Göteborg war im Vergleich zum Vorjahr (Rang 18) ein sportlicher Rückschritt, zudem dürfte es schwierig sein, die für Chemnitz startende Russin Ziganschina rechtzeitig vor Vancouver mit dem zwingend notwendigen deutschen Pass auszustatten. Bislang allerdings hat die knapp 21-Jährige, die mit ihrem Berliner Partner in Moskau trainiert, nicht einmal eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland.

Und selbst mit Blick auf die neue Durchlässigkeit auf den Ergebnislisten müssen sich die deutschen Vize-Meister binnen 24 Monaten signifikant verbessern, um die Olympia-Norm - Rang zehn bei den Europameisterschaften 2010 in Tallinn - zu erfüllen. Sogar Udo Dönsdorf, Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union (DEU), plagen diesbezüglich Zweifel: „Nelli und Alexander rennt ein bisschen die Zeit weg, das wird ganz knapp.“



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

 
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