Kommentar

Mit Mut und Verstand

Von Christiane Moravetz

04. Januar 2008 „Mut heißt nicht, frei von Angst zu sein, sondern, sich das Verhalten nicht von der Angst diktieren zu lassen." Toni Innauer, der Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes, hat Psychologe studiert und zitiert diesen Spruch seiner Berufskollegen gern.

Skispringer gelten als besonders wagemutig und unerschrocken, weil sie sich weit über hundert, manchmal sogar mehr als zweihundert Meter durch die Luft tragen lassen, hinunter in eine Tiefe, die ihnen in Sekundenschnelle entgegenkommt. Die Gedanken ans Aufgeben sind da, wenn der Wind lautstark pfeift auf dem Turm, wenn vor ihnen Kollegen stürzen. "Meistens wird ein Springen aber doch durchgezogen", sagt Michael Neumayer, der bei der laufenden Vierschanzentournee so erfolgreiche Deutsche. Man will sich eben keine Blöße geben und verdrängt die Gedanken an die gefährdete Gesundheit.

Gegen alle Vernunft

Bis zum bitteren Ende: Schon mehr als einmal hat es die Unversehrtheit von Athleten gekostet, ehe Skispringen abgebrochen wurden. Mit Schaudern erinnern sich Sportler, Trainer und Fans an die Bilder vom bösen Sturz des Russen Artur Khamidullin in Vikersund im Februar 2000, des Österreichers Thomas Morgenstern in Kuusamo im November 2003 oder des Tschechen Jan Mazoch in Zakopane im Januar 2006. Zwänge durch Sponsoren oder übertragende Fernsehanstalten, kurz: Interessen kommerzieller und nicht sportlicher Art, schienen damals gegen alle Vernunft die Oberhand zu gewinnen.

"Wir spielen hier nicht Schach", sagte der österreichische Trainer Alexander Pointner einst; "wir betreiben nun mal eine Risikosportart", wiederholte seinerzeit in Zakopane sein Landsmann Walter Hofer, der Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (FIS). Zynisch wirkende Aussagen, die manchem in den Sinn kamen, als er auf die Entscheidung am Freitag in Innsbruck wartete. Doch die handelnden Personen haben offensichtlich dazugelernt.

Hoffnung für die Zukunft

Sie haben nicht nur mit Reglementsänderungen für Flugmaterial, für Ski und Anzüge, mehr Sicherheit - und gleichzeitig mehr Chancengleichheit - geschaffen. Sie sind wohl auch bereit, die Show nicht mehr um jeden Preis durchzuziehen. Allerdings hat der Föhnsturm von Innsbruck allen, Funktionären wie Trainern und Athleten, die Entscheidung aufgezwungen - sie konnten ja gar nicht anders. Doch die Tatsache, dass nicht einmal kontrovers diskutiert wurde am Freitag über die Absage, sondern dass sich alle einig waren über die Notwendigkeit des Verzichts, das gibt Hoffnung für die Zukunft dieses Sports.

Seine Protagonisten sind doch mutig. Denn es gehört Mut dazu, rechtzeitig aufzuhören, und es gehört Verstand dazu, sich von nichts und niemandem einreden zu lassen, man könnte vor anderen als nicht mutig genug dastehen.



Text: F.A.Z., 05.01.2008, Nr. 4 / Seite 28
Bildmaterial: dpa

 
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