DEL-Finale

Alter schützt vor Torhunger nicht

Von Thomas Klemm

20. April 2008 Es war wieder einmal Werbung für das Eishockey, was die 4700 Zuschauer am Freitagabend im Berliner Wellblechpalast erlebten, und die einzige passende Werbezeile für das prickelnde Spiel müsste lauten: Der Tag geht, Steve Walker kommt. Gerade hatten die Kölner Haie in Überzahl den 3:3-Ausgleich erzielt und durften 46 Sekunden vor Schluss auf eine Verlängerung hoffen, da kehrte ebenjener Walker wieder von der Strafbank aufs Eis zurück, hielt seinen Schläger hin - und durfte sich im dritten Finalspiel zum zweiten Mal als Matchwinner feiern lassen.

Hatte der Kapitän der Berliner Eisbären im ersten Aufeinandertreffen das entscheidende Tor in der dritten Minute der Verlängerung erzielt, so traf er diesmal einen Tick früher: Exakt 31 Sekunden vor der Schlusssirene schoss er das 4:3, so dass die Eisbären an diesem Sonntag in Köln mit einem weiteren Sieg in der Serie "Best of five" ihre dritte Meisterschaft feiern können. "So ein verrücktes Spiel habe ich noch nicht erlebt", sagte der 35 Jahre alte Steve Walker nach seinem Geniestreich am Freitag, den Eisbären-Trainer Don Jackson mit den Worten quittierte: "Große Spieler machen in großen Spielen den Unterschied aus."

Ein packendes Duell der Kapitäne

Jacksons Einschätzung trifft auf Walker zu und auf die ganze Play-off-Serie, in der sich die beiden Kapitäne ein packendes Duell liefern: Denn im zweiten Finalspiel hatte der große, alte Kölner Dave McLlwain entscheidend zum 2:1 getroffen. An jenem vergangenen Dienstag in der Kölnarena zeigte sich mustergültig, über welche Macht und Möglichkeiten ein erfahrener Mannschaftskapitän verfügen kann. Vierzig Minuten waren gespielt, in denen die Haie schwungvoll, aber orientierungslos auftraten und 0:1 gegen die Eisbären zurücklagen, da nahm sich McLlwain in der folgenden Drittelpause die lieben Kollegen gehörig zur Brust.

Was genau er von sich gab, das sagt der Eishockeyprofi immer noch nicht. Aber dass es bei seiner Kabinenansprache laut und deutlich zuging, ist sicher. Selbst Trainer Doug Mason gab keinen Mucks von sich, als sein Kapitän die letzte Leidenschaft aus seinen Kollegen herauskitzelte. Die Haie schafften im Schlussdrittel die Wende und den Sieg, dank des Treffers von McLlwain. Es gebe eben Momente, sagte er später, in denen "man als älterer Spieler mal den Mund aufmachen muss". In sieben Wochen wird der Colonia-Kanadier 41 Jahre alt; er ist damit der älteste Profi in der laufenden Finalserie der Deutschen Eishockey Liga (DEL).

Alle Helden brauchen einen, der sie anführt

Auf der anderen Seite ist Steve Walker auch einer, der seine Mannschaft mit Wort und Tat mitreißt. Auch er ist zugleich Routinier und Teamplayer. Nachdem er das erste Spiel mit seinem Tor beendet hatte, sagte der gefeierte Walker: "Es gibt in den Finalspielen nicht nur einen Helden." Aber alle Helden brauchen einen, der sie anführt; einen, der ihre Energie auf dem Eis in die rechten Bahnen zu lenken versteht; eben einen wie Walker oder wie McLlwain.

Bevor die Finalserie begann, war viel von den tollen Talenten in beiden Teams die Rede: Weil die Kölner sieben einheimische Jungstars in ihren Reihen haben, die Berliner sogar deren neun, erschien das DEL-Duell wie ein Traumfinale des neuen deutschen Eishockeys. Und die Jungspunde haben gezeigt, was sie können: "Sie haben großen Anteil daran, dass wir so weit gekommen sind", lobt Walker den Berliner Nachwuchs, von denen nur der Doping-Test-Verweigerer Florian Busch nicht mehr den besten Ruf genießt.

Walker spielt seit Wochen mit einem teilgerissenen Kreuzband

Vor allem haben die Talente hüben wie drüben dazu beigetragen, dass die Blessuren der Altvorderen nicht weiter aufgefallen sind: Für die Berliner läuft Walker seit Wochen mit einem Teilriss des vorderen Kreuzbandes auf, die Haie mussten vorübergehend auf den grippekranken McLlwain verzichten. "Es war hart, die Jungs beim ersten Finale vom Krankenbett aus zu verfolgen", sagt der Kölner Kapitän.

Die beiden kanadischen Routiniers verbindet aber viel mehr als eigene Zipperlein und ihre Führungsrolle für alle: Beide sind Ausnahmestürmer, beide sind ihrem Klub in der achten DEL-Saison seit 2000/01 ununterbrochen treu, beide gehören zu den besten Punktesammlern ihres Teams. McLlwain ist mit 63 Zählern der zweitbeste Haie-Stürmer, Walker hat in der laufenden Spielzeit sogar zwei historische Bestmarken der Berliner überboten. Seit Dezember ist er (mit jetzt 459 Punkten) der beste Scorer in der Eisbären-Geschichte, im Januar überbot er zudem den Saison-Punkterekord des tschechischen Olympiasiegers Jirí Dopita, der 68 Zähler in der Spielzeit 1994/95 für Berlin erreichte. Mittlerweile hat Walker schon 93 Punkte, aber das interessiert ihn kaum.

McLlwain galt einst als Wackelkandidat

"Eishockey ist ein Mannschaftssport", sagt der Stürmer, der das Kollektiv stets wichtiger nimmt als sich selbst oder irgendeine andere Autorität. So hat sich Walker in der vorigen Saison mit Pierre Pagé angelegt, als der damalige Eisbären-Trainer die Mannschaft übel beschimpfte. Die Kollegen haben den Einsatz ihres Wortführers nicht vergessen. Als der aktuelle Coach Jackson vor der Saison einen deutschen Profi zum Kapitän machen wollte, widersetzte sich das Team und sprach sich in geheimer Wahl für Walker aus.

Auch Dave McLlwain ist die Führungsrolle bei den Haien nicht einfach zugefallen. Obwohl schon im fortgeschrittenen Eishockey-Alter und mit reichlich NHL-Erfahrung nach Köln gekommen, galt der Stürmer in seiner Anfangszeit immer wieder als Wackelkandidat. "Es war in den ersten Jahren nie klar, ob er bei unserem Klub bleiben kann", sagt Haie-Manager Rodion Pauels, "er hat oft monatelang auf einen neuen Vertrag warten müssen."

Gilt das Gesetz der Serie auch im vierten Finalspiel?

Mittlerweile habe McLlwain "Leaderqualitäten entwickelt" und sei dafür belohnt worden. Im vorigen November unterschrieb der knapp Einundvierzigjährige schon den Vertrag für eine neunte Saison bei den Haien. "Er ist einer der fittesten Spieler im Team, er lebt den Sport und hat daher Vorbildfunktion für unsere jungen Spieler", sagt Pauels.

Tatsächlich sind Nachwuchsstürmer wie Philip Gogulla stets aufs Neue mächtig beeindruckt vom Oldie in ihren Reihen. "Er ist ein Ausnahmesportler, er kommt jedes Jahr topfit und mit großer Begeisterung zur Mannschaft und will Meister werden", sagte der zwanzig Jahre alte Gogulla. Einmal, im Jahr 2002, ist es McLlwain schon gelungen, den Titel mit den Haien zu holen. Sein Widerpart Steve Walker indes kann an diesem Sonntag seine dritte Meisterschaft nach 2005 und 2006 feiern. Aber wenn es ein Gesetz dieser Finalserie gäbe, dann müssten die Haie in eigener Arena den Matchball abwehren und nach Siegen egalisieren: durch einen Treffer von Dave McLlwain kurz vor Spielschluss.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, dpa

 
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