Eiskunstlauf-WM

Klimawandel auf dünnem Eis

Von Roland Zorn, Göteborg

18. März 2008 Für die Eiskunstlauf-Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City waren im Februar 2002 keine Kaufkarten mehr zu haben - bis auf das Pflichttanzsegment. Tolle Gelegenheit, auch einmal ganz nah dabei zu sein beim großen Kufenspektakel, dachte sich so mancher. Und so harrten 20.000 Zuschauer in der riesigen Olympiahalle erwartungsfroh eines Ereignisses, das keines war. Immer wieder Quickstep und Blues in dreißigfacher Ausfertigung, das zerstörte die Illusion vom bunten Eistheater. Also verschwand das Publikum in Scharen. Am Ende schauten nur noch 3000 Hardcore-Fans zu.

Mit dem Showkiller Pflichttanz ging auch die Weltmeisterschaft in Göteborg am Dienstagmittag los. Doch dieser Argentinische Tango könnte schon einer der letzten gewesen sein, da die Internationale Eislauf-Union (ISU) auch auf Drängen des Internationalen Olympischen Komitees ihren lästigen Pflichttanz spätestens nach den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver loswerden möchte. Der Dreiteiler Pflichttanz, Originaltanz, Kürtanz hat wegen Langeweile auf der ersten Etappe ausgedient.

Das überträgt nicht einmal Eurosport

Gut so für ein sowieso überholungsbedürftiges Eiskunstlauf-Programm, das mittlerweile in Teilen verstaubt oder unverständlich anmutet. Die Anachronismen setzten sich am Dienstag noch fort, als abends im zweiten Teil der Veranstaltung das Kurzprogramm der Paare begann. Sawtschenko/Szolkowy, die deutschen Europameister und WM-Favoriten, nahmen mit der Startnummer eins ihr Unternehmen Titelgewinn in Angriff, während ihre chinesischen Hauptrivalen Pang/Tong als einundzwanzigste und damit letzte der Konkurrenz an der Reihe waren. Dummerweise übertrug um 19 Uhr, als die beiden Chemnitzer liefen, noch nicht einmal Eurosport live, da zur selben Zeit Europas beste Schwimmer in Eindhoven die Welle machten und original im Bild des Spartensenders waren.

Die ISU will den per Regelwerk selbst herbeigeführten Spannungsverlust demnächst beheben, so dass die Besten aller Disziplinen schon in den Kurzküren erst am Ende dran sind. Der rapide Schwund an Einnahmen durch Fernsehgelder zwingt auch den ältesten Sportfachverband der Welt, gegründet 1892, zu längst überfälligen Reformen. Dazu sollen eine Reduzierung der Teilnehmerfelder bei der Kür von 24 auf 16 Einzelläufer oder Paare, die Einführung eines Teamwettbewerbs, die mögliche Erweiterung des Programmrepertoires auf zwei Küren und Kurzprogramme pro Saison sowie mehr Transparenz bei der Punktwertung gehören, die einem Großteil der Zuschauer so anonym wie eine Rechnungsnummer vorkommt.

Schnöde Punkte statt spannender Noten

Ottavio Cinquanta, der italienische ISU-Präsident, kennt noch die Jahre, da seine Finanzfachleute wie selbstverständlich auf die dicken Geldbatzen aus Amerika zählen konnten. Von 1999 bis 2004 überwies ABC per annum 22 Millionen damals noch harte Dollar auf die ISU-Konten. Seitdem beschied man sich am Verbandssitz Lausanne mit fünf Millionen Dollar, gezahlt vom Sportsender ESPN. Für das nächste Jahr, wenn die WM nach Los Angeles, also in Hollywood-Nähe, kommt, sind die Rechte, wie man hört, an den amerikanischen Olympiasender NBC quasi zum Nulltarif vergeben worden.

Lange wollte die Rechte niemand haben, weil die Popularität des Eiskunstlaufs in Nordamerika, sogar in der traditonell stärksten Bastion Kanada, eingebrochen ist. Es fehlt an Spitzensportlern mit Aura, und der Preisrichterskandal bei der olympischen Paarlauf-Entscheidung von Salt Lake City, wohl auch die daraus resultierende Einführung des neuen Punktsystems anstelle der alten emotionalisierenden Notengebung haben die Lust auf den Wettkampfsport Eiskunstlaufen entschieden gedämpft.

Zerstörung von ganz oben

Was im alten Europa mit einem eklatanten Interessensschwund in den Kernländern Deutschland und Frankreich begann, inzwischen auch in Russland Spuren hinterlassen hat, schlug mit dem demonstrativ nachlassenden Medieninteresse in Nordamerika bei der ISU so richtig zu Buche. Ein alter Markt mit Massenappeal brach zusammen, während in Fernost die Stars von heute, Mao Asada, Kim Yu-na oder Daisuke Takahashi frische Neugier weckten. In Deutschland, wo der Eiskunstlauf früher märchenhafte Einschaltquoten erzielte, haben sich ARD und ZDF so gut wie ausgeschaltet. Hier wie in den meisten anderen Ländern des Alten Kontinents hat man dem Spartensender Eurosport, der aus Göteborg in elf Sprachen preisgünstig überträgt, das Feld überlassen.

Nun also soll mit reformerischem Eifer das alte Kleinod Kunstlauf wieder aufpoliert werden. Ob allerdings dieser Vorschlag Cinquantas Anklang findet, ist die Frage. Der 69 Jahre alte Mailänder Inter-Fan sagt: „Der Fußball ist so bedeutend, weil er so einfach ist. Eiskunstlaufen aber ist eine komplizierte Geschichte. Also sollten wir unseren Sport im Fernsehen verständlicher machen und etwa mit farblichen Signalen anzeigen, ob einem Läufer ein Sprung oder ein anderes Element gelungen ist.“ Optische Klingeltöne als Sehhilfe für ein orientierungsloses Publikum? Damit hätte man den Eiskunstlauf als olympische Kernsportart dann endgültig von ganz oben zerstört.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

 
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