Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax
03. Mai 2008 Steigende Benzinpreise, die wachsende Kluft zwischen arm und reich, Stagnation im Mittelstand. Die Schlagzeilen in Kanada gleichen denen in Mitteleuropa - ein Indiz für die Globalisierung. Nur beim Sport ist Schluss mit den Parallelen. Eishockey schafft es hier auf die Seite eins. Mit dem Stand der Play-offs in der nordamerikanischen Profiliga NHL.
Vielleicht bringt es die Weltmeisterschaft in Halifax und Quebec ja auch noch ganz nach vorn, sobald sie in die entscheidende Phase geht. Schließlich hat sie am Freitag gerade erst begonnen und selbst ausgemachten Eishockey-Fans muss man im Mutterland dieses Sports erklären, was es mit so einer WM auf sich hat. Carn Ward, normalerweise im Tor der Carolina Hurricans, einem Klub der NHL, jetzt im Kasten von Team Canada, hat es wenigstens versucht: Es gibt nichts, was vergleichbar wäre mit dem Gewinn des Stanley Cups, aber Gold bei einer WM kommt gleich dahinter.
Wo liegt noch mal Slowenien?
Die potentielle Kundschaft will offenbar erst noch überzeugt werden. Man kann nicht gerade sagen, dass das Publikum ausflippte, als Kanada am Freitag 5:1 gegen Slowenien gewann (Siehe auch: Alle Spiele, alle Tore: Die Eishockey-WM in Kanada). Das Metro Centre war nicht einmal ausverkauft, dabei fühlen sich die Leute in der Region unfreiwillig auf Diät gesetzt, müssten ausgehungert sein nach erstklassigem Eishockey. Denn Halifax, mit rund 340.000 Einwohnern nicht gerade eine Kleinstadt, ist ebenso ein weißer Fleck auf der Landkarte der NHL wie das um einiges größere Quebec. Vielleicht haben einschlägig interessierte Kreise einfach nichts mit der Marke Slowenien anfangen können.
Nicht einmal alle unmittelbar beteiligten kanadischen Profis wussten Slowenien geographisch einzuordnen. Sportlich erst recht nicht. Der Premierensieg bei dieser WM lässt sich schwerlich als standesgemäß bezeichnen. Im einstigen Teil Jugoslawiens sind nach den Erhebungen des internationalen Fachverbandes gerade mal 949 Spieler registriert. In Kanada sind es 545.363. Ken Hitchcock, Trainer der Kanadier, wertete das 5:1 als Aufwärmprogramm einer Auswahl, die erfahrungsgemäß erst im Laufe des Turniers auf Touren kommt. Bei der letzten WM in Moskau gab es in der Frühphase ein 3:2 gegen Deutschland, im Jahr zuvor trennte man sich im Gruppenspiel 2:2 von Dänemark.
Solisten bei der Jamsession
Man muss sich das kanadische Ensemble vorstellen wie eine Ansammlung von hervorragenden Solisten, die sich zur Jamsession treffen. Um allerdings als die konkurrenzlosen All Stars der Nation durchzugehen, fehlt es an weiterer Prominenz. Es handelt sich um jene, die momentan noch in der NHL beschäftigt und deshalb unabkömmlich sind. Anders als in den Vorjahren hat sich Hitchcock kein Hintertürchen für Nachzügler offen gelassen, baut auf jene, die beizeiten zur Verfügung standen und fortan wohlgemut ihre Muskeln spielen lassen. Hitchcock hat sein Personal, immerhin Titelverteidiger, dringend davor gewarnt, auf den Heimvorteil zu bauen. Seit 22 Jahren ist es keinem WM-Gastgeber mehr gelungen, am Schlusstag als Triumphator vom Eis zu gehen.
Kanadische Medien betreiben mit diesem sachdienlichen Hinweis und weiteren Informationen Nachhilfeunterricht in WM-Kunde. Generell gilt: Je mehr NHL-Spieler sich in den Reihen der Nationalmannschaften aus aller Welt finden, desto eher werden sie ernst genommen. Die Slowenen etwa hatten nur einen, nämlich Anze Kopitar von den Los Angeles Kings zu bieten. Prompt sorgte der Stürmer in Überzahl für das Gegentor. Aber zum besten Spieler seines Teams wurde der überstrapazierte Torhüter Robert Kristan gewählt. Mats Waltin, der schwedische Trainer der Slowenen, empfahl seinen Torhüter wärmstens für einen Arbeitsplatz jenseits der slowenischen Grenzen - auf das dieser Karriere mache.
Die Weltmeisterschaft als Therapie
Wenn Kristan Glück hat, nehmen ihn die Späher der NHL erst ins Visier und dann unter Vertrag. Denn jede WM - beginnend mit den Junioren - ist Börse und Messe zugleich. In Halifax und Quebec können alle schon mal schnuppern, wie das so ist, in Amerika zu spielen. In der Halle riecht es nach Popcorn, pro Drittel gibt es mit Rücksicht auf die Werbung im Fernsehen zwei Werbepausen. Auf dem Eis tritt dann das Wisch und Weg-Team in Aktion: Männer mit Schaufeln, die die abgehobelten Eiskristalle zusammenkehren und Lappen, mit denen sie die Plexiglasscheibe über der Bande wienern.
Ob Kanada durchblickt? Als Schocker, als Augenöffner, hat Hitchcock die 1:4-Niederlage im letzten Testspiel vor der WM gegen Russland verkauft. Kapitän Dunkan Keith und seine Gang haben Besserung gelobt. Wäre ja auch fatal, ausgerechnet daheim einen Titel zu verspielen, den Kanada fern der Heimat schon 24 Mal gewonnen hat. In Hitchcocks Kader gibt es nicht wenige, für die die WM wie alle Jahre wieder als Therapie nach der Enttäuschung des vorzeitigen Ausscheidens aus den Play-offs in der NHL herhalten muss. Dabei steht in diesem Frühling viel mehr als das persönliche Ego auf dem Spiel: Die Weltmeisterschaft im Eishockey-Kernland Kanada.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
