26. Dezember 2006 Sven Hannawald hat in der Diskussion um die Misere im deutschen Skispringen einschneidende Maßnahmen gefordert. Um alles ins Laufen zu bringen, braucht es Härte. Da muß man all die eingeschliffenen Dinge abschaffen, sagte er in einem Interview.
Wie geht es Ihnen im neuen Leben als Vater?
Gut. Ich kann zwar ganz am Anfang noch nicht so viel mit dem Kleinen tun, aber ich bringe mich ein. Ich helfe zum Beispiel auch beim Windelnwechseln, wenn Streß ist. Wenn er laufen kann, bin ich sowieso mehr gefordert.
Mit fast fünf Kilo war der kleine Matteo ja schon bei der Geburt ein Riesenbrocken.
Ich weiß auch nicht, von wem er das hat. Nadine und ich - wir sind beide groß und schlank. Aber da hat er wenigstens was zum Zusetzen.
Und wie verändert sich durch so ein Baby die Perspektive aus Leben?
Er zieht mich endlich komplett ins Leben zurück. Da gibt es keine Gedanken mehr ans Skispringen, wenn der Kleine brüllt. Es ist gut zu merken, daß es nicht nur das eine im Leben gibt. Weihnachten war umso schöner - erst bei Nadines Eltern und dann bei meinen.
Ihre Eltern wohnen ja auch in der erweiterten Nähe der vier Tourneeschanzen.
Vielleicht nehme ich das eine oder andere Springen mit. Ich weiß das noch nicht genau. Wenn, dann würde ich Nadine und den Kleinen mitnehmen. Dann bekommen Sie auch mit, was für eine tolle Stimmung bei der Tournee herrscht.
Und wie würde es Ihnen an der Schanze gehen?
Wenn man 20 Jahre dabei war, fällt es sehr schwer, loszulassen. Andere gehen damit vielleicht lockerer um, aber ich habe so meine Schwierigkeiten als passiver Zuschauer. Das ist ein Schwebezustand bei mir, ich muß es erst abschließen und eine neue Aufgabe finden.
Wer sind diesmal die Favoriten für Sie?
Eigentlich immer die ersten Drei des Gesamtweltcups plus zwei Überraschungen. Der Österreicher Schlierenzauer ist in einer tollen Form. Aber auch der Norweger Jacobsen hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Aber man kann vorher nie wissen, wer mit dem ganzen Rummel gut umgehen kann. Deshalb gibt es immer wieder erfahrene Leute, die das Feld von hinten aufrollen können. Adam Malysz ist so einer. Es wird spannend, weil es so viele neue Gesichter gibt.
Allerdings nicht aus dem deutschen Lager.
Ich bin überzeugt, daß Sie sich Stück für Stück ranarbeiten werden. Natürlich ist die Tournee spannender, wenn ein Deutscher vorne mitkämpft. Aber manchmal muß man nur Kleinigkeiten ändern und es geht von 0 auf 100. Martin Schmitt hat das Potential, das durchzuziehen. Michael Uhrmann hat schon im Training gezeigt, was er kann. Und bei Georg Späth hat es der Peter Rohwein bisher nicht geschafft, ihn richtig zu kitzeln. Er ist ein Riesentalent.
Wie ist Ihre Meinung zur Diskussion um den Trainer?
Wenn ich mit Peter rede, strahlt er immer eine große Ruhe aus. Aber das Ganze hängt nicht von einer Person ab. Es ist vor allem die Unsicherheit der Athleten, die ein Problem ist. Wenn die nicht da wäre, wären wahrscheinlich auch die Erfolge da. Dann würde jeder sagen, der Peter ist ein Supertrainer. Letzten Endes entscheidet das sowieso der Verband: Wenn die meinen, er ist der falsche Mann, ist er weg. Wenn sie denken, es ist der richtige, dann bleibt er.
Haben Sie eine Idee, wie es im deutschen Skispringen wieder aufwärts gehen könnte?
Wenn ich die Idee hätte, dann hätte ich wahrscheinlich schon einen neuen Job. Da haben jetzt plötzlich viele Leute viele gute Tips. Aber um alles ans Laufen zu bringen, braucht es Härte. Da muß man all die eingeschliffenen Dinge abschaffen.
Wieso hat es früher zu Ihrer Zeit funktioniert?
Früher hat man sich nicht viele Gedanken um Trainer, Fehlplanungen oder sonstwas gemacht, da ist es einfach gelaufen. Jetzt ist irgendwie der Wurm drin. Da erscheint plötzlich ein Loch, aber das ist anderen Nationen auch schon so gegangen. So wie es jetzt bei den Österreichern läuft, ist es uns früher auch gegangen. Als wir vorn waren, da waren plötzlich auch die Leute dahinter besser. Da haben im Continentalcup Leute wie Else oder Bracht gewonnen.
Und wo war der Punkt, wo die Sache gekippt ist?
Nach dem Trainerwechsel von Reinhard Heß war plötzlich Unruhe drin. Da wurden Interviews gegeben, es ging ums Training und den Trainer. Aber ich denke, daß die deutschen Skispringer den Tiefpunkt durchschritten haben. Sie nehmen Fahrt auf, und wissen wieder, was sie machen müssen. Sie bringen es halt bloß noch nicht in den Wettkampf.
Verstehen Sie die Fans, die jetzt abschalten oder nicht mehr an die Schanze kommen, weil die Erfolge fehlen?
Man darf die heutige Situation nicht mit der von damals vergleichen, als Martin oder ich vorn waren. Es ist logisch, daß die Leistung von Einheimischen da sein muß, dann fiebern die Leute viel mehr mit. Das ist nun mal das Nonplusultra, wenn Deutsche vorn sind. Das hat man ja auch im Tennis gesehen.
Wollen Sie sich irgendwann beim Deutschen Skiverband einbringen - als Trainer oder Berater?
Ich weiß, daß es für mich immer eine offene Tür beim Verband gibt. Aber wenn ich das mache, will ich nichts mit Referaten oder Computern zu tun haben. Dann möchte ich meine Erfahrungen als Aktiver weitergeben. Ich weiß, wie es da im Kopf arbeitet und wie man mit Druck umgehen muß. Aber wenn, dann will ich es richtig machen. Dann müßte ich auch noch mal die Schulbank drücken und hundert Prozent dahinterstehen. Aber so weit bin ich noch nicht. Natürlich ist es für einen Trainer ein schönes Gefühl, wenn du Erfolge feierst.
Und Ihre sonstigen beruflichen Pläne.
Ich habe schon mal als Model bei einem Fotoshooting gearbeitet, das wäre was für mich. Das wäre ein Einstieg, bei dem ich nicht viel Rummel um mich hätte. Beim Springen wäre wahrscheinlich noch zu viel los.
Woran denken Sie zuerst im Rückblick auf Ihre Karriere?
An meinen Vierfachsieg bei der Tournee. Da kommt mit großem Abstand nichts ran. Dann an den Olympiasieg 2002 mit diesem winzigen Abstand und den Triumph bei der WM 1999.
Und die schönste Szene?
Nach dem Vierfachsieg bei der Tournee in Bischofshofen, als meine Familie da war. Es waren unglaublich schöne Momente. Wie sich alles aufgebaut hat, ich nach außen hin die ganze Zeit cool geblieben bin und es tatsächlich mit dem historischen Vierfachsieg geschafft habe.
Gibt es manchmal Momente, in denen Sie an ein Comeback denken?
Höchstens mal in einem Promispringen bei Raab. Natürlich denkt man am Anfang mindestens einmal am Tag dran, aber ich habe eingesehen, daß es nichts bringt. Vom Bewegungsgefühl habe ich es noch drin, aber ich müßte wahrscheinlich 20 Luken höher anfahren, damit ich die gleichen Weiten springe. Außerdem müßte ich wie verrückt Krafttraining machen - wegen der veränderten Materialbestimmungen sind die doch jetzt alle wie hochgezüchtete Rennpferde. Es wird also kein Comeback geben. Ich lebe jetzt mein neues Leben in Berlin und fühle mich wohl dabei.
Text: FAZ.NET mit Material von sid
Bildmaterial: ddp
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