05. Februar 2008 Eishockey-Nationaltorhüter Robert Müller spricht im F.A.Z.-Interview über seine zwei Vereinswechsel in einer Saison und das Leben mit einem Tumor.
Sie wurden mit überwältigender Mehrheit von den Fans für das All-Star-Game nominiert. Egal in welcher Halle Sie in der Deutschen Eishockey Liga auftreten, der Beifall beim Einlauf ist Ihnen gewiss. Wie haben Sie sich diese Sympathie verdient?
Schwer zu sagen. Es stimmt schon, es ist wirklich eine Ehre und für einen Sportler eine ganz außergewöhnliche Situation, dass man auch in gegnerischen Stadien so herzlich begrüßt wird. Gänsehaut ist da schon meist dabei. Ich denke, die Menschen haben mich und meine offene Art schätzen gelernt, ich habe mir nie einen Skandal geleistet. Sicher hat die Leute aber auch beeindruckt, wie ich die Krankheit besiegt habe.
Mannheim, Duisburg, Köln - Sie spielen nach Ihrer Tumoroperation am Kopf bereits für den dritten Klub innerhalb nur einer Saison. Beständigkeit und Vereinstreue sehen anders aus, oder?
Wieso? So kann man das nicht sagen. Wer einen genauen Blick auf meine Karrieredaten wirft, sieht, dass ich zuvor meine Verträge immer erfüllt habe. In Mannheim war die Situation aber einfach zu problematisch, da gab es eine Person, deren Namen ich nicht nennen will (der inzwischen entlassene Trainer Greg Poss, d. Red.), für mich keine Perspektive mehr. Also haben mir gute Freunde die Chance gegeben, unter gewissen Umständen in Duisburg zu spielen. Aber es war immer klar, dass ich die Zusammenarbeit mit dem Klub auch wieder beenden werde, sobald ein passendes und langfristiges Angebot von einem Topteam vorliegt.
Sie wurden mit den Adlern Meister und waren noch für zwei Jahre gebunden. Hätte es sich nicht gelohnt, um den begehrten Arbeitsplatz in Mannheim zu kämpfen?
Wenn ich gewusst hätte, wie es in der Trainerfrage weitergeht, bestimmt. Hinterher ist man aber immer schlauer. Aber heute bin ich froh, dass ich in Köln bin. Die beiden Vereine nehmen sich vom Renommee nichts. Jetzt habe ich einen Trainer, der auf mich setzt, das bringt Selbstvertrauen.
Vom Branchenprimus ging es zu einem Kellerkind und nun wieder zu einem Titelanwärter - ist es nicht schwierig, sich ständig auf ein neues Umfeld, neue Trainer, neue Erwartungen einstellen zu müssen?
Was ich mache, ist nicht vergleichbar mit dem Büroalltag eines Angestellten. Im Grunde genommen sind es für uns Eishockeyspieler überall die gleichen Arbeitsabläufe. Ich komme bei einem neuen Verein nicht mit fremden Menschen zusammen, sondern kenne über die Nationalmannschaft viele Kollegen. Für meine Familie ist die Situation viel schwieriger.
Wann packen Sie das nächste Mal die Umzugskartons?
Ich wäre sehr froh, wenn ich meinen Vertrag in Köln bis 2010 erfüllen und in der Wohnung bleiben könnte. Meine Frau glaubt schon gar nichts mehr, wenn ich mit ihr über Zukunftsplanung rede. Wir Eishockeyspieler sind aber nun mal moderne Nomaden, wir müssen da hingehen, wo wir unser bestmögliches Auskommen finden. In den paar Jahren, die ich noch Profi bin, muss ich sehen, dass ich für die Zeit nach meiner Karriere eine vernünftige finanzielle Grundlage bilde.
Früher gab es Typen wie Kühnhackl, Kießling oder Krupp, die weit über ihren Sport hinaus bekannt waren. Heute gibt es neben Ihnen nur wenige prägende Gesichter, die sofort von vielen Fans mit dem deutschen Eishockey in Verbindung gebracht werden. Fehlt es an bekannten Größen, die die Zuschauer ins Stadion locken?
So ist es, leider. Die Charakterköpfe sind weg. Viele Spieler versuchen, so wenig wie möglich aus der Masse herauszuragen und so gut wie gar nicht aufzufallen. Vor Jahren, als die WM-Partien der Nationalmannschaft noch in ARD und ZDF zu sehen waren, war der Bekanntheitsgrad viel höher als im Augenblick, wo wir nur kurz im DSF oder im Pay-TV auftauchen.
Der typische Manager eines deutschen Eishockeyklubs verpflichtet auch lieber einen jungen Nordamerikaner als ein hierzulande ausgebildetes Talent. Warum?
Das gehört für mich zu den unverständlichsten Entscheidungen, die es in der DEL gibt. Ich wundere mich darüber, wenn behauptet wird, wir deutschen Spieler seien zu teuer: Das stimmt einfach nicht! Zum Glück wird es aber besser. Auch dank Bundestrainer Uwe Krupp, der einen super Job macht und wie schon Hans Zach immer wieder darauf hinweist, dass wir in Deutschland auch auf Deutsche setzen müssen, wenn unser Sport hier eine Zukunft haben soll.
Vor etwas mehr als einem Jahr wurden Sie letztmals am Kopf operiert. Haben Sie damals daran geglaubt, dass Sie wieder zur alten Stärke finden würden?
Absolut, ich hatte nie Zweifel. Das sage ich nicht, weil ich heute als Held dastehen möchte. Mir ging es nie schlecht. Ich hatte bloß wochenlang Nackenschmerzen, doch als die Diagnose feststand, lag ich vier Tage später schon unterm Messer. Seitdem fühle ich mich wieder völlig in Ordnung.
Fürchten Sie, dass Sie einen Rückschlag erleiden könnten?
Nein, ich habe keine Angst, denn ich weiß, der Mann im Himmel meint es gut mit mir. Ein Stück des Tumors ist noch immer da, das kann nicht entfernt werden, weil sonst das Gehirn möglicherweise geschädigt wird. Vielleicht bleibt das so mein Leben lang. Alle drei Monate gehe ich zu Kontrolluntersuchungen. Ich vertraue den Ärzten.
Hat Sie die Krankheit in Ihrer Karriere zurückgeworfen?
Nein. Sportlich hat es mir auf keinen Fall geschadet. Ich sehe auch sonst nur die positiven Seiten an der Sache, auch wenn sich das vielleicht verrückt anhört: Familie und Freunde sind enger zusammengerückt, wir wissen heute, was von manchem Schulterklopfer zu halten ist.
Das Gespräch führte Marc Heinrich.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.02.2008, Nr. 5 / Seite 19
Bildmaterial: dpa
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