Von Christiane Moravetz, Innsbruck
04. Januar 2008 Das ist, als ob Weihnachten für Kinder ausfallen würde. An Toni Innauer, dem Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), zerrte nicht nur der Sturm, als er die Absage des dritten Springens der Vierschanzentournee am Bergisel kommentieren musste; es tue ihm im Herzen weh, sagte der Vorarlberger, der sich auch als Innsbrucker fühlt.
Transparente wurden eingerollt, Tröten und Trompeten weggepackt, Kuhglocken hielten still, als sich die Skisprung-Fans - das 21.000 Zuschauer fassende Stadion am Bergisel war ausverkauft - vom Wind getrieben auf den Fußweg hinunter in die Stadt machten. Zum ersten Mal seit Beginn der alljährlich wichtigsten Serie der Skispringer im Januar 1953 fiel dieses Springen aus. Ausgerechnet auf ihrer Lieblingsschanze durften weder die österreichischen Favoriten Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern noch die anderen 73 gemeldeten Athleten abheben. Der Föhnsturm, der seit Donnerstag über Innsbruck tobte und am Bergisel Geschwindigkeiten bis 16 Meter pro Sekunde erreichte, machte aus der deutsch-österreichischen Vierschanzentournee eine Serie auf drei Schanzen.
Nachbesserungen notwendig
Aber es ist noch eine Vier-Springen-Tournee, sagte der Österreicher Walter Hofer, Renndirektor des Internationalen Ski-Verbandes (FIS) und letzte Instanz der Entscheidung. Für ihn zählt, dass vier Einzel-Weltcups stattfinden, das andere ist ja eine Sache der Veranstalter, die Serie findet sich in keinem FIS-Reglement. An diesem Samstag und Sonntag sollen in Bischofshofen (FAZ.NET-Liveticker) jeweils das Training und die Qualifikation sowie am späten Nachmittag die beiden noch fehlenden Wettkämpfe ausgetragen werden. Und dann hätte Bischofshofen wieder gleichgezogen. Bisher fehlt dem Ort im Salzburger Land ein Springen: 1956 wurde der Wettkampf wegen Schneemangels in Hallein ausgetragen. 1979 gab es letztmals eine Verlegung, als das Neujahrsspringen dem Wetter zum Opfer fiel und am 2. Januar nachgeholt wurde.
Die Bergisel-Schanze hoch über dem Innsbrucker Friedhof gilt als modernste Skisprung-Anlage in Österreich. Doch sie verfügt weder über Windnetze noch über Flutlicht. Selbst wenn wir heute im oberen Teil Windnetze gehabt hätten, hätte es nichts genützt, sagte am Freitag Alfons Schranz, der Chef des Innsbrucker Organisationskomitees. Um Chancengleichheit zu gewähren, sind diese Segel, wie schon an den Schanzen von Lahti und Kuusamo in Finnland, eine Hilfe, sie können bei wechselnden Winden zwischen einem Meter pro Sekunde Rückenwind und einem Meter pro Sekunde Aufwind eine laminare Strömung erzielen. Für die nahe Zukunft kündigte Peter Schröcksnadel, Unternehmer, Präsident des ÖSV und Mitbesitzer der Innsbrucker Schanze, Nachbesserungen an. Für dieses Jahr ist der Schaden nicht mehr gutzumachen. Die 700.000 Euro teure Veranstaltung ist nur zum Teil gegen Ausfall versichert. Die Zuschauer erhalten auf jeden Fall ihr Geld zurück.
Schnell weg, sonst fällt noch ein Baum aufs Dach
Einstimmig und schnell einigten sich die Mannschaftsführer am Freitag, uns wurde die Entscheidung abgenommen, sagte Hofer. Vergessen waren die heftigen Diskussionen vom Tag zuvor. Als nämlich der Sturm die Bäume beinahe quer legte, hatte erst der Protest der versammelten Elite der Trainer die Verlegung eines Windmessers erreicht, an den Vorbau der imposanten Schanze, weg von einer Stelle tiefer im Hang, an der das Lüftchen vergleichsweise lau wehte. Bis dahin hatten 23 Athleten schon jeweils einen Trainingssprung absolviert, dann entschied sich die Jury zum Abbruch. Das war wirklich ein beeindruckendes Schauspiel, sagte der Fünfte der Gesamtwertung, Michael Neumayer aus Berchtesgaden, der am Donnerstag mit den Kollegen in den Wachshütten unterhalb des Anlaufs auf eine Entscheidung gewartet hatte. Ich habe gedacht, jetzt müssen wir schnell weg, sonst fällt noch ein Baum aufs Dach. Am Freitag stieg nicht ein Athlet in den Aufzug zum Turm, dem die Star-Architektin Zaha Hadid einen Kobra-Kopf verpasst hat. Die meisten Teams blieben dem Bergisel fern - nur die Finnen mit ihrem Favoriten Janne Ahonen ließen sich die Luft an der Schanze um die Nase wehen. Schon früh morgens hatte der Sturm in der Stadt eine Geschwindigkeit von 60 bis 70 Kilometern pro Stunde erreicht; am dem Bergisel gegenüber liegenden Hausberg Patscherkofel wurden sogar 130 Kilometer pro Stunde gemessen.
Was den einen - vor allem den am Bergisel heimischen Schlierenzauer - schmerzlich traf, kam anderen gerade recht. Nicht nur wegen der verlängerten Pause für ihre Rekonvaleszenten Michael Uhrmann und Neumayer konnten die Deutschen der Verlegung viel Gutes abgewinnen. Neumayer, der die Paul-Außerleitner-Anlage in Bischofshofen als seine Lieblingsschanze bezeichnet, fühlte sich gar mit höheren Mächten im Bunde: Der Windgott hat mir in die Karten gespielt, sagte er. Der gesamte Tross hofft nun auf ein Einsehen. Immerhin sagen die professionellen Wetterbeobachter für die ohnehin durch die Natur mehr geschützte Schanze in Bischofshofen gutes Flugwetter voraus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS
