Eishockey in Amerika

Ein „Deutschlander“ als feste Größe

Von Jürgen Kalwa, New York

Johannes Ehrhoff (r., gegen Jarome Iginla von Calgary Flames) besteht im Haifischbecken NHL

Johannes Ehrhoff (r., gegen Jarome Iginla von Calgary Flames) besteht im Haifischbecken NHL

04. April 2009 Im vergangenen Sommer machte eine kurze Nachricht aus Kalifornien die Runde, die kaum jemand weiter beachtete. Da wurde offiziell bekanntgegeben, dass der Krefelder Eishockeyprofi Christian Ehrhoff bei seinem alten Klub, den San Jose Sharks, einen neuen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben hatte. Die Meldung enthielt allerdings ein Detail, das zumindest Kenner der National Hockey League hätte aufhorchen lassen können: Das Team hatte dem 26jährigen Verteidiger für die Laufzeit des Kontrakts eine Summe von 9,3 Millionen Dollar brutto ausgelobt. Ein Betrag, der rund 50 Prozent über dem Durchschnitt in der besten Eishockey-Liga der Welt liegt. Mit anderen Worten: Ehrhoff gilt in Nordamerika inzwischen als überdurchschnittlicher Spieler. Und zwar in einer hervorragend besetzten Mannschaft. Die Konstellation könnte nicht besser sein. „Ich fühle mich superwohl in San Jose. Und wir haben eine Super-Mannschaft“, sagte Christian Ehrhoff vor ein paar Tagen.

Die Sharks gehören schon seit Jahren immer wieder zu den Punktbesten der Tabellenphase der Saison, in der jede Mannschaft 82 Spiele absolviert (siehe auch: Sport in Amerika: Ergebnisse und Tabellen der großen Profiligen). Doch in den Play-offs der besten 16 kam zuletzt schon mehrmals bereits in der zweiten Runde das Aus. Die enttäuschten Erwartungen sorgten im Mai dafür, dass der eigentlich erfolgreiche Trainer Ron Wilson entlassen wurde, unter dessen Regie der Klub mehr deutsche Eishockeyspieler verpflichtete als jeder andere. Ein Mann, der stets viel Verständnis für den talentierten Verteidiger aufbrachte; Ehrhoff wird als schneller Schlittschuhfahrer und Schlagschussspezialist sowohl in Überzahl- als auch in Unterzahlsituationen eingesetzt. Junge Leute, besonders die in der Defensive, müssten lernen, ihr Spiel zu vereinfachen, sagte er vor einem Jahr: „Das lernst du durch Erfahrung. Deshalb kannst du die Entwicklung auch nicht beschleunigen. Das ist wie bei Quarterbacks in der NFL.“

Johannes Ehrhoff (l.) im Spiel seine San José Sharks gegen die New Jersey Devils
Johannes Ehrhoff (l.) im Spiel seine San José Sharks gegen die New Jersey Devils

„Deutschlanders getting it done“

Wilson arbeitet inzwischen in Toronto, wo man froh wäre, überhaupt die Play-offs zu erreichen. Und das deutsche Kontingent ist geschrumpft. Nachdem zunächst Marco Sturm an die Boston Bruins abgegeben wurde, ließ man mit Dimitri Pätzold einen der beiden Ersatztorleute aus dem Farm Team in Worcester ziehen. Immerhin: Dort gehört noch immer Thomas Greiss zu den Stammkräften. Er brachte es in diesem Winter sogar zu ein paar Einsätzen im Oberhaus. Fast wäre auch Marcel Goc nicht mehr da, der gewöhnlich in der sogenannten Checker-Linie, dem vierten Sturm, zum Einsatz kommt. Doch schließlich einigte man sich im letzten Sommer auf einen Einjahresvertrag. Das Salär ist für die Verhältnisse in der NHL vergleichsweise bescheiden. Es liegt bei 775.000 Dollar.

Ehrhoff und Goc sind in der Freizeit viel zusammen, nicht nur bei Auswärtsspielen („Unsere beiden Frauen sind auch miteinander befreundet“). Wer mag, kann sie inzwischen sogar bei YouTube im Internet in einem professionell gedrehten, ausführlichen Video erleben – bei den Gocs zu Hause, beim Bier im Garten eines bayrischen Restaurants in San Jose und abends beim Fußball der Major League Soccer, wo beide nicht nur Autogramme geben müssen, sondern am Spielfeldrand zeigen, dass sie sehr gut mit dem Ball jonglieren können. Manchmal sorgen sie auch auf dem Eis für die Höhepunkte. Wie etwa im Januar beim 2:0-Sieg gegen die Phoenix Coyotes, als beide für die Tore sorgten. Ein Eishockey-Blogger lobte hinterher: „Deutschlanders getting it done.“ Die beiden Deutschen hätten es mal wieder hinbekommen.

Der Traum vom Stanley-Cup

Die einzige Frage, die man sich in diesen Wochen im Umfeld der Mannschaft stellt: Wird das auch in den Play-offs so gut funktionieren? Dort geht man als Nummer eins der Western Conference in die K. o.-Runde mit ihren Best-of-Seven-Serien und trifft zumindest theoretisch auf sehr viel schwächere Gegner – auf die Columbus Blue Jackets oder die St. Louis Blues etwa. Natürlich würde auch Christian Ehrhoff gerne am Ende den Stanley-Cup in den Händen halten, anstatt wieder einmal darüber nachzudenken, weshalb es nicht geklappt hat. Denn: „Das ist schwer zu erklären. Sicherlich hängt es damit zusammen, dass die Mannschaft nicht ihr komplettes Potential ausschöpft.“

Dazu gehört sicher auch, dass Ehrhoff selbst in Schwung kommt, dem man in der Vergangenheit immer wieder nachgesagt hatte, dass er bisweilen in entscheidenden Situationen folgenschwere mentale Patzer produziert. Sein ehemaliger Nebenmannn, der 34-jährige Kanadier Craig Rivet, wusste ihn immer wieder aufzubauen: „Er versteht und liest das Defensivspiel sehr gut. Auch das, was weitab vom Puck passiert. Das dauert, bis man das kapiert. Aber er macht Fortschritte.“

Rivet kann ihm jedoch nicht mehr den Rücken freihalten. Just als der Krefelder seinen neuen Vertrag unterschrieb, wurde der Kanadier an die Buffalo Sabres abgegeben. Inzwischen richten sich die Mannschaftskollegen ohnehin eher an Ehrhoff aus. Mit 26 Jahren gehört der Deutsche schon zum alten Schrot und Korn: „In der Verteidigung bin ich der Spieler, der am längsten in der Mannschaft ist.“ Und selbst wenn es mit dem Pott nicht klappt, steht zumindest für ihn ein großes Ereignis ins Haus. Seine Frau ist schwanger. Das Baby wird für den Mai erwartet.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS

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