Von Roland Zorn, Göteborg
22. März 2008 Es sollte der Tag der Superlative, der Tag der Gipfelstürmer, der Tag der Überflieger werden. Es wurde für einige aus der Elite der weltbesten Eiskunstläufer der Tag der Abstürze, der Tag der harten Landungen, der Tag des Desasters. Am Ende triumphierte in Jeffrey Buttle ein 25 Jahre alter kanadischer Stilist, den vor der Herrenkonkurrenz zum Abschluss der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Göteborg niemand so recht auf der Rechnung hatte.
Doch dann schlug der leise Gleiter zu, nachdem die Topfavoriten, Titelverteidiger Brian Joubert, der zweimalige Weltmeister Stéphane Lambiel und der am höchsten gehandelte Japaner Daisuke Takahashi, Patzer begingen, ihr Programm verloren oder an ihren eigenen Höchstschwierigkeiten gescheitert waren.
Ein Schritt, eine Pirouette, ein Sprung nach dem anderen
Buttle aus Smooth Rock Falls in Ontario überholte sie alle nahezu lautlos und scheinbar mühelos, denn der neue Weltmeister und Nachfolger des Franzosen Joubert hatte nicht auf ein Feuerwerk aus Vierfachsprüngen und schwierigsten Kombinationen gesetzt, sondern auf seinen ausbalancierten Vortrag. Ein Schritt, eine Pirouette, ein Sprung nach dem anderen: Dieses Aufbauprogramm mit Spitzenperspektive sah zwar selten spektakulär aus, wog aber in der Gesamtkomposition schwerer als die Muskelspiele der Konkurrenz oder das Bemühen, Kunst um jeden Preis zu produzieren.
10.000 Zuschauer im Scandinavium feierten am Ende den Weltmeister der Unauffälligkeit. Ihm zur Seite standen tapfer lächelnd als Zweite und Dritte des Wettbewerbs Joubert, den eine Kampfkür über die Zeit gerettet hatte, und der Amerikaner Johnny Weir, der es mit einer Durchschnittskür, gemessen am eigenen, höheren Anspruch, zu Bronze gebracht und damit die einzige Medaille für die Vereinigten Staaten erobert hatte.
Sechs Läufer gleichermaßen aussichtsreich im Finale
Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll, lautete Buttles erste Reaktion auf den Sieg, den er in Schweden wohl selbst nicht erwartet hatte. Doch die Rivalen hätten schon am Freitagabend gewarnt sein müssen, dass der WM-Zweite von 2005 und Olympia-Dritte von 2006 wohl präpariert nach Schweden gekommen war. Buttle nämlich gewann das Kurzprogramm vor Weir und Takahashi, und so mancher glaubte anschließend, dies sei eher einer Laune des nordamerikanisch dominierten Preisgerichts zu verdanken gewesen.
Als am frühen Freitagabend zusammengezählt wurde, schienen gleich sechs Läufer gleichermaßen aussichtsreich ins Finale am Samstag starten zu können. Eine so enge und aufregende Konstellation hatte es in dieser meist besonders vitalen Konkurrenz seit Jahren nicht gegeben. Dann aber sollte sich rasch zeigen, dass nicht die ersten Favoriten, die sich allesamt übernommen hatten, und auch nicht die vermeintlich ersten Nachrücker wie der auf Rang 15 total abgestürzte tschechische Europameister Tomas Verner am Zuge waren. Dies war Buttles Tag, der elf Jahre nach Elvis Stojko dem Eiskunstlauf-Kernland Kanada einen unverhofften ersten Platz bescherte. Und das in der Disziplin, die im Mutterland des Eishockeys besonders geschätzt wird.
Richtig glücklich war nur einer
Die Konkurrenz war am Ende konsterniert. Lediglich Joubert, gut erholt von einer rätselhaften Viruserkrankung, hielt mit seiner Strategie des begrenzten Risikos einigermaßen mit. Er war schließlich halbwegs zufrieden mit dem Ergebnis seiner Bemühungen: Ich wollte nur sauber laufen, sagte er, nachdem er dieses Ziel erreicht und danach vor Erleichterung das Eis geküsst hatte. Aber die anderen? Schon bei Weir ging es los mit dem Gefühl, zu den Verlierern gehört zu haben.
Ich war ein bisschen müde am Ende, hob er hervor, und spürte viel Nervosität in mir. Meine Beine schlotterten, als ich meine Kür begann. Immerhin bin ich wenigstens nicht umgefallen, was mir vor zwei Jahren noch passiert wäre. Takahashi, der Vierter wurde, gab frank und frei zu, nicht gut gewesen zu sein. Flamenco-Tänzer Lambiel hatte als Fünfter keine Erklärung für seinen schwarzen Tag. Ich war viel zu nervös, sagte der aschfahl vom Eis schleichende zweimalige Weltmeister. Und Verner, sonst der Sonnyboy der Szene, wusste überhaupt nicht, was passiert war.
Er galt jahrelang als Wackelkandidat
Richtig glücklich war nur einer: Buttle. Für ihn war Göteborg zum Heimspiel geworden. So habe ich zu Hause trainiert, und als ich aufs Eis ging, habe ich mich wie daheim gefühlt. Das nennt man positive Energie. Ich war zu allem bereit, sagte der neue Weltmeister, während seine prominenten Kollegen aus allen Wolken gefallen waren.
Die Kampfdisziplin Herren-Eiskunstlauf hatte an diesem Samstag viele Opfer gefordert. Nur einer kam ungeschoren davon, ausgerechnet der, der seinen Job meist vollkommen unangestrengt zu erledigen scheint. Nun freut sich Buttle auf die Olympischen Winterspiele 1010 in Vancouver. Dann ist er Favorit - und wer weiß, ob es ihm guttut. Schließlich galt auch der neue Champion jahrelang als Wackelkandidat und Nervenbündel.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS
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